Interview mit Doris Dörrie "Ich wollte von diesem seltsamen Verstummen erzählen"

Doris Dörrie gehört zu den erfolgreichsten deutschen Filmemachern, auch wenn ihr neuer Film "Nackt" bei den Festspielen in Venedig keinen Preis gewonnen hat. Erfolgreich ist Dörrie auch als Autorin: Im August erschien ihr neuer Roman "Das blaue Kleid". Mit SPIEGEL ONLINE sprach Dörrie über geistige Nacktheit, die Magie der Oper und die Fähigkeit zu trauern.



SPIEGEL ONLINE:

"Nackt" ist aus einem Drama hervorgegangen und zeichnet sich durch viele Dialoge aus. Das ist ja im Film nicht unbedingt üblich in Deutschland. In Amerika wird gequatscht, dass sich die Balken biegen. Auch im französischen Film ist das sehr stark. Nur bei uns nicht. Wir trauen uns nicht, viele Dialoge zu bringen. Warum?

Doris Dörrie: Zum einen, weil nicht so viele Leute Dialoge schreiben können. Ich unterrichte dies auch, weil ich merke, dass diese Fähigkeit den Drehbuchschreibern fehlt. Und zum anderen haben wir Deutschen Angst, ans Eingemachte zu gehen. Das stört mich, und es war ein Grund, warum ich diesen Film unbedingt machen wollte. Bei uns setzt man sich nicht mehr wirklich mit den Dingen auseinander. Das wollte ich in meinem Film beschreiben und dabei ausprobieren, wie weit ich damit gehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Die drei jungen Paare in "Nackt" finden zunächst kein Thema, über das sie sich unterhalten können. Ist das symptomatisch für die Gesellschaft?

Doris Dörrie: Ja, ich wollte von diesem seltsamen Verstummen erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine Kluft zwischen Worten und Handeln, gerade wenn man von so existenziellen Dingen wie Liebe und Glück spricht?

Doris Dörrie: Wir kommen immer nur annähernd an den Punkt, an dem wir sagen können: Jetzt habe ich wirklich ausgedrückt, was ich meine. Das ist eine Achterbahnfahrt. Erst als die Paare sich in dem Film ausziehen und damit völlig entblößen, kommen sie den existenziellen Dingen näher und müssen Farbe bekennen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihren Filmen und Geschichten spielen Rituale eine wichtige Rolle. Sind Sie in Ihrem Leben auch an strengen Abläufen orientiert?

Doris Dörrie: Ich habe wenig Gelegenheit für Rituale, auch weil ich ein so kompliziertes Leben lebe. Die einzigen Rituale, mit denen ich sehr streng und genau umgehe, sind die in meiner Familie. Klare Zeiten fürs Essen und ins Bett gehen, Frühstück vor der Schule und Festlegung der Stunden, die man gemeinsam verbringt.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Film spielt mit Verhüllung und Nacktheit. Doch es geht ja nicht nur um körperliche Nacktheit, auch wenn die Schauspieler sich ausziehen müssen.

Doris Dörrie: Wir leben in einer seltsamen Zeit. Ständig müssen wir uns selbst darstellen, weil wir so sehr durch Medien gespiegelt und kontrolliert werden. Und unser Spiegelbild sehen wir auch überall. Gleichzeitig haben wir den exhibitionistischen Drang, uns zu enthüllen. In dem Film geht es darum zu fragen, wann wir wirklich nackt sind.

SPIEGEL ONLINE: Die Paare in dem Film gehen eine Wette ein. Was für eine Funktion hat das Spielen für Sie?

Doris Dörrie: Das ist meine Philosophie: der Homo ludens. Ich glaube, dass wir nur im Spiel diesen Idealzustand von Weltentrücktheit und Selbstvergessenheit erreichen können, nach dem wir uns ständig sehnen. Das sind für uns die beiden Zustände, die Glück bedeuten.

SPIEGEL ONLINE: Ist es das, was Sie auch an der Oper interessiert? Sie bereiten ja gerade "Turandot" für die Berliner Staatsoper vor.

Doris Dörrie: Ja, denn die Oper hat, wenn sie funktioniert, diesen Moment der Selbstvergessenheit. Es gibt eine unglaubliche Magie in der Oper. Musik hat den direktesten Zugang zu unserem Körper.

SPIEGEL ONLINE: Erreichen Sie diesen Zustand des Weltentrückseins auch in Ihrer Arbeit?

