Interview mit John Cleese "Ich verstehe nicht, warum ich populär bin"

Mit seinen Monty-Python-Kollegen und der TV-Serie "Fawlty Towers" schrieb John Cleese Komödiengeschichte. Anlässlich seines neuen Films "Rat Race" sprach der britische Schauspieler mit SPIEGEL ONLINE über die Kunst des Gagschreibens und das Ende seiner berühmten Comedy-Truppe.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Cleese, warum spielt eine Legende des britischen Humors in einem amerikanischen Klamauk nach dem Vorbild von Komödien wie "Top Secret" oder "Die unglaubliche Reise in einem Verrückten Flugzeug" mit?

John Cleese: Wenn Sie das mit der "Legende" nicht sein lassen, weigere ich mich, mit dem Interview weiterzumachen. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Das Drehbuch. Jerry Zucker hatte meine Rolle so toll geschrieben, dass ich praktisch keine Änderungswünsche hatte. Auf meinen Vorschlag hin wurden nur ein paar Sätze gestrichen. Letzten Sommer dagegen spielte ich in "Scorched", einem kleinen Film mit Alicia Silverstone und Woody Harrelson, bei dem ich praktisch jede Szene umschreiben musste.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn heute überhaupt noch gute Komödien?

Cleese: Immer weniger. Junge Autoren sehen das Komödienschreiben vor allem als Chance, das große Geld zu verdienen. Für meine Generation war das einfach ein Job, den wir liebten.

SPIEGEL ONLINE: Was braucht man, um gute Gags zu schreiben?

Cleese: Talent und Technik. Wenn ein Komiker das Glück hat, vor einem Publikum aufzutreten, lernt er fast schon unbewusst, wie er Dialoge am besten formuliert.

SPIEGEL ONLINE: Führen Sie ein Scherz-Notizbuch für spontane Ideen oder Beobachtungen?

Cleese: Dummerweise machte ich mir nie Notizen, im Gegensatz zu meinem Python-Kollegen Michael Palin. Aber meistens sagte ich mir, wenn ich etwas selbst erlebt oder gehört hatte: Das darfst du nicht vergessen. Oft fielen mir die Dinge dann beim Arbeiten wieder ein.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ein Beispiel?

Cleese: Die Szene in "Ein Fisch namens Wanda", wo ich splitternackt in der Wohnung stehe und die neuen Besitzer hereinkommen, ist einem alten Freund von mir so ähnlich passiert. Er hatte die Schlüssel zur Wohnung eines Kumpels bekommen, um dort gelegentlich zu übernachten. Als der sein Apartment verkaufte, vergaß er meinem Freund davon zu erzählen. Dann lag der gute Alan dort eines Tages in der Badewanne... Und den Rest kennen Sie ja.

SPIEGEL ONLINE: Vermissen Sie die Zeit, als Sie mit den Monty Pythons einen Gag nach dem anderen ausheckten?

Cleese: So gut diese Zeiten waren, ich würde nicht sagen, dass ich sie vermisse. Ich wollte ja nie meine eigenen Sketche selbst aufführen, das hat sich eher so ergeben. Anfang der Siebziger kam es soweit, dass die Python-Aktivitäten zehn Monate im Jahr in Anspruch nahmen, was mir entschieden zu viel war. Außerdem begannen wir uns meiner Meinung nach zu wiederholen. Deshalb war ich dagegen, dass wir die dritte Serie des "Flying Circus" drehten. Aber die anderen überstimmten mich. Vor allem Graham Chapman empfand meine Weigerung als richtige Bedrohung. Für ihn war Monty Python die beste Möglichkeit, um Erfolg zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren verantwortlich für das Ende von Monty Python?

Cleese: Ganz so einfach war es nicht. Denn ich ließ mich doch noch überreden, die dritte Serie zu machen. Ich war auch 1973 bei unserer Englandtournee dabei, die extrem anstrengend wurde. Als wir unmittelbar danach zu einer Tour nach Kanada aufbrachen, erklärte ich, dass ich für eine vierte Serie nicht mehr zur Verfügung stehe. Michael Palin, Eric Idle und Terry Gilliam hatten kein Problem damit, weil sie selbst andere Pläne hatten. Nur Graham Chapman und Terry Jones waren wütend. Die anderen drehten dann noch sechs Shows ohne mich. Da sie dann ebenfalls aufhörten, gehe ich davon aus, dass die Erfahrung nicht so toll war.

SPIEGEL ONLINE: Monty Python ging also im Streit auseinander?

Cleese: Wir gingen nicht auseinander. Bis 1978 machten wir ja noch unsere beiden Kinofilme "Die Ritter der Kokosnuss" und "Das Leben des Brian". Weil "Brian" so erfolgreich war, redete uns unser damaliger Manager ein: Wenn ihr gleich noch einen Film dreht, müsst ihr den Rest eures Lebens nicht mehr arbeiten. Diese Aussicht war so verlockend, dass wir uns sofort auf "Der Sinn des Lebens" stürzten, ohne eine richtige Idee zu haben. Natürlich kam alles ganz anders. Und jeder war mit dem kreativen Ergebnis so unzufrieden, dass er lieber mit seiner eigenen Karriere weiter machte.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es zu Ihrer kurzen Wiedervereinigung beim Aspen Film Festival vor vier Jahren?

Cleese: Das Festival hatte uns eingeladen, und wir hatten alle Lust. Wir verbrachten dann drei Tage zusammen, um den Auftritt vorzubereiten, und das Ganze machte einen solchen Riesenspaß, dass wir sogar auf eine gemeinsame Abschlusstournee planten.

SPIEGEL ONLINE: Wozu es dann aber doch nicht kam.

Cleese: Nein, weil die Person, die sie für uns organisieren sollte, völlig inkompetent war. Und das stieß vor allem Michael Palin und Eric Idle so sauer auf, dass sie nicht mehr mitmachen wollten.

SPIEGEL ONLINE: So bleibt Monty Python ein Mythos.

Cleese: In England gilt es eher als kalter Kaffee. Nur die Amerikaner sind so begeistert wie eh und je, was ich überhaupt nicht verstehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Cleese: Weil ich das Ganze selbst mit geschaffen habe. Wie unsere Gags aufs Publikum wirken, das kann Ihnen das Publikum viel besser sagen als ich.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie selbst schreiben jetzt keine Gags mehr. Lieber verfassen Sie seriöse BBC-Serien wie "Gesichter. Das Geheimnis unserer Identität"

Cleese: Ich habe keine Lust, meine ganze Zeit auf Komödien zu verwenden. Es gibt so viele andere interessante Themen. Was ist spannender, als die Funktionsweise des menschlichen Verstandes zu erforschen? Jetzt sitze ich in meinem Strandhaus und beschäftige mich damit. Darauf habe ich viele Jahre hingearbeitet. Was meinen Sie, wie ich das genieße.

Das Interview führte Rüdiger Sturm

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