Interview mit Filmproduzent Nico Hofmann "Für uns lohnt sich Kino nicht"

Als Regisseur belebte er Mitte der Neunziger das Krimigenre neu, als Produzent steht er für Qualitätsfernsehen made in Germany: Nico Hofmann ist einer der profiliertesten Macher des deutschen Filmgeschäfts. SPIEGEL ONLINE sprach mit ihm über Quotengerangel, Harald Schmidt und die Tücken des Kinos.


Filmproduzent Hofmann: Im Fernsehen mehr Freiheit als im Kino
KASSKARA

Filmproduzent Hofmann: Im Fernsehen mehr Freiheit als im Kino

SPIEGEL ONLINE:

Herr Hofmann, Deutschland ist im Filmfieber: Gerade erobert Bullys Science-Fiction-Komödie
"(T)Raumschiff Suprise" das Publikum. Wie stehen Sie zum Kino Ihres Kollegen?

Nico Hofmann: Ich mag Bullys Humor, auch wenn es nicht gerade das anspruchsvollste Genre ist. Vor allem aber begeistert mich als Produzent das Marketing, denn das ist phänomenal. Der Name ist überall präsent - von McDonald's bis zur bedruckten Unterhose. Von dieser Perfektion können wir uns alle etwas abgucken.

SPIEGEL ONLINE: Ernsthafte Filme tun sich an der Kinokasse immer noch schwer. Was sagt es über den deutschen Film aus, dass Ihr Drama "Wolfsburg" zwar einen Filmpreis bekommt, bisher aber kaum jemandem bekannt ist, weil es nicht im Kino läuft?

Hofmann: Die Darstellung stimmt nicht ganz. Es gab vor der Auszeichnung bereits eine kleine Kinotour. Trotzdem ist es im Moment einfacher, einen anspruchsvollen und radikalen Film wie "Wolfsburg" fürs Fernsehen - in diesem Fall für das ZDF - zu produzieren als fürs Kino. In dem Film steckt nicht eine Mark Filmförderung, und er hat am Ende drei Nominierungen für den Deutschen Filmpreis bekommen.

SPIEGE ONLINE: Avantgarde im Kino, ordinäre Tristesse und schnulzige TV-Produktionen im Fernsehen - ist diese Regel aus der Vergangenheit passé?

Hofmann: Leider ja, mittlerweile ist das Fernsehen spannender und innovativer als das Kino - wohlgemerkt in Deutschland. Gerade eben ist das Filmfest in München zu Ende gegangen, und die Fernsehreihe war sehr viel radikaler als die Kinoreihe. Selbst der Cannes-Beitrag "Die fetten Jahre sind vorbei" ist mit maßgeblicher Unterstützung des SWR entstanden. So absurd es sich anhört: Im Moment können die Filmemacher im TV sehr viel geschützter und mit deutlich weniger kommerzieller Marktkontrolle als im Kino arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem fährt der deutsche Film im Ausland Erfolge ein. "Good Bye, Lenin" wurde in Cannes durchaus beachtet. Eine Trendwende oder nur Strohfeuer?

Hofmann: Defintiv eine Trendwende. Der deutsche Film wird nicht mehr wie früher als Psychologie-Exkurs abgetan. Viel mehr werden die deutschen Regisseure als junge Kreative mit einem neuen Blick auf Deutschland beachtet - übrigens auch in multikultureller Hinsicht, wenn Sie an den großartigen Fatih Akin denken. Außerdem ist Berlin ein Magnet. Das Ausland liebt Berlin und Filme, die dort spielen.

SPIEGEL ONLINE: Reizt es Sie da nicht auch, auf die große Leinwand zurück zu kommen?

Hofmann: Überhaupt nicht. Für uns lohnt sich Kino einfach nicht. Außerdem hat teamWorx eine exzellente Position als Macher von Event-Filmen im Fernsehen. Gerade planen wir einen Film über die Sturmflut in Hamburg mit einem 8,5 Millionen-Euro-Budget - mehr würden wir bei einer Kinoproduktion auch nicht haben.

SPIEGEL ONLINE: Ihr neues Projekt läuft nicht wie die großen Erfolge "Der Tunnel" oder "Tanz mit dem Teufel" bei Sat.1. Müssen Sie nach der Umstrukturierung bei Sat.1 um ihre Produktionsgelder fürchten und bei RTL Zuflucht suchen?

teamWorx-Produktion "Der Tunnel" (mit Heino Ferch, l.): "Die nähere deutsche Geschichte wird eine wichtige Rolle spielen"
SAT.1

teamWorx-Produktion "Der Tunnel" (mit Heino Ferch, l.): "Die nähere deutsche Geschichte wird eine wichtige Rolle spielen"

Hofmann: Keinesfalls. Ganz aktuell sind die Projekte - ein Film über die Entdeckung Trojas und ein Event über die Luftbrücke - gemeinsam mit Alicia Remirez, zuständig für Fiktionsformate, und dem Senderchef Roger Schawinski besprochen worden. Dass die Sturmflut nun auf RTL läuft, lag am Wunsch des Senders.

SPIEGEL ONLINE: Was denkt der Ex-Innensenator Hamburgs, Helmut Schmidt, über seinen Darsteller im Film, den Ex-Talkmaster Harald Schmidt?

Hofmann: Gute Frage. Ich habe in den nächsten Wochen den ersten Termin mit Helmut Schmidt, da wir natürlich mit ihm gemeinsam in die Details gehen müssen. Harald Schmidt wird seine Sache gut machen, nur an der Frisur müssen wir vermutlich noch ein bisschen arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Ein Großteil der historischen Filme handelt von der Nazizeit. Warum scheiden andere Themen der jüngeren deutschen Geschichte oft noch aus?

