"Gatsby"-Regisseur Baz Luhrmann Orgien des Reichtums

Ist der "große Gatsby" der letzte Romantiker? So sieht ihn jedenfalls Baz Luhrmann. Im Interview spricht der Regisseur über seine Vision des legendären Romanhelden, über Dekadenz und 3-D-Rausch - sowie über ein Fitzgerald-Erweckungserlebnis bei ein paar Flaschen Rotwein.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Luhrmann, an der Verfilmung von F. Scott Fitzgeralds Epoche-Roman "Der große Gatsby" sind vor Ihnen schon schon einige Regisseure gescheitert. Was hat Sie an diesem Himmelfahrtskommando gereizt?

Luhrmann: Ich hatte nur vage Erinnerungen an die Version mit Robert Redford und war in den Siebzigern zu jung, um die Figur des Gatsby zu verstehen. Ich begann mich erst für den Stoff zu interessieren, als ich mit dem Transibirien-Express durch Russland gefahren bin. Die Fahrt war sehr einsam und nicht so romantisch und dostojewskihaft, wie ich mir immer ausgemalt hatte. Irgendwann fand ich mich mit ein paar Flaschen Rotwein in meiner Kabine wieder und hörte mir aus Langeweile die Hörbuchversion an.

SPIEGEL ONLINE: Und?

Luhrmann: Sechs Stunden später schlief ich völlig überwältigt ein - und war am nächsten Morgen überzeugt, dass der Stoff sogar eine perfekte Filmstruktur bieten könnte - allerdings nur, wenn es gelänge, das Grundproblem zu knacken: Wie überträgt man eine Erzählung auf die Leinwand, die im Buch internalisiert ist und sich im Kopf des Erzählers Nick Carraway abspielt.

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"Der große Gatsby": Kino als Konfettikanone
SPIEGEL ONLINE: Als Lösung erfanden Sie eine Rahmenhandlung, in der Nick Carraway Gatsbys Geschichte Jahre später als Patient in einer Suchtklinik aufschreibt, um das Erlebte zu verarbeiten. Gewagt...

Luhrmann: ...und eine Entscheidung, die Fans und Fitzgerald-Experten sicher kontrovers diskutieren werden. Genaugenommen habe ich aber nichts erfunden, sondern alles dem Roman entnommen: Es gibt einen kurzen Satz im Buch, in dem sich Carraway als Autor des Gatsby-Buches benennt. Für mich war das der ultimative Heureka-Moment. Ich wusste immer, wie ich den Exzess und die Dekadenz der Ära in Bilder verwandeln könnte. Doch dank der zusätzlichen Ebene des Erzählers fand ich die richtige Balance zu Fitzgeralds Text und seinen Themen.

SPIEGEL ONLINE: Warum musste es ein überschäumendes Epos für 160 Millionen Dollar sein, während das Buch vergleichsweise kurz und lakonisch ist?

Luhrmann: Ich dachte anfangs auch, dass das Projekt kleiner werden würde - viel Drama mit guten Schauspielern, wie auf einer Theaterbühne, und dazu ein paar Partyszenen. Doch je mehr man sich mit Fitzgeralds Werk beschäftigt, desto mehr wächst es. Das gilt nicht nur für die physischen Dimensionen, diese Orgien des Reichtums, die wirtschaftliche Explosion New Yorks und den Wolkenkratzerboom. All die menschliche Hybris, deren Zusammensturz mit der Großen Depression er schon prognostizierte.

SPIEGEL ONLINE: Fitzgerald war für Sie also eine Art Prophet?

Luhrmann: Ja. Und natürlich ein Romantiker. Gatsbys Motive und Gefühle sind viel größer, als es den Anschein hat. Er ist im Herzen eben kein dekadenter Verschwender wie die römische Romanfigur Trimalchio, nach der Fitzgerald sein Buch fast benannt hätte - sondern ein tragischer Antiheld, der den wahnsinnigen Aufwand für eine Frau betreibt, die er seit fünf Jahren nur aus der Ferne lieben darf.

SPIEGEL ONLINE: Kontrovers wird auch Ihre Entscheidung diskutiert, den Film mit moderner Musik zu paaren, für die Sie Künstler wie Jay-Z und Bryan Ferry als Mitstreiter gewannen.

