Interview mit Jürgen Vogel "Wir machen die uninteressantesten Filme"

Der Schauspieler Jürgen Vogel über seinen neuen Film "Sass", die künstlerische Malaise des deutschen Kinos, den Traum von Cannes und die Vorbildfunktion der Amerikaner.


Schauspieler Vogel: "Bei den wirklich heißen Themen scheißen wir uns in die Hosen"
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Schauspieler Vogel: "Bei den wirklich heißen Themen scheißen wir uns in die Hosen"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Vogel, nach "Emil und die Detektive" sieht man Sie in "Sass" schon wieder in einem Film der leichten Unterhaltung. Ist das Zufall oder orientieren Sie sich zum Mainstream?

Jürgen Vogel: Ich halte Mainstream nicht für etwas Negatives. Für mich ist entscheidend, ob ich Lust auf die Rolle habe. Ich bin nicht der reine Independent-Schauspieler und finde es auch blöde, sich selber in Schubladen zu stecken. Bei "Emil und die Detektive" hatte ich ganz klar Bock auf einen Kinderfilm, weil ich selber Kinder habe. Und "Sass" ist eine klassische Buddy-Geschichte vom Aufstieg zweier Jungs, die Banken klarmachen in den Zwanzigern, einer fast anarchistischen Zeit, in der sich die Leute für nichts anderes interessierten als Partys, Drogen und Sex. Das ist heute ja ähnlich, was ich superspannend finde.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben damals die Schauspielschule abgebrochen. Ist das die Skepsis des Naturtalents?

Vogel: Ich finde die Ausbildung für einen Filmschauspieler in Deutschland sehr schlecht, weil dort nicht das gelehrt wird, was für einen guten Film notwendig ist. Vom Theater habe ich keine Ahnung. Aber beim Film kann ich das beurteilen, weil ich den Job schon ziemlich lange mache. Und ich beobachte immer aufmerksam, was in der Filmbranche so gemacht wird, was sich verändert hat, was man verbessern könnte.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht die Drehbücher? Deren Qualität wird ja allerorten bemängelt.

Vogel: Da ist generell Nachholbedarf, nicht nur bei den Autoren. Man muss Schreiber mehr pflegen, ihnen langfristige Verträge geben, Talente fördern. In Amerika werden die Stoffe gemeinschaftlich entwickelt, bei uns wuseln zu viele für sich im Kleinen herum. Überall gibt es Autoren, die irgendwie versuchen, irgendwo ihre Stoffe unterzubringen. Wenn wir in den nächsten Jahren den deutschen Film dahin bringen wollen, dass sie sich in Cannes darum reißen, müssen wir Kreativität bündeln und dafür Geld freimachen. Eine Faustregel besagt, dass von zehn Drehbüchern nur eines geeignet ist, um daraus einen Klasse-Film zu machen.

SPIEGEL ONLINE: So ein Konzept ist natürlich teuer.

Vogel: Geld ist doch genug da. Und es ist doch besser, fünf Millionen für ein gut entwickeltes Projekt auszugeben, als wenn man mit unausgegorenen Sachen zehn Millionen in den Sand setzt. Man muss sich mehr Zeit lassen, genau hingucken, und wenn es nicht gut ist, dreht man eben auch nicht. Aber wenn bei uns jemand irgendetwas investiert hat, wird das Ding auch durchgezogen. So kann man natürlich keine guten und erfolgreichen Filme machen.

SPIEGEL ONLINE: Früher wurde oft nur subventioniert, was garantiert nicht kommerziell war. Heute werden Millionen für Großprojekte wie "Marlene" zugeschossen, die dann auch noch floppen. Verleitet die Förderung dazu, nicht immer genau hinzugucken, was man verfilmt?