Hofmann: Noch ist das Dritte Reich - sehr salopp formuliert - ein reicher Fundus für komplexe Geschichten. Noch immer ist der Widerstand nicht zu Ende erzählt, kontinuierlich kommen neue Facetten hinzu. Unser neuer Film über den Bombenkrieg in Dresden präsentiert zum Beispiel zum ersten Mal die englische Perspektive in einem deutschen Film. Allerdings wird das Thema Drittes Reich irgendwann ausgereizt sein - ich schätze, etwa in vier bis fünf Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Was kommt dann?

Hofmann: Die DDR wird das große Thema, denke ich. 15 Jahre nach dem Mauerfall werden wir genügend Abstand haben, die Geschichte vom politischen Feind und menschlichen Nachbarn zu erzählen. Wie beim Thema Drittes Reich ist auch hier die Verführbarkeit von Menschen aufschlussreich für diejenigen, die die DDR nur aus Büchern kennen. Hinzu kommen die Täterschaft bei der Stasi, das Ducken der Elite oder die Verlogenheit der Kirchen. Daraus können schnell zehn sehr emotionale Drehbücher werden.

SPIEGEL ONLINE: Wobei die DDR ein nahe liegendes Thema ist.

Erfolgsfilmer Michael "Bully" Herbig: Marketing von McDonald's bis zur Unterhose
DPA

Erfolgsfilmer Michael "Bully" Herbig: Marketing von McDonald's bis zur Unterhose

Hofmann: Auch die nähere deutsche Geschichte wird eine große Rolle spielen. Die Apo-Bewegung um Rudi Dutschke wird sicherlich alle jene interessieren, die Dutschke nur als Bild aus den Zeitungen kennen. Außerdem der Mauerbau. Und natürlich Helmut Kohl. Der ist fast schon interessanter als Adenauer. Wir haben schon vor Jahren die Rechte an einem Buch über die Spendenaffäre gekauft, die ich sehr gern verfilmen würde. In dem Stoff ist viel Deutschland drin.

SPIEGEL ONLINE: Bleibt dann nur noch Jürgen Möllemann.

Hofmann: Sicherlich auch eine Geschichte mit viel Potenzial, doch das Ende mit dem Selbstmord setzt einen solchen Film emotional zu stark unter Druck. Niemand von uns kann wirklich beschreiben, warum er sich umgebracht hat. Ich bin in meiner Zeit als Regisseur bereits an geschützten Persönlichkeitsrechten gescheitert - ein Problem, das ich auch bei einem Projekt mit Uwe Barschel hatte.

SPIEGEL ONLINE: Für einen guten Film muss man gut recherchieren - am besten, so exakt wie möglich. In den USA kommt gerade ein einmalig detaillierter Bericht zum 11. September heraus. Das perfekte Drehbuch?

Hofmann: Von den Details her auf jeden Fall. Fast nie zuvor wurde der Ablauf einer Katastrophe so präzise ausgeleuchtet. Allein aus dem, was ich bisher über den Bericht gelesen habe, könnte man wahrscheinlich Dutzende Drehbücher machen. Eins über die New Yorker Feuerwehrleute, eins über die Menschen im World Trade Center und so weiter. Daneben spielt sich noch ein politisches Drama ab, das man ohne den Report so nie hätte erzählen können. Eine sehr reizvolle Aufgabe.

SPIEGEL ONLINE: Mit seiner Anti-Bush-Doku "Fahrenheit 9/11" feiert Michael Moore derzeit in den USA und hier zu Lande Erfolge, auch andere Dokumentarfilme kommen erstmals ins Kino. Wo kommt der Drang nach den sonst als spröde geltenden Filmen her?

Hofmann: Vor allem daher, dass sie besser werden. Ich habe Moores Dokumentation in New York gesehen und finde sie großartig. Ganz offenbar brauchen wir eine andere Art, mit der Wirklichkeit umzugehen. "Fahrenheit 9/11" politisiert ungemein.

Hofmann-Produktion "Tanz mit dem Teufel" (mit Sebastian Koch, l., als Richard Oetker): Mehr als psychologische Exkurse
Sat.1

Hofmann-Produktion "Tanz mit dem Teufel" (mit Sebastian Koch, l., als Richard Oetker): Mehr als psychologische Exkurse

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal gesagt, dass ohne Filmförderung in Deutschland kein qualitativ hochwertiger Film zustande kommt. Hat sich das geändert?

Hofmann: Die größte Änderung besteht darin, dass viele Bundesländer ihre Förderung stark kürzen wollen. Ein gutes Beispiel ist Hamburg. Die Senatspläne für eine Halbierung dort sind ein Schlag ins Gesicht der Filmemacher. Auch wenn die Kassen leer sind, müssen wir eins im Auge behalten: Auf jeden Förderungs-Euro kommen drei weitere, die wir als Produzenten und Investoren drauflegen. Das Geld verpufft also keinesfalls, Kultur- und Wirtschaftsförderung greifen nirgends so eng ineinander wie bei der deutschen Filmförderung.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem erscheint der deutsche Film ein bisschen wie die Steinkohle, die ohne staatliche Geldspritze nicht auskommt.

Hofmann: Das stimmt nicht. Film ist ein teures Geschäft, aber auch ein enormer Markt - national wie international. Allerdings müssen die Filmförderungen der Länder besser zusammenarbeiten. Ich bin deshalb in intensiven Gesprächen über verbesserte Kooperationen einer möglichen Nordachse des Films in Deutschland. Das gilt vor allem für die beiden großen Produzenten von Fiktionsformaten, NDR und Sat.1. Gespräche sind bereits anberaumt. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass es weiterhin eine intensive Förderung geben muss.

Interview: Matthias Gebauer



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.