Interview mit Frank Miller "Sin City ist mein Baby"

Der Autor und Zeichner Frank Miller wird in der Comicszene als Kultfigur verehrt. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über die originalgetreue Verfilmung seiner "Sin City"-Bücher, Gewalt- und Lustphantasien und seine Jugend als Außenseiter.


Co-Regisseur Miller: "Rodriguez' Ehrgeiz hat mich überzeugt"
AP

Co-Regisseur Miller: "Rodriguez' Ehrgeiz hat mich überzeugt"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Miller, haben Sie sich mit der Verfilmung Ihrer Comicbuch-Serie "Sin City" einen Traum erfüllt?

Miller: Nein, denn ich hatte niemals ernsthaft vor, "Sin City" auf die Leinwand zu bringen. Robert Rodriguez, mit dem ich gemeinsam Regie geführt habe bei diesem Film, hat mich so lange genervt, bis ich schließlich doch noch zugestimmt habe. Er hat mich über Monate hinweg regelrecht belästigt. Ich habe zunächst keinen einzigen seiner Anrufe beantwortet. Aber er hat einfach nicht locker gelassen. Weil er mir wirklich mächtig auf den Zeiger ging, habe ich einem Treffen schließlich doch zugestimmt. Wir hatten uns in einer düsteren Kneipe im New Yorker Stadtteil Hell's Kitchen verabredet, in der es nur so wimmelte von tätowierten, halbseidenen Gestalten. Ich liebe den Schuppen. Rodriguez, ein waschechter Texaner, erschien mit Cowboyhut, Stiefeln und seiner leicht arroganten texanischen Überheblichkeit. Wahrscheinlich hätte man ihn gelyncht, wenn ich nicht dazu gekommen wäre.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Rodriguez Sie doch noch umstimmen können?

Miller: Er hat mir auf einem ultramodernen Laptop einige seiner Ideen präsentiert. Das war eine sehr skurrile Szenerie, die so gar nicht in diese schräge Kneipe passte. Die meisten Typen um uns herum haben sicher schon überlegt, wie sie uns am besten um die Ecke bringen können, und wie viel Geld das Laptop auf dem Schwarzmarkt bringt. Ich habe mir geduldig angesehen, was Rodriguez zu bieten hatte, um ihm anschließend erneut abzusagen. Dieser Teufelskerl ließ sich einfach nicht abschütteln. Er schickte mir ein paar Wochen später ein Flugticket erster Klasse nach Austin in Texas, wo Rodriguez ein eigenes kleines Filmstudio besitzt. Als ich dort ankam, drehte Robert bereits mit Josh Hartnett die Anfangssequenz. Dieser listige Hund hat mich tatsächlich gelinkt, der hat einfach mit der Produktion begonnen, ohne meine Einwilligung zu haben! Er war schlichtweg besessen von der Idee, meine Bücher zu verfilmen. Dieser Ehrgeiz hat mich letztlich doch überzeugt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie darauf bestanden, auch selbst Regie zu führen?

Regisseur Rodriguez (M., mit den ehemaligen Miramax-Bossen Bob und Harvey Weinstein): "Er war schlichtweg besessen"
AP

Regisseur Rodriguez (M., mit den ehemaligen Miramax-Bossen Bob und Harvey Weinstein): "Er war schlichtweg besessen"

Miller: Nein, das war ebenfalls die Idee von Robert Rodriguez. Seine Vision war es, meine Comicbücher so originalgetreu wie möglich zu verfilmen. Er hielt es nicht mal für nötig, ein eigenes Drehbuch zu verfassen, da er sich auch inhaltlich exakt an meinen Buchtexten orientiert hat. Ich denke, Robert hat geahnt, dass ich einer Kitschversion nach dem üblichen Hollywoodschema auf keinen Fall zugestimmt hätte. Es war klug von ihm, mir totale Kontrolle über das Projekt einzuräumen. Die Doppelspitze mit Rodriguez und mir hat letztlich auch wunderbar funktioniert. Sehen Sie, "Sin City" ist eben mein Baby. Das beschütze ich wie ein Vater seine Tochter vor notgeilen Typen, die es nur aufs Vögeln abgesehen haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben gleich mehrere Hollywood-Regeln gebrochen: Zwei Regisseure an einem Projekt; der Film wurde in Schwarzweiß gedreht und die Stimmen im Nachhinein einkopiert. War es unter diesen Umständen schwer, Geldgeber für das Projekt zu finden?

Miller: Als wir den Studios das Konzept des Filmes präsentierten, dachten die meisten, wir hätten nicht mehr alle Tassen im Schrank. Dennoch sind wir keinen Millimeter von unseren Forderungen abgerückt. Bevor wir tatsächlich anfingen zu drehen, habe ich sowohl Rodriguez als auch den Produzenten jede Menge Zugeständnisse aus dem Ärmel geleiert. Ich wollte keinesfalls auf meine Markenzeichen wie die Schwarzweiß-Darstellung der Szenerien verzichten, das macht den Charakter dieser Bücher nämlich erst aus. Als schließlich Schauspieler wie Bruce Willis, Benicio Del Toro, Jessica Alba und Clive Owen an Bord kamen, die von unseren Visionen sofort überzeugt waren, haben sich auch die Studios in Hollywood lockerer gemacht. Sie mussten zwangsläufig hinnehmen, dass ich zu keinen Kompromissen bereit war.

Szene aus "Sin City": "Ich wollte keinesfalls auf meine Markenzeichen verzichten"

Szene aus "Sin City": "Ich wollte keinesfalls auf meine Markenzeichen verzichten"

SPIEGEL ONLINE: Der Film wird von Kritikern bereits als Meilenstein der Kinogeschichte gelobt, vor allem aufgrund der bahnbrechenden visuellen Effekte, die es in dieser Form noch nie zuvor zu sehen gab. Wie haben Sie den Look des Films hinbekommen?