Vogel: Die Frage ist vielmehr: Wer sitzt in diesen Fördergremien und was zeichnet sie dafür aus? Können die überhaupt Drehbücher beurteilen? Was ist deren Geschmack? Oder sind es politische Standortentscheidungen? Vielleicht wären ja Filme, die nicht gefördert wurden und somit nicht entstanden sind, in Cannes genommen worden.

SPIEGEL ONLINE: Es scheint Sie ja sehr zu wurmen, dass die Deutschen dort nicht beachtet werden. Dabei behaupten viele ihrer Kollegen immer wieder beschwichtigend, der deutsche Film sei nicht so schlecht, wie er gemacht wird.

Vogel: Wir machen weltweit zurzeit einfach die uninteressantesten Filme. Das ist so, und das muss man auch sagen. Die Skandinavier machen geilere Filme als wir. Aber es fangen ja viele an, sich jetzt Gedanken machen. Wir müssen uns halt zusammensetzen und weiter üben.

SPIEGEL ONLINE: Ben Becker hat mit "Sid & Nancy" schon mal selbst einen kleinen Film inszeniert. Können Sie sich vorstellen, auch mal Regie zu führen?

Vogel: Momentan nicht. Wir haben auch gute Regisseure. Carlo Rola etwa. Oder Romuald Karmakar, Matthias Glasner und Wolfgang Becker. Tom Tykwer. Auch Rainer Kaufmann. Der deutsche Film hat eher ein Produzentenproblem. Da sind zu viele Geschäftsleute am Drücker. Aber kann denn einer ein gutes Drehbuch erkennen, der sich eigentlich nur mit Zahlen auskennt? In Amerika sind viele Produzenten auch Autoren. Ein gutes Beispiel ist der Produzent von "Columbo". Oder Chris Carter, der "Akte X" entwickelt hat. Das sind Leute mit denen man sämtliche Probleme besprechen kann, die bei Dreharbeiten anfallen, weil sie dramaturgisch denken, Figuren und Dialoge schreiben können. Das ist professionell.

Vogel und Filmpartner Ben Becker in "Sass": "Das ist heute ja ähnlich"
Constantin

Vogel und Filmpartner Ben Becker in "Sass": "Das ist heute ja ähnlich"

SPIEGEL ONLINE: Aber ohne Visionen nützt auch Professionalität nichts. Und Visionäre sieht man beim deutschen Film eigentlich nicht. Sie haben mal gefordert, man müsse mutiger deutsche Themen angehen. Wie könnten die aussehen?

Vogel: Zum Beispiel spielt in vielen amerikanischen Filmen der Präsident eine Rolle. Und in der Hälfte dieser Filme werden er oder seine Minister negativ dargestellt, weil im Weißen Haus eine Frau vergewaltigt wurde, es um irgendwelche dunklen Geschäfte geht oder so. Das finde ich mutig, obwohl die Amerikaner ja auch in einem System aus Hierarchien, Autorität und Patriotismus leben. In deutschen Filmen aber traut sich kaum einer, derart mit führenden Politikern umzugehen. Das ist spießig. Bei den wirklich heißen Themen scheißen wir uns in die Hosen, da sind wir ganz hinten, völlig unfrei. Autoritäten bleiben bei uns unangetastet.

SPIEGEL ONLINE: Warum gehen Sie bei diesen Bedingungen nicht ins Ausland oder gleich nach Amerika?

Vogel: Wenn mich jemand für eine geile Rolle engagieren will, dann gehe ich halt rüber und verdiene mal eben ein Schweinegeld. Aber ich laufe nicht weg. Ich bin hier groß geworden, hier ist meine Sprache. Es geht auch nicht darum, die Amerikaner nachzumachen, sondern mit deren professionellen Methoden unsere Identität auszudrücken, unsere Kultur zu vermitteln, wie wir denken und fühlen. Wir wissen, was die Amerikaner können, die Franzosen, die Briten. Nun müssen wir herausfinden, was wir können. Und zwar möglichst bald.

Das Interview führte Oliver Hüttmann



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