Luhrmann: Bei meinen Recherchen erkannte ich, dass Fitzgerald ein glühender Bewunderer neuer Technologien und zeitgemäßer Popkultur war, was zu seiner Prägung des Begriffs "The Jazz Age" führte. Den Jazz als urbane Straßenmusik der Zwanziger wählte er ganz bewusst als symbolischen Hintergrund, um die Verschmelzung von High Society und der Straße zu demonstrieren. Die Musik war das Bindeglied der "Roaring Twenties" - es hieß: die tosenden Zwanziger und nicht die zurückhaltenden Zwanziger. Doch auch wenn ich persönlich mit Jazz wohlvertraut bin, klingt es heute wie traditionelle Musik. Man kann mit Jazz heute nicht mehr das Gefühl der Wildheit aus den Zwanzigern reproduzieren. Daher entschied ich mich dafür, mit Jay-Z zusammenzuarbeiten, um ein musikalisches Äquivalent für das 21. Jahrhundert zu finden.

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SPIEGEL ONLINE: Verwunderung löst mancherorts auch Ihre Wahl von 3D als Stilmittel aus. Was reizte Sie an der Technik?

Luhrmann: Mich hat die Chance gereizt, herausragende Schauspieler räumlich zu sehen. Wie im Theater. Eines meiner Vorbilder war "Pina" von Wim Wenders, der die Kraft des Mediums ganz wunderbar nutzt, wenn er die Grenzen bewegender Körper im Raum erweitert. Ich hatte in der Vorbereitung auch das Glück, Alfred Hitchcocks "Bei Anruf Mord" in der 3-D-Originalprojektion zu sehen. Ich war hingerissen vom Erlebnis, eine Grace Kelly ohne Verlust von Tiefenschärfe auf den Zuschauer zugehen zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: Kollegen wie Ang Lee oder Sam Raimi sagen, dass sie mit 3D das Filmemachen im Grunde neu erlernen mussten. Ging es Ihnen ähnlich?

Luhrmann: Vor dem Dreh tüftelten wir in Workshops zwei Jahre lang an allen Aspekten der Produktion, und da ich einen 27-Jährigen Stereografen anheuerte, der nie etwas anderes als 3D gemacht hat, ging dieser technische Aspekt recht reibungslos vonstatten. Probleme und Verzögerungen hatten wir durch die drittschlimmsten Regenfälle der australischen Geschichte. Aber ich habe Druck nie als belastend, sondern als Herausforderung gesehen, mir mehr Mühe zu geben. bin ich 50 Jahre alt und hatte bei "Der große Gatsby" tatsächlich oft das Gefühl, als Regisseur neu geboren zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Welche Bedeutung messen Sie der Wahl Ihres Filmes für die Eröffnung von Cannes bei?

Luhrmann: Der Kreis schließt sich damit. Ich war 28 Jahre alt und ein blutiger Anfänger, als ich mit "Strictly Ballroom" erstmals eingeladen war. Jetzt zurückzukehren, gibt mir Frieden, weil ich viel genauer als vor zehn Jahren weiß, wer ich als Persönlichkeit und als Regisseur bin. Die Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen, doch ich höre nicht mehr diese Stimmen im Hinterkopf, dass ich jetzt unbedingt einen schlichteren Film im Stil des Cinéma Vérité drehen muss, womit ich ja begonnen habe. Vielmehr habe ich meinen Frieden mit dem überbordenden Stil gemacht, für den ich bekannt bin.

Das Interview führte Roland Huschke

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mmengi 22.05.2013
1. optional
Es ist natürlich das einfachste so ein "Werbe-Interview" zu reproduzieren, ohne die geringste Nachfrage. Denn: es ist schade all das ausgedachtes PR-Gerede zu lesen Ohne jegliche kritische Nachfrage, denn bei einer A-Produktion, die so teuer ist, wird jeder Schritt rein KOMMERZIELL entschieden. Regisseure sind da austauschbar... und dies schreibt ein Filmemacher.
argonaut 22.05.2013
2. so soll es sein
Er ist ein außergewöhnlicher Regisseur. Und der Ausschnitt des Interviews einfach treffend. Ich liebe die Art seiner Schilderungen.
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