Joaquin Phoenix in "Inherent Vice" Sünde, überall nur Sünde

"Inherent Vice" von Paul Thomas Anderson ist ein grandioser Spaß. Joaquin Phoenix als kiffender Privatdetektiv führt in ein Kalifornien der Siebziger, wie es grotesker, psychedelischer und sexier nie zu sehen war.
Joaquin Phoenix in "Inherent Vice": Sünde, überall nur Sünde

Joaquin Phoenix in "Inherent Vice": Sünde, überall nur Sünde

Foto: Warner Bros.

"Bei Detektivfilmen gibt es eigentlich sowieso nur eine goldene Regel", hat Paul Thomas Anderson jüngst in einem Interview gesagt: "Der Protagonist sollte mindestens alle fünf Minuten in einem Auto mit offenen Fenstern durch die Stadt fahren und mit einer hübschen Frau flirten."

Andersons neuester Film "Inherent Vice - Natürliche Mängel" ist ein Detektivfilm, aber ein so verblüffender, dass man auf den ersten Blick kaum sagen kann, ob er dabei alle oder keine Regeln beachtet hat.

Als erster Regisseur überhaupt hat Anderson mit "Inherent Vice" ein Buch von Thomas Pynchon adaptiert und verfilmt. Pynchons Werke gelten als unverfilmbar, da ihre Handlungen überaus vertrackt sind und sich ihre Referenzrahmen über Jahrhunderte und von E- bis U-Kultur spannen.

"Inherent Vice", erschienen 2009, bildet insofern eine Ausnahme, als dass der Roman eine linear erzählte Geschichte und eine simple Ausgangssituation aufweist: Wir schreiben das Jahr 1970, befinden uns in einem Küstenort unweit von L.A., und der ständig bekiffte Privatdetektiv Doc Sportello soll den spurlos verschwundenen Immobilienmogul Mickey Wolfmann auftreiben.

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"Inherent Vice": Ein Bild von einem Hippie

Foto: Warner Bros.

Dass Doc den Auftrag von seiner Ex-Freundin Shasta Fay erhalten hat, die jetzt die Geliebte von Wolfmann ist und befürchtet, dass Wolfmanns Ehefrau und deren Geliebter hinter der möglichen Entführung stecken, gehört noch zu den übersichtlichen Momenten der Geschichte, die bald einen Saxophon-Spieler umfasst, der als Doppelagent arbeitet, Zahnärzte, die mit Drogen handeln, und eine Nazi-Rocker-Crew, die Doc umbringen wollen. Unter anderem.

Im Film ordnet sich das Geschehen schon deshalb leichter, weil mit Joaquin Phoenix als Doc in fast jeder Szene ein Gesicht als visuelle Konstante vorhanden ist. Darüber hinaus findet Phoenix eine Möglichkeit, alle Facetten von "Inherent Vice" in seinem Gesicht zu spiegeln. Er kann Slapstick und Horror, Liebesschmerz und Haschisch-High. Wer Phoenix in Andersons"The Master" toll fand, wird verblüfft sein, dass er hier eine ganz anders gelagerte, aber vollkommen ebenbürtige Meisterleistung bietet.

Newcomerin Katherine Waterston besticht als unglaublich sexy Shasta Fay, doch einzelne Darstellerleistungen hervorzuheben, wird dem Erzählprinzip von "Inherent Vice" nicht gerecht. In jeder Episode taucht ein toller Darsteller oder eine tolle Darstellerin auf und fängt jeden Gedanken wieder ein, der ob des verwinkelten Plots kurz abdriften könnte.

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Da ist Reese Witherspoon als ehrgeizige Staatsanwältin, die erstaunlich oft für Joint plus Sex auf Docs Couch zu haben ist. Da sind Owen Wilson und Jena Malone als Junkiepaar, dessen Baby drogensüchtig zur Welt kommt. Da ist Benicio Del Toro als Rechtsanwalt, der trotz seiner Spezialisierung auf Seerecht Doc mehr als einmal aus der Klemme helfen kann. Und da ist Josh Brolin als womöglich bestechlicher Cop Bigfoot Bjornsen, der von einer Karriere als Schauspieler träumt.

Im Buch wird schnell klar, dass Pynchon nicht die Siebzigerjahre abzubilden versucht. Vielmehr legt er in der Überzeichnung seiner Figuren, der Überdrehung des Plots und der Bezugnahme auf fiktive popkulturelle Elemente - unter anderem zitiert er ausgiebig aus fiktiven Songtexten fiktiver Bands - die Mechanismen frei, mit denen der vermeintliche Geist der Siebziger beschworen wird und die Erinnerungen an eine Epoche normiert werden.

Einen so abstrakten MacGuffin zu bedienen, erscheint im Medium Film, das ständig zeigen und erklingen lassen muss, schwer möglich. Doch Anderson findet einen wunderbaren Weg, der Geschichte einen Rahmen zu geben. Er hat die Rolle der orakelhaften Hippie-Frau Sortilège, mit der Doc einige wahrlich bewusstseinserweiternde Drogentrips unternimmt, mit der Weird-Folk-Sängerin Joanna Newsom besetzt und sie zur Erzählerin gemacht, die auf die Geschichte von Doc und Shasta Fay zurückblickt.

Mit Newsoms Erklärungen im Ohr, was wir gerade zu sehen bekommen, werden die Bilder von "Inherent Vice" noch einmal stärker zu Gemälden, als sie es durch Robert Elswits Kamera und Mark Bridges Kostümdesign eh sind. Bild reiht sich an Bild, Star an Star, ein neu aufzuklärender Fall für Doc an den nächsten, bis ein vollkommener Zeige- und Erzählrausch entstanden ist. "Inherent Vice" dekonstruiert somit nicht das Kino, sondern bietet seine reinste Form - und Paul Thomas Anderson erweist sich als Filmemacher, der nicht die Regel des Kinos bricht, sondern sie virtuos übererfüllt.

Inherent Vice - Natürliche Mängel

USA 2014

Regie: Paul Thomas Anderson

Buch: Paul Thomas Anderson nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Pynchon

Darsteller: Joaquin Phoenix, Katherine Waterston, Joanna Newsom, Josh Brolin, Owen Wilson, Reese Witherspoon, Benicio Del Toro

Produktion: Ghoulardi Film, IAC Films, Warner Bros.

Verleih: Warner Bros.

Länge: 148 Minuten

FSK: 16 Jahre

Start: 12. Februar 2015

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