Interview mit Cate Blanchett "Wo sind bloß diese Brüste hergekommen?"

Mit gleich zwei Wettbewerbsbeiträgen ist die viel beschäftigte Schauspielerin Cate Blanchett auf der Berlinale vertreten: Tom Tykwers "Heaven" und Lasse Hallströms "Schiffsmeldungen". Mit SPIEGEL ONLINE sprach die erfolgreiche Australierin über ihre Rollenauswahl, Elbenohren und die neuesten Errungenschaften der Schönheitschirurgie.


Blanchett in "Schiffsmeldungen": "Leider kriegt man solche Rollen nicht oft angeboten"
Concorde

Blanchett in "Schiffsmeldungen": "Leider kriegt man solche Rollen nicht oft angeboten"

SPIEGEL ONLINE:

Ms. Blanchett, man kann seit Monaten kaum ins Kino gehen, ohne Ihnen auf der Leinwand zu begegnen...

Cate Blanchett: Das kommt daher, dass drei ziemlich arbeitsreiche Jahre hinter mir liegen. Dass diese Filme nun alle auf einmal ins Kino kommen, liegt allerdings nicht in meiner Hand.

SPIEGEL ONLINE: Nun sind Sie mit gleich zwei Wettbewerbsfilmen auf der Berlinale vertreten. In Tom Tykwers "Heaven" spielen Sie eine Terroristin. Ist das angesichts der Weltlage nicht eine etwas prekäre Rolle?

Blanchett: Teil meines Jobs als Schauspielerin ist es, mich mit ganzem Herzen auf eine Figur, ihre Gefühle und ihre Situation einzulassen. Das war in diesem Fall zugegebenermaßen nicht einfach. Denn schon ein derart depressiver, chaotischer und fatalistischer Zustand, der wohl Voraussetzung für einen Mord ist, ist eine zutiefst verstörende Vorstellung. Wenn der Plan auch noch schief geht und unschuldige Kinder sterben - wie kann man dann weiterleben? Das ist ein nicht zu vergebender Akt, und Krzysztof Kieslowski, der das Drehbuch verfasste, hat diese Wahl sehr bewusst getroffen. Denn plötzlich ist da jemand, der ihr das Unverzeihliche verzeiht, ein Zustand der Gnade. Ich denke, da rührt auch der Titel "Heaven" her.

SPIEGEL ONLINE: Kannten Sie Tykwers Filme bereits vorher?

Blanchett: Tom Tykwer habe ich, wie der Rest des Planeten, vor allem mit "Lola rennt" in Verbindung gebracht. Aber ich hatte auch "Die tödliche Maria" gesehen, der mir sehr gefallen hat. Nachdem ich ihn getroffen hatte, habe ich mir "Winterschläfer" angeschaut, und kurz vorm Dreh zeigte er uns "Der Krieger und die Kaiserin".

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem zweiten Berlinale-Beitrag, Lasse Hallströms "Schiffsmeldungen", sind Sie kaum wiederzuerkennen...

Blanchett: Ja, Kevin Spacey hat sich vermutlich auch gefragt: Wo sind bloß diese Brüste hergekommen?

SPIEGEL ONLINE: War Ihnen die Trash-Schlampe Petal ein Bedürfnis, um sich ein wenig von Ihrem allzu ätherischen Image zu befreien?

Blanchett: Mit Rollen von unterschiedlicher Größe und Energie trainiert man seinen schauspielerischen Muskelapparat. Petal war eine derart abstoßende Frau, dass ich einfach nicht widerstehen konnte. Ich war während der Dreharbeiten schwanger, und ich konnte mir keine schlechtere Mutter vorstellen. Leider kriegt man solche Rollen nicht oft angeboten. Es würde aber wohl kein Publikum aushalten, sich einen ganzen Film mit einer so widerwärtigen Person anzuschauen.

Tykwer-Film "Heaven", Darsteller Ribisi, Blanchett: "Ein Zustand der Gnade"
AP

Tykwer-Film "Heaven", Darsteller Ribisi, Blanchett: "Ein Zustand der Gnade"

SPIEGEL ONLINE: Müssen Sie angesichts Ihres schnell wachsenden Ruhms nicht die Versuchung meiden, sich als Star in aufgeblasenen Großproduktionen verheizen zu lassen?

