Interview mit August Diehl "Spielen ist eine Sucht"

August Diehl, Hauptdarsteller des Serienmörder-Thrillers "Tattoo", ist seit seinem Debüt in "23" einer der gefragtesten Schauspieler des deutschen Kinos, reüssiert aber auch auf den großen Theaterbühnen. SPIEGEL ONLINE sprach mit ihm über Suchtgefahren, Zauberei und die Lust am Risiko.


Diehl als Polizei-Novize Marc Schrader in "Tattoo": "Nachtaufnahmen schlagen auf die Psyche"
DDP

Diehl als Polizei-Novize Marc Schrader in "Tattoo": "Nachtaufnahmen schlagen auf die Psyche"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Diehl, in "Tattoo" spielen Sie einen jungen Polizisten, der in eine Welt blutiger Obsessionen eintaucht. Geht einem so etwas an die Nerven?

August Diehl: Nicht mehr als andere Rollen. Nur der Dreh an sich war anstrengend, weil wir nicht immer an den angenehmsten Schauplätzen gefilmt haben. Und wenn du einen Monat lang Nachtaufnahmen hast, schlägt dir das auf die Psyche.

SPIEGEL ONLINE: Macht Ihnen die Theaterarbeit mehr Spaß?

Diehl: Ich brauche beides ganz stark: Kino und Theater. Beim Film mag ich das Bastelige: Du erarbeitest gemeinsam mit dem Regisseur eine Geschichte, während bei einem Theater-Stück der Text festgelegt ist. Der Dreh selbst ist dann ein richtiges Abenteuer: Du filmst ständig an anderen Orten, weißt nicht, mit wem du nächste Woche spielst. Und wenn du spielst, ist das eine richtige Alles-oder-Nichts-Situation, denn die Szenen, die du abgedreht hast, wirst du in deinem Leben nie wieder machen. Andererseits sind die Schauspieler für einen Film nicht entscheidend. Auch wenn sie schlecht oder mittelmäßig sind, kann das Ganze Erfolg haben. Ein Theaterabend dagegen steht und fällt mit den Darstellern.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, ein Schauspieler ist eigentlich auf der Bühne besser aufgehoben.

August Diehl, 26, machte sich mit Rollen in "Gesäubert" (1998, Hamburger Kammerspiele) und "Die Möwe" (2000, Wiener Burgtheater) einen Namen in der Theaterszene. Seit seinem Kino-Debüt in Hans-Christian Schmids Thriller "23" gilt Diehl auch als begehrter Filmdarsteller. Der Berliner wurde u.a. mit dem Deutschen Filmpreis und dem Bayerischen Filmpreis (beide 1999) ausgezeichnet.
DPA

August Diehl, 26, machte sich mit Rollen in "Gesäubert" (1998, Hamburger Kammerspiele) und "Die Möwe" (2000, Wiener Burgtheater) einen Namen in der Theaterszene. Seit seinem Kino-Debüt in Hans-Christian Schmids Thriller "23" gilt Diehl auch als begehrter Filmdarsteller. Der Berliner wurde u.a. mit dem Deutschen Filmpreis und dem Bayerischen Filmpreis (beide 1999) ausgezeichnet.

Diehl: Das würde ich so nicht sagen. Aber es gibt im Theater einen großen Vorteil: Weil du im Gegensatz zum Film sehr lange probst, kannst du viel mehr Risiken eingehen. Es gehört zu den Proben, schlecht zu sein und Fehler zu machen. Auf diese Weise gibst du viel von dir preis. Bei einer Kinoproduktion ist alles viel stärker ergebnisorientiert und muss nach kurzer Zeit im Kasten sein.

SPIEGEL ONLINE: Im Fernsehen geht es noch schneller zu. Machen Sie deshalb keine TV-Produktionen?

Diehl: Ich lehne das nicht kategorisch ab. Aber die Projekte sind einfach nicht so spannend und die Geschichten nicht so interessant wie im Spielfilmbereich. Ich bin auch selbst kein Fernsehgucker, sondern gehe lieber ins Kino.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sich als Darsteller etwas wie den "Schuh des Manitu" anziehen?

Diehl: Solche Komödien sind für mich einfach nicht komisch genug. Ich bekomme auch keine Angebote in dieser Richtung - man ahnt sicher, dass ich da keine Lust drauf habe.

SPIEGEL ONLINE: Was bereitet Ihnen in Ihrem Job die größte Lust?

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Diehl: Das sind Momente beim Spielen, wo du merkst, dass du die Sachen nicht mehr kontrollierst, wo etwas Unerwartetes entsteht - wie durch Zauberei. Das kann eine Situation auf der Bühne sein oder ein Take, in dem richtig Musik drin ist. Solche Erlebnisse brauchst du unbedingt, denn es gibt so viele Momente, wo du überhaupt nichts hinbekommst.

SPIEGEL ONLINE: Trösten Sie Ihre Gagen über solche Tiefen hinweg?

Diehl: Geld spielt für mich keine Rolle. Das hat den Status einer erfreulichen Nebenwirkung. Beim Theater verdienst du ohnehin nicht so viel. Ich muss einfach spielen, das ist eine Sucht.

SPIEGEL ONLINE: Verlieren Sie in Ihrer Sucht auch manchmal den Boden unter den Füßen?

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Diehl: Ich boxe mir immer Pausen frei, in denen ich mich von der Arbeit zurückziehe. Da genieße ich es richtig, wenn ich für die nächsten Tage keinen Plan habe, sondern einfach nur Leute treffen kann.

SPIEGEL ONLINE: Nach "23" wurden diese Pausen immer weniger. Wie werden Sie mit dem ganzen Rummel fertig?

Diehl: Ich bin mir immer bewusst, dass das Ganze ein Spiel ist, das jederzeit vorüber sein kann. Und weil ich das Theater habe, besteht keine Gefahr, dass ich groß abhebe. Denn ich weiß: Bei jeder Arbeit fange ich immer wieder bei null an.

Das Interview führte Rüdiger Sturm



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