Doris Dörrie: Total. Das ist immer das Ziel, und jetzt habe ich auch genug Erfahrung, um die Bedingungen so herstellen zu können, dass dieses Ziel für alle Schauspieler erreicht wird. Und dann wird man mutig und frei.

SPIEGEL ONLINE: Was unterscheidet für Sie Schreiben und Filmemachen?

Doris Dörrie: Beim Schreiben kann man sehr viel schneller reisen. Filme zu machen ist schwerfälliger, weil eine ganze Maschinerie dahintersteckt. In der Sprache kann man mit einem Satz bis zum Mond reisen. Das kann man im Film nur sehr bedingt. Dafür brauchen Sie mehr Zeit.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem neuen Buch "Das blaue Kleid" geht es um zwei Menschen, die ihren Lebenspartner verloren haben. Jetzt versuchen sie krampfhaft, Formen der Trauer zu entwickeln, um damit umzugehen.

Doris Dörrie: Meine Generation - und die vor mir sogar noch mehr - hat lange versucht, Rituale und Traditionen zu sprengen und alles aufzugeben, was uns eingeengt hat. Jetzt stellen wir langsam fest, dass es in vielen Bereichen schwierig ist, ganz ohne Formen zurechtzukommen. Wir haben die Rituale der Trauer völlig vergessen und wissen gar nicht mehr, wie Trauern funktioniert. Natürlich gibt es in jeder Kultur weise Vorstellungen, wie man mit dem Tod umgehen sollte. Das haben wir verdrängt und vergessen. Jetzt müssen wir neue Formen erfinden.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch lädt ein, einen eigenen Weg im Umgang mit Trauer zu finden. Es ist fast ein "Anti-Ratgeber" für Trauerarbeit.

Doris Dörrie: Trauerarbeit ist ein schreckliches Wort. Das klingt so, als wäre es irgendwann erledigt, als könnte man es abwickeln. Jeder muss mit Trauer so umgehen, wie er kann. Auf der anderen Seite gibt es natürlich klare Dinge, die jeder braucht, der trauert. Anteilnahme von anderen zum Beispiel, die früher auch ritualisiert war.

SPIEGEL ONLINE: Hilft Ihnen Schreiben, mit dem Tod Ihres Mannes fertig zu werden?

Doris Dörrie: Ich will ja gar nicht damit fertig werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen nicht damit fertig werden?

Doris Dörrie: Es geht doch darum, Trauer nicht ad acta zu legen, sondern im Bewusstsein zu leben, dass alles vergänglich ist und nichts so bleiben kann, wie es ist.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht sehr belastend?

Doris Dörrie: Das ist ja gerade der Punkt. Wie kommt es, dass Leute in Ländern, in denen der Tod im Alltag nicht komplett abwesend ist, sehr viel heiterer sind? Das kommt daher, dass diese Leute das Bewusstsein der Vergänglichkeit dazu ermuntert, das zu genießen, was sie haben. Und nicht zu fragen, was mir fehlt, sondern sich darüber zu freuen, was da ist. Das ist ein vollkommen anderer Blick.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für die Liebe?

Doris Dörrie: Das gilt für alles. Wir zahlen einen Preis dafür, dass wir unbedroht von existenziellen Krisen leben.

SPIEGEL ONLINE: Was für einen Preis?

Doris Dörrie: Der Preis ist Traurigkeit. Weil wir nicht wissen, was wir haben, fragen wir immer nur, was uns fehlt. Und es fällt uns schwer, diesen Blick zu verändern.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Bücher sind - auch wenn Sie über Verlust und Tod schreiben - sehr komisch. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Doris Dörrie: Humor ist immer wie das Fenster aufmachen, wie Luft hineinzulassen. Ich finde, es ist alles nur mit Humor erträglich. Humor und Selbstironie sind absolut notwendig, um zu überleben.

SPIEGEL ONLINE: Was macht für Sie den Wert eines Filmes oder Buches aus?

Doris Dörrie: Letzten Endes ist es die unverhoffte Reaktion eines Zuschauers oder Lesers, also wenn ich bei jemanden etwas angestoßen habe. Das ist das Schönste. Das ist oft unabhängig von den Zahlen. Ob es eine Million Zuschauer waren oder weniger, spüre ich ja nicht.

Das Interview führte Kerstin Schneider

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