Miller: Wir haben den gesamten Film mit High Definition Kameras vor so genannten Green Screens gedreht, grünen Wänden also, vor denen die Schauspieler in einer nackten Kulisse ihre Szenen spielten. Diese Technik hat es uns ermöglicht, anschließend am Computer animierte Hintergründe einzubauen. Der Film ist komplett in Farbe gedreht worden, die Schwarzweiß-Schattierungen sowie die 3D-Effekte wurden anschließend digital erzeugt. Ich hatte vor diesem Film gar keine Ahnung von diesen ganzen technischen Dingen, aber mittlerweile bin ich ein richtiger Experte. Ich habe mir jedes kleinste Detail erklären lassen, weil ich natürlich auch die Computerspezialisten kontrollieren wollte. Nachdem ich das Endprodukt gesehen habe, hat sich mein Glaube an ehrliche und kunstvolle Filmemacherei in Hollywood wieder etwas relativiert. Zumindest mit Robert Rodriguez würde ich jederzeit wieder arbeiten. Wir basteln bereits an neuen Ideen. Nach der großen Skepsis am Anfang habe ich jetzt tatsächlich richtig Blut geleckt.

SPIEGEL ONLINE: Elektra, eine von Ihnen lange Jahre gezeichnete Comicfigur aus den "Daredevil"-Büchern, wurde im letzten Jahr mit Jennifer Garner in der Hauptrolle auf die Leinwand gebracht. Der Film floppte gewaltig. Haben Sie keine Angst, dass Sie Ihren eigenen Mythos aufs Spiel setzen, wenn Sie weitere Helden an Hollywood verkaufen?

Szene aus "Sin City" (mit Mickey Rourke, r.): "Conan der Barbar im Trenchcoat"

Szene aus "Sin City" (mit Mickey Rourke, r.): "Conan der Barbar im Trenchcoat"

Miller: "Elektra" habe ich mir nicht mal angesehen, ich wusste schon vorher, dass das schief gehen würde. Jennifer Garner ist keine schlechte Schauspielerin, aber sie verkörpert definitiv nicht Elektra. Das war eine glatte Fehlbesetzung. Ich hatte leider keinen Einfluss auf diesen Film, das lag in den Händen von Marvel Comics. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich ihn verhindert. Sollte ein weiterer Film mit meinen Charakteren entstehen, dann nur mit ebenso strenger Kontrolle von meiner Seite, wie es bei "Sin City" der Fall war.

SPIEGEL ONLINE: Es fällt auf, dass die männlichen Charaktere in "Sin City" bei aller äußerlichen Härte sehr gefühlvoll und emotional dargestellt werden, teilweise sogar richtig romantisch. Die Frauen hingegen werden als knallharte Weibsbilder porträtiert.

Miller: Das liegt sicher auch daran, dass ich schon immer einige autobiografische Elemente in die Charaktere der Bücher integriert habe. Ich bin selbst ein romantischer und sehr emotionaler Mensch, das spiegelt sich natürlich gelegentlich in den männlichen Kreationen wider.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie überhaupt auf die Idee für die "Sin City"-Comics gekommen? Die Geschichten sind sehr düster und haarsträubend brutal. Kann man daraus auch Schlüsse auf Ihre Psyche ziehen?

"Sin City" Comic: "Inspiriert haben mich die kitschigen Vierziger- und Fünfziger-Jahre- Krimis im Fernsehen"
Frank Miller

"Sin City" Comic: "Inspiriert haben mich die kitschigen Vierziger- und Fünfziger-Jahre- Krimis im Fernsehen"

Miller: Die Idee ist über mehrere Jahre hinweg langsam gewachsen. Ich habe mich erstmals mit der Thematik beschäftigt, als ich zwölf Jahre alt war. Ich bin im tiefsten Hinterland von Vermont aufgewachsen, im tristen Landleben habe ich ganz eigene Phantasien entwickelt über das sündige Leben in einer Großstadt. Inspiriert haben mich dabei die kitschigen Vierziger- und Fünfziger-Jahre-Krimis im Fernsehen, daher rührt auch meine Vorliebe für Schwarzweiß-Zeichnungen. Als ich in den siebziger Jahren nach New York ging, habe ich meine Kindheits- und Jugendphantasien gedanklich wieder abgerufen, und es entstand "Sin City."

SPIEGEL ONLINE: Es ist recht ungewöhnlich, dass ein Zwölfjähriger derart ausgeprägte Phantasien über Huren, Sex, Gewalt und Lust entwickelt, finden Sie nicht?

Miller: Rückblickend schon. Aber ich war eben auch kein normales Kind, ich war eher ein Außenseiter, und habe sehr viel Zeit mit mir selbst verbracht. In meiner Freizeit bin ich meistens ganz allein in den Wald gegangen, habe dort einfach nur Bäume angestarrt und mir Geschichten mit fiktiven Figuren ausgedacht. Diese Figuren lebten in meinem Kopf, sie waren Freunde und Feinde zugleich. Daheim im stillen Kämmerlein habe ich sie dann gezeichnet, weil ich sie zum Leben erwecken wollte. So ist auch Marv entstanden, einer der Hauptcharaktere in "Sin City", der im Film von Mickey Rourke verkörpert wird. Als mir Marv erstmals in den Sinn kam, hatte ich eine Art Conan der Barbar in einem Trenchcoat im Sinn. Vielleicht muss man ja tatsächlich ein bisschen verrückt sein, um überhaupt auf solche Ideen zu kommen. Ich weiß es nicht. Vermutlich hätte jeder Psychologe seine wahre Freude an mir.

Das Interview führte Andreas Renner



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