Interview mit Hardy Krüger "Ich wollte keine Kriegsverbrecher darstellen"

Hardy Krüger gehört zu den wenigen auch international erfolgreichen Filmstars aus Deutschland. Anlässlich seines 75. Geburtstages sprach der gebürtige Berliner mit SPIEGEL ONLINE über seine Kindheit in der Nazi-Zeit und sein Bestreben, der Welt zu zeigen, dass es auch sympathische Deutsche gibt.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Krüger, wie haben Sie Ihren 75. Geburtstag am 12. April verbracht?

Hardy Krüger: So wie immer in den letzten Jahren: Mit meiner Frau und einer Flasche gutem Champagner. Ich habe allerdings nicht auf mich selbst angestoßen, sondern auf meine Mutter Auguste, denn ohne sie gäbe es mich nicht. Ich mache mir nicht viel aus meinem eigenen Geburtstag, habe mir auch nicht die mir zu Ehren gezeigten Filme im Fernsehen angesehen.

SPIEGEL ONLINE: Zu Ihrer Mutter hatten Sie immer ein besonders herzliches Verhältnis, obwohl Sie von ihr in eine Nazi-Eliteschule gesteckt wurden?

Krüger: Ja, sie hat später, als ich es mir finanziell leisten konnte, sogar lange Zeit bei mir gewohnt. Trotz allem stamme ich aus einem sehr glücklichen Elternhaus. Geboren wurde ich im tiefsten Wedding. Berlin ist meine Heimat und meine Sprache. Als mein Vater Max kurze Zeit arbeitslos war, zogen wir mit meiner Schwester in den Ostteil der Stadt. Meine Eltern setzten große Hoffnungen in den Nationalsozialismus. Auf dem Klavier meiner Mutter Auguste stand eine Hitler-Büste. Wie Millionen anderer Deutsche wussten meine Eltern seinerzeit nicht, wohin die Reise wirklich geht. Als der Krieg ausbrach, war ich elf Jahre alt. Ich wurde zum Nazi erzogen, auch wenn ich damals nicht wusste, was das wirklich bedeutet. Im Grunde ist meiner Generation die Jugend gestohlen worden. Mein Vater kehrte nicht aus dem Krieg zurück. Ich wurde auf die Ordensburg Sondhofen im Allgäu geschickt. Auf dieser Adolf-Hitler-Eliteschule "genoss" ich eine militärische Erziehung, wo gerade ich mich zum Militärdienst überhaupt nicht eigne.

SPIEGEL ONLINE: Ihre erste Filmrolle hatten Sie 1943 als Jugendlicher in dem Propagandastreifen "Junge Adler". Dennoch war es gerade dieser Film, der Sie vom Nationalsozialismus abbrachte.

Krüger: Richtig. Regisseur Alfred Weidenmann suchte 1943 in den Eliteschulen nach geeigneten Jungs im Alter von 15 bis 17 Jahren. Neben mir wählte er unter anderem auch Dietmar Schönherr und Gunnar Möller aus. Ich war zwar der kleinste und mickrigste, aber auch der größte Komiker. Bei der Ufa traf ich auch zum ersten Mal auf Menschen, die Hitler nicht nur ablehnten, sondern ihn auch bekämpften und ihn, wenn sie mit mir über ihn sprachen, einen Verbrecher nannten. Ich meine den wunderbaren Hans Söhnker, der damals ein großer Filmstar war, und den Charakterschauspieler Albert Florath.

Diese beiden sind es gewesen, die mir die Augen öffneten. Das war nicht leicht für einen 15-Jährigen. In mir brach ein ganzer Wirbelsturm der Gefühle aus. Ich musste irgendwann in diesen Monaten eine Entscheidung treffen. Glaube ich meinen Eltern? Glaube ich meinen Erziehern? Oder glaube ich Söhnker und Florath? In dieser Situation führte ich eine Art Doppelleben, denn zu Hause konnte ich nicht darüber sprechen. Söhnker und Florath, die jüdische Mitbürger in ihren Landhäusern versteckten und dann heimlich in die Schweiz brachten, erzählten mir von Konzentrationslagern wie Dachau. Ich habe es zuerst nicht für möglich gehalten, das so etwas möglich ist.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Sie einer der ersten deutschen Schauspieler, die nicht nur im Ausland Anerkennung, sondern auch Arbeit fanden.

