"Insider" Im Namen des Profits

Während die amerikanische Tabakindustrie ein Urteil um Strafgelder von 300 Milliarden US-Dollar erwartet, liefert der Politthriller "Insider" die Hintergründe zum ersten großen Skandal, der 1995 die Prozesslawine gegen die Tabakkonzerne ins Rollen brachte.

Von Cristina Moles Kaupp


Rauchen macht krank und süchtig, das weiß man seit Jahren. Dass der Tabak allerdings mit suchtsteigernden Substanzen versetzt wurde, erfuhr die Öffentlichkeit erst 1995. Endlich hatte einer ausgepackt: Jeffrey Wigand, Vizechef der Forschungsabteilung des Tabakkonzerns Brown & Williamson. Er ließ sich in der populären CBS-Nachrichtensendung "60 Minutes" interviewen - doch aus Angst vor einer Millionenklage seitens des Tabakgiganten blieb das brisante Material zunächst unter Verschluss. Es kam zum Medienskandal, der jetzt als Politthriller "The Insider" mit Starbesetzung in deutsche Kinos kommt.

Regisseur Michael Mann ist bisher durch "Miami Vice" und "The Heat" bekannt geworden. Nun zeigt er, dass er auch ein fast dreistündiges Spektakel ohne Psychopathen und Ganoven packend inszenieren kann. Der Feind ist das System, das Amerika am Laufen hält: die Macht der Konzerne und die Skrupellosigkeit ihrer Handlanger. Sie operieren subtiler, ohne Verfolgungsjagden und blutige Gemetzel. Trotzdem knistert "The Insider" vor Spannung - geht es doch um das richtige Leben im Falschen, um Idealismus und konsequentes Handeln.

Lowell Bergman (Al Pacino, m.) scheut weder Krisengebiete noch Feindkontakt - doch an den Machenschaften der Tabakindustrie droht er zu scheitern
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Lowell Bergman (Al Pacino, m.) scheut weder Krisengebiete noch Feindkontakt - doch an den Machenschaften der Tabakindustrie droht er zu scheitern

So kommt Al Pacino in der Rolle des aufrechten "60 Minutes"-Produzenten Lowell Bergman wie gerufen. Er und sein Star-Interviewer Mike Wallace (Christopher Plummer) sind seit Jahren ein gutes Team. Im Namen der Wahrheit scheuen sie weder Krisengebiete noch Feindkontakt.

Auch der von Russell Crowe gespielte Jeffrey Wigand gehört zu den Guten. Und, zumindest zu Beginn des Films, zu den Begüterten: Er genießt mit seiner Familie alle Privilegien, die ihm sein hochdotierter Posten bei Brown & Williamson ermöglicht. "Ist es etwa verwerflich, Geld zu verdienen?", wird er verzweifelt Lowell Bergman fragen. Doch da hat sein Fall ins Bodenlose schon begonnen: Er wird gefeuert und gerät immer tiefer in den Widerstreit zwischen Vergeltung und Sorge um die Familie.

Er weiß von den suchtsteigernden Zusätzen in den Zigaretten, kennt aber auch die Lippenbekenntnisse der sieben Generaldirektoren der amerikanischen Tabakindustrie, die vor dem obersten Gerichtshof geschworen hatten, dass Zigaretten nicht süchtig machen. Wigand wird für seinen Ex-Arbeitgeber zur Zeitbombe und soll zum Schweigen verpflichtet werden. Andernfalls, so droht man ihm, verlöre er neben seiner Abfindung auch die medizinische Versorgung - für Wigand essenziell, da seine Tochter an Asthma leidet. Ein Affront, denn Wigand sieht so das in Frage gestellt, was ihm als Letztes noch geblieben ist: seine Integrität.

Gequält von Selbstzweifeln, zunehmender Paranoia und obskuren Morddrohungen entscheidet er sich für die Selbstachtung - für das Interview mit CBS und die Zeugenaussage im folgenden Prozess. Seine Frau wird ihn verlassen, er wird als Lehrer wieder von vorn anfangen müssen - Wigand, dem Russell Crowe seine vielen ausdrucksstarken Gesichter leiht, scheint daran fast zu zerbrechen. Doch Bergman steht ihm zur Seite, entwickelt sich in langen intensiven Gesprächen zur wichtigsten Bezugsperson.

Umso größer der Schock, als das Interview plötzlich doch nicht gesendet werden soll. Nun gerät auch Bergmans Welt aus den Fugen. Er muss selbst zum "Insider" werden, um der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen. So endet der lange Film fast zu schön, um wahr zu sein: Tusch für die Helden, satte Zufriedenheit.

"Insider" (The Insider), USA 1999. Regie: Michael Mann, Buch: Eric Roth und Michael Mann nach dem "Vanity Fair"-Artikel "The Man Who Knew Too Much", Kamera: Dante Spinotti, Darsteller: Al Pacino, Russell Crowe, Christopher Plummer, Philip Baker Hall. Touchstone Pictures, 155 Minuten.



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