Blanchett: Ich meide prinzipiell nichts. Ich habe immer meine eigenen Entscheidungen getroffen und die Sachen gemacht, die mich interessieren. Und was den wachsenden Ruhm betrifft, bin ich ein wenig skeptisch. Alle sechs Monate wird jemand anderes als die große Neuigkeit gefeiert, und jeder hat seinen Moment in der Sonne. Aber die Sonne zieht vorbei, und ich muss auch danach noch weiterarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Für Ihre Rolle in "Heaven" mussten Sie sich den Kopf rasieren. Wie bereitwillig haben Sie das über sich gebracht?

Blanchett: Es war mit einem gewissen Risiko verbunden - ich hätte ja zum Beispiel einen furchtbar platten Hinterkopf haben können. Glücklicherweise war es nicht so. Es ist eine sehr interessante, irgendwie befreiende Erfahrung, ich kann nur jedem raten, es einmal auszuprobieren. Ich selbst habe mir weit weniger Sorgen darum gemacht als andere Leute - vor allem meine Agenten. Am Ende musste ich ihnen gut zureden, dass es völlig in Ordnung sein würde.

SPIEGEL ONLINE: Kein Wunder, dass die nervös waren - immerhin werden Sie seit Ihrer Rolle als Elbenkönigin Galadriel in Peter Jacksons "Der Herr der Ringe" als fast mythische Schönheit gehandelt.

Blanchett: Echte Schönheit ist meist dort zu finden, wo man sie nicht vermutet. Ich selbst finde vieles von dem, was man gemeinhin hässlich nennt, schön. Unsere Besessenheit von der pausenlosen Perfektionierung unserer Körper, unsere verzweifelten Bemühungen, das Alter aufzuhalten, sind doch völlig bizarr. Es ist, als seien wir an einer Weggabelung angekommen und die Menschheit sieht bloß einen Pfad: Schönheit. Ich finde das hässlich, hässlich, hässlich. Ich würde jederzeit die andere Straße wählen.

SPIEGEL ONLINE: Das dürfte als Schauspielerin irgendwann schwierig werden...

Blanchett mit Mann Andrew Upton und Baby Dashiell John: "Ich habe keine Angst vor Veränderungen"
REUTERS

Blanchett mit Mann Andrew Upton und Baby Dashiell John: "Ich habe keine Angst vor Veränderungen"

Blanchett: Natürlich ist man als Frau in diesem Geschäft einem ziemlich starken Druck ausgesetzt. Aber wissen Sie, vergangene Woche traf ich bei der Verleihung der Goldenen Kamera Johannes Heesters, der mit über neunzig Jahren auf ein ungeheuer reiches Leben zurückblickt. Auch ich bin keine zwanzig mehr, aber das Leben hört doch nicht auf, wenn man dreißig wird!

SPIEGEL ONLINE: Nicht, wenn man den richtigen Chirurgen kennt...

Blanchett: Wissen Sie was: Es gibt Frauen in den USA, die in eine Arztpraxis gehen, wo sie gefragt werden: Welches vaginale Alter hätten Sie denn gern? Sie sagen: Ich möchte gern eine achtzehnjährige Vagina haben, und dann begeben sie sich unters Messer und lassen sich die Vaginamuskeln verengen. Wen wollen die damit eigentlich bescheißen? Wenn man ein Kind bekommt, verändert sich der Körper, das ist Teil des Lebens! Wir wollen das Leben um jeden Preis verlängern, aber wir wollen es nicht leben. Was hat das für einen Sinn?

SPIEGEL ONLINE: Sie sind im Dezember Mutter geworden. Was wollen Sie Ihrem Kind fürs Leben mitgeben?

Blanchett: Ich hoffe, wir können unseren Sohn lehren, für sich selbst zu denken, ein mitfühlender Mensch zu werden und sich selbst zu respektieren. Nur wer sich selbst respektiert, kann auch andere respektieren.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie Ihren Arbeitsrhythmus nun verlangsamen müssen?

Blanchett: Im Moment ist es noch sehr einfach, mit unserem Kind von einem Set zum nächsten zu fahren. Er ist ein braver kleiner Reisender, er liebt das. Aber das kann sich ändern, und dann muss man die Dinge neu überdenken. Ich habe keine Angst vor Veränderungen.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es eigentlich, dass Sie sich Ihre spitzen Elbenohren aus dem "Herrn der Ringe" aufgehoben haben?

Blanchett: Ja, das stimmt. Ich habe einen Bronzeabdruck davon machen lassen und Sie meinem Mann zum Valentinstag geschenkt. Er hat nämlich eine Vorliebe für Ohren. Jetzt stehen sie bei uns zu Hause auf dem Kaminsims.

Das Interview führte Nina Rehfeld



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