Krüger: Mich drängte es immer in die Ferne. Als ich die ersten Filme der Nouvelle Vague sah, dachte ich, als mir die Filme in Deutschland zu seicht wurden: Da willst du auch mitspielen. Also ging ich nach Frankreich, um bei den Produzenten Klinken zu putzen. Später zog ich nach London, um durch englischsprachige Produktionen in Hollywood Aufmerksamkeit zu erlangen. Allerdings nicht auf Teufel komm raus. Ich habe immer versucht, Filme zu machen, die den Menschen etwas sagen oder bedeuten sollen. Der Begriff "Weltenbummler", der mir als Titel für meine TV-Dokumentationen diente, ist eigentlich nicht ganz richtig gewählt, denn gebummelt habe ich nie.

SPIEGEL ONLINE: Der französische Film "Sonntage mit Sybill" gewann 1962 mit Ihnen als Hauptdarsteller den Auslands-Oscar. Warum lief er in Deutschland so schlecht?

Krüger: Er war in der ganzen übrigen westlichen Welt erfolgreich. In manchen Uraufführungskinos wurde er ohne Unterbrechung über ein Jahr gezeigt. Die längste Laufzeit in Berlin betrug 14 Tage. Hier hat das Publikum versagt, das noch an Opas beschauliches Kino aus der Wirtschaftswunder-Ära gewohnt war, und nicht die Verleiher. Bei meiner Liebeserklärung an Berlin, "Zwei unter Millionen", überholte hingegen die politische Situation mit dem Mauerbau die Filmgeschichte eines jungen Paars aus dem Osten, das in der noch offenen Stadt zueinander findet.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Schauspieler-Kollege Oskar Werner wollte 1969 in Stanley Kramers "Das Geheimnis von Santa Vittoria" trotz dreifacher Gagenerhöhung keinen sympathischen Nazi spielen. Seine Begründung: "Wer gut und intelligent ist, kann kein Nazi sein." Warum übernahmen Sie diese Rolle?

Krüger: Ich habe Oskar Werner, den ich als Schauspieler immer hervorragend fand, einmal in Wien zusammen mit Werner Krauss bei einem Glas Wein kennen gelernt. Ein faszinierender Mensch mit ganz eigenen Ansichten. Auch ich habe mindestens 20 oder 30 Deutsche in internationalen Filmen nicht gespielt. Diese Klischeefiguren, die zum Beispiel von Otto Preminger in "Stalag 17" verbraten wurden, wollte ich nicht nachmachen. Allerdings wollte ich auch nicht das Bild eines deutschen Soldaten abgrundtief verändern. Es gab in meiner Karriere nur sechs oder sieben Deutsche in Uniform, allesamt keine Hollywood-Karikaturen. Warum sollte ich nicht versuchen der Welt zu zeigen, dass es auch sympathische Deutsche gegeben hat? Nehmen Sie den früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt, ein hochintelligenter, integerer Mensch. Der war auch nicht freiwillig in der deutschen Armee. Er wurde einfach eingezogen. Diese Rollen habe ich gespielt. Ich habe kein Interesse daran gehabt, die Kriegsverbrecher darzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Ihnen wie aus dem Gesicht geschnittener Sohn ist in Ihre schauspielerischen Fußstapfen getreten. Warum agierten Sie bisher noch nicht gemeinsam vor der Kamera?

Krüger: Im Film haben wir noch nicht zusammengearbeitet. Es wird immer viel spekuliert, hauptsächlich von Fernsehproduzenten in Deutschland: "Wir möchten Sie und Ihren Sohn engagieren." Unsere kollektive Gegenfrage lautet dann: "Um was zu tun?" - "Ja, das wissen wir noch nicht", heißt es darauf fast immer. Damit hat es sich fürs Erste erübrigt.

