Interview mit Ang Lee "Starke Frauen ziehen mich an"

Der aus Taiwan stammende Regisseur Ang Lee sprach mit SPIEGEL ONLINE über asiatische Wurzeln und den American Way of Life.

East meets West. Der US-Taiwanese Ang Lee, 46, gehört mit Werken wie "Das Hochzeitsbankett" oder "Der Eissturm" zu den interessantesten Regisseuren Amerikas. Mit dem Bürgerkriegsdrama "Ride with the Devil" widmete sich Lee einem uramerikanischen Thema - um gleich darauf mit dem berauschenden Kampfkunstmärchen "Tiger & Dragon" einen Ausflug zu seinen kulturellen Ursprüngen zu unternehmen.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Lee, zurzeit sind Ihr Südstaaten-Drama "Ride with the Devil" und die Kung-Fu-Oper "Tiger & Dragon" im deutschen Kino zu sehen. Haben Sie die Erfahrungen des einen Films für den anderen nutzen können?

Ang Lee: Ich hoffe es zumindest heimlich. Allerdings sind Männer auf Pferden mit Kanonen viel einfacher zu filmen als ein Kampfkunstfilm. Aber ich wusste nach "Ride with the Devil", wie viel Zeit Actionsequenzen in Anspruch nehmen. In der Fantasie sieht das einfach nur gut aus, in der Wirklichkeit ist es gefährlich. Den Zuschauern ist das egal, sie wollen nur schneller, doller, näher dran.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben über "Ride with the Devil" gesagt, Sie sähen den amerikanischen Bürgerkrieg als Geburtsstunde des American Way of Life. Warum?

Lee: Im Buch kam vieles zur Sprache, was meine Eltern oft zu mir sagten: Wir verlieren unsere kulturellen Wurzeln. Ich habe viel darüber gegrübelt, was diese Yankee-Invasion eigentlich bedeutet. Es musste mehr als militärische und ökonomische Überlegenheit sein. Die Siedler in Amerika haben auf einem neuen Kontinent neu angefangen und diese Yankee-Vision über eine ganze Region ausgebreitet. Aus irgendeinem Grund bestanden sie darauf, dass alle anderen genauso leben sollten. Insofern sehe ich eine Verbindung zwischen den Südstaatlern, die versuchten, ihre kulturellen Wurzeln zu bewahren, und den Menschen aus Fernost, wo heute die Kinder ihre Kultur zu vergessen drohen, weil sie auf das Recht bestehen, sich jeden persönlichen Wunsch zu erfüllen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind mit 23 in die USA gekommen. Wie viel Einfluss hat Ihre westliche Prägung auf "Tiger & Dragon" gehabt?

Lee: Ich glaube, ich habe hier gewissermaßen die A-Ingredienzen in ein B-Genre gebracht, emotionale Zusammenhänge in äußerliche Effekte verpackt. Und ich konnte ein großes Budget zusammenbringen, mit dem ich digital viel bewerkstelligen konnte. Keine billigen Techniken wie Rauch, die Vermeidung von Gegenlicht oder, was ich am meisten verachte: Vaseline auf der Kameralinse. Nein, wir haben die Drahtseile wirklich Einstellung für Einstellung retuschiert. So konnten wir eleganter filmen, mit mehr Großaufnahmen, realistischer.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten, Sie fühlten sich nicht als vollwertiger Regisseur, bevor Sie einen Kampfkunstfilm gedreht haben. Ist das wahr?

Lee: Wahrscheinlich habe ich nur angegeben. Aber es erinnert mich an die Grundausbildung beim Militär - wenn man da durch ist, fühlt man sich vom Jungen zum Mann geworden. "Tiger & Dragon" weckte in mir ein ganz ähnliches Gefühl. Unsere Phantasie kennt keine Grenzen, aber beim Drehen sieht man sich der Gravitation, der Zeit, dem menschlichen Körper und tausend Unwägbarkeiten gegenüber. Die Schönheit des Hongkong-Kinos ist, dass mit diesen Schwierigkeiten gearbeitet wird. Es ist pures Kino, keine Erklärung. Es ist Handwerk, und für mich war das wie eine Militärausbildung.

SPIEGEL ONLINE: Erstaunlicherweise spielen die Frauen in "Tiger & Dragon" die Hauptrolle. Sind Sie ein Feminist?

Lee: Ich? Nein, ich bin ein Mann. Aber starke Frauen ziehen mich an. Sie haben aus meiner Sicht einen großen dramatischen Appeal. Ich liebe es, ihnen zuzuschauen, wie sie tuff und clever und entschieden sind, und es bricht mir das Herz, wenn sie sich schließlich ihrer Verletzlichkeit stellen müssen. Und gerade in einem Genre wie diesem fand ich die weibliche eine spannende Perspektive. Es ist ein männliches Genre, es geht um pure männliche Phantasien, wie bei James Bond: In kürzester Zeit die größtmögliche Macht zu erhalten, alle Frauen zu kriegen und dabei keinen Moralkodex zu übertreten. Das ist natürlich Quatsch.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Ihren eigenen Worten zufolge ein Mann aus zwei Welten. Welcher fühlen Sie sich momentan stärker verbunden?

Lee: Ich entscheide das eher auf täglicher Basis. Ich glaube, meine Weltanschauung und die Art und Weise, wie meine Charakterentwicklung verlief, geht auf China und Taiwan zurück, weil ich Taiwan erst mit 23 verlassen habe, als ich bereits erwachsen war. Aber ich habe eine Menge westlicher Werte angenommen, besonders während meiner Jahre in New York und bei der Zusammenarbeit mit liberalen Intellektuellen. Das war sehr inspirierend und ist mir zur zweiten Natur geworden.

SPIEGEL ONLINE: Wissen Sie schon, in welcher der beiden Welten Ihr nächster Film angesiedelt sein wird?

Lee: Ich hoffe sehr, dass es in New York sein wird, damit ich in meinem eigenen Bett schlafen kann. Ich glaube, wenn ich noch mal einen so groß angelegten chinesischen Film wie "Tiger & Dragon" mache, würde ich mich damit umbringen. Ich war halbtot am Ende der Dreharbeiten, und ich erhole mich immer noch von den Strapazen. Vielleicht mache ich also als Nächstes ein kleines Musical in New York.

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.