SPIEGEL ONLINE: Ihr letzter Kinofilm "The Inside Man" datiert aus dem Jahr 1984. Gibt es noch eine Wunschrolle, die Sie spielen möchten?

Krüger: Nein, keine Wunschrolle. Angebote gibt es noch genug, doch die meisten sagen mir einfach nicht zu. Weder in Deutschland noch im Ausland muss ich in gleichgespülten Fernsehfilmen mitwirken. Ein französischer Filmregisseur, dessen Namen ich nicht verrate, fragte mich einmal: "Willst Du wissen, was Du brauchst, wenn Du einen guten Spielfilm drehen willst?" "Schieß los!", entgegnete ich gespannt. Lächelnd meinte er: "Ein gutes Drehbuch, ein gutes Drehbuch und ein gutes Drehbuch." Wenn diese drei Dinge in einem zusammenkommen und bei mir auf dem Tisch liegen, dann spiele ich wieder mit.

SPIEGEL ONLINE: Im November diesen Jahres ehrt Sie das Deutsche Filmmuseum in Berlin mit einer Ausstellung und Kino-Hommage. Werden auch ausländische Filme darunter sein, die wir hier zu Lande selten zu sehen bekamen?

Krüger: Sicherlich. Ein besonders großer Wunsch von mir ist die Vorführung von Claude Autant-Laras "Le franciscain de Bourges" (deutsch: "Der Franziskaner von Bourges") aus dem Jahr 1967. Ein hervorragender Film, das darf ich sagen, weil ich ihn ja nicht selbst inszeniert habe. Es ist die auf einer wahren Begebenheit basierende Geschichte eines deutschen Sanitäters, der französischen Kriegsgefangenen hilft. Damals haben die Nazis einen Fehler gemacht, den ich aus heutiger Sicht wunderbar finde. Sie zogen nämlich Geistliche in die Armee ein. Jede dritte Kompanie hatte einen Mönch als Sanitäter. Diesen gottgläubigen Gefreiten habe ich gespielt. Leider wurde der Film in Deutschland noch nie gezeigt.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Krüger: Am Anfang des Films gibt es eine Folterszene. Die Gestapo quält einen französischen Widerstandskämpfer. Ich habe den Film seinerzeit deutschen Verleihern vorgeführt. Nicht ein einziger ist über die Szene hinausgekommen. Alle standen auf und verließen geschlossen den Saal. Der Tenor lautete: "Solch einen Film wollen wir nicht haben." Es war wirklich beschämend. Dabei ist das ein völkerverständigender Film, der von den guten Taten des Franziskanermönchs Alfred Stahnke aus Bayern handelt.

Es war sehr reizvoll, seinen Gewissenskonflikt darzustellen: Soll ich meinen Befehlen gehorchen als deutscher Soldat? Oder gehorche ich meinem Herzen und somit Gott? Er hat sich für letzteres entschieden und ist praktisch zum Verräter an seinem Volk geworden, indem er die Gefolterten pflegte. Ich lernte ihn noch persönlich kennen und ging mit ihm zur Filmpremiere durch Bourges. Auch dem gefolterten Widerstandskämpfer aus der Eröffnungssequenz begegnete ich: Marc Toledano war an sich Ingenieur, doch gelobte er - ähnlich wie es Franz Werfel mit "Das Lied der Bernadette" getan hatte - ein Buch über Bruder Alfred zu schreiben, wenn er den Nazi-Terror überleben sollte. Das Buch wurde in Frankreich ein enormer Erfolg, genauso wie der Film. Dieser war mit ein Grund, dass ich nach Marlene Dietrich als erster deutscher Schauspieler in die französische Ehrenlegion aufgenommen wurde. In Deutschland wollte ihn auch mehr als zwanzig Jahre nach Kriegsende niemand sehen. Ich hoffe, das ändert sich jetzt endlich.

Das Interview führte Marc Hairapetian