Interview mit Klaus-Maria Brandauer "Kubrick war mein Abgott"

In dem Historienfilm "Rembrandt van Rijn" ist Klaus Maria Brandauer seit kurzem wieder in deutschen Kinos zu sehen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Österreicher über tragische Lebensumstände, Erfolg und berufliche Alternativen.
Von Marc Hairapetian

SPIEGEL ONLINE:

Was hat Sie an der Figur des niederländischen Malers Rembrandt gereizt?

Brandauer: Ich finde es bewegend, dass ein in solche Höhen geschraubtes Künstlerleben seinen Preis hat. In die Tiefen unserer Existenz kann man gar nicht eindringen, wenn man nichts erlebt hat. Ich wünsche niemandem solch ein Leben wie das von Rembrandt, aber es ist schon klar, dass ohne dieses Leiden, nicht nur weil er aus Leiden kam, wahrscheinlich sein Werk in der Form gar nicht denkbar wäre.

SPIEGEL ONLINE: Charles Laughton verkörperte Rembrandt bereits 1937, Ewald Balser 1942. Als Schauspieler möchte man berühmte Vorgänger nicht gerne kopieren. Hat Sie dennoch einer der beiden beeinflusst?

Brandauer: Ich muss sagen, dass ich an beide Filme nicht mehr allzu große Erinnerungen habe. Ich weiß aber noch, dass mich sowohl Balser mit seiner kraftvollen, knorrigen Stimme beeindruckt hat, als auch Laughton, der das gestaltete, was mir heute in einer Zeitung vorgeworfen wird: Er hat einen Lebemann gespielt, was Rembrandt natürlich war. Er malte stets in den elegantesten, selbst entworfenen Phantasiekostümen mit Turban und Federn und hatte ein geradezu geckenhaftes Verhältnis zur Kleidung. Und solch einen Kerl mit Lust auf Leben, der sich die Nächte in Hafenkneipen um die Ohren schlägt und dann doch wieder in die Nestwärme von Frau und Haus zurückkehrt, spielte Charles Laughton.

SPIEGEL ONLINE: Ist das das Schöne an der Rolle?

Brandauer: Genau. Solchen Burschen wird immer unterstellt, sie hätten keine Tiefe. Also wenn es ein geniales Gegenbeispiel gibt, dann ist es Rembrandt. Und das habe auch ich versucht, zu zeigen. Trotz zahlreichen privaten Schicksalsschlägen - denken Sie an den Tod der Frau und der Kinder - hat ihn immer seine Arbeit, zu neuer Lust, zu neuem Leben animiert. Das kostet natürlich Kraft und bringt Neider. Vielleicht sage ich einmal später, wenn ich mit 80 Jahren in meinem Stammbeißel in Altaussee sitze, zu mir: I hob a mal den Rembrandt gespielt. Klingt gut? Darum hab ich es gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass tragische Lebensumstände genialische Künstler zu noch höheren Leistungen befähigen können?

Brandauer: Ich glaube, dass das ganze Leben bei ihm eine Dauerkrise war - wie bei uns übrigens auch, wir geben es nur meistens nicht zu. Gut, natürlich sagt man manchmal, ich habe so viel Schlimmes erlebt, ich kann nicht mehr malen. Gerade an diesen Schnittpunkten sind unglaubliche Bilder entstanden. Ich behaupte einfach mal: Der Rembrandt wäre auch Maler gewesen, wenn er ohne Hände geboren worden wäre. Man ist nicht nur als Maler gut, sondern auch als Sehender und somit auch für Blinde zuständig.

SPIEGEL ONLINE: Apropos "sehen". Rembrandt sagt: "Die Menschen glauben, was sie sehen, ich aber glaube umso weniger, je mehr ich sehe:" Gilt das auch für Sie?

Brandauer: Es ist doch immer so: Wir lernen was, und haben das Gefühl, wir können nichts. Manchmal verlernen wir es auch, oder vergessen es. Und manchmal lernen wir so viel, dass wir auf die entscheidenden Lernprozesse gar nicht mehr achten, nämlich auf die der Herzensbildung. Das ist eine ganz wesentliche Bildung, mit der man im Leben weiter kommen kann und einen größeren Durchblick hinkriegt als mit dem Universitätsstudium von zehn oder zwanzig Fächern. Natürlich weiß ich oft auch nicht, was für einen Sinn das Ganze hat. Und die entscheidende Frage der Existenz werden wir wohl heute nicht besprechen, aber ich bin unterwegs und habe meine ureigene, wahnsinnige Vision, die ich lieber für mich behalte.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie bei allem Erfolg auch manchmal unzufrieden?

Brandauer: Natürlich. Am Anfang mache ich immer etwas unheimlich gerne, genieße das Glück, das ich mir seit langer Zeit Rollen und Projekte aussuchen kann. Das halte ich für ein irrsinniges Privileg. In der Arbeit kommt man jedoch schnell auch an seine Grenzen. Dann ist man nicht mehr glücklich, weil man den Elan nicht mehr hat und am Ende immer nur ein Bruchstück herauskommt von dem, was einem vorschwebte.

SPIEGEL ONLINE: Gab es für Sie eine Alternative zur Schauspielerei?

Brandauer: Nein. Seit ich denken kann, wollte ich Geschichten erzählen. Obwohl ich vom Lande bin, wollte ich immer Schauspieler werden. Die meisten meiner Freunde aus meinem Geburtstort Bad Aussee sind Bauern oder bei der Volksbank. Ich frage mich häufig, ob es denen besser geht als mir. Und die lassen mich auch spüren, dass sie New York gar nicht kennen lernen wollten. Doch am Stammtisch vergessen die ihre Kühe, und ich vergesse mein Theater und meine Karriere. Wenn ich wegfahre, sagt der Oberförster zu mir: "Fährst Du wieder in die Stadt, Leut' foppen?" Der meint ich tu' die Leute foppen! Wahrscheinlich hat er Recht.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es verpasste Chancen, denen Sie nachtrauern?

Brandauer: Ja. Stanley Kubrick zog mich noch vor "Eyes Wide Shut" (kurz nach der Fertigstellung starb der Regisseur, Anm. der Red.) für zwei Arthur-Schnitzler-Stoffe in Betracht, "Das Bildnis der Beatrice" und "Sterben". Istvan Szabos und mein Kameramann Lajos Koltai sollte mit von der Partie sein. Ich muss dazu sagen, dass Kubrick mein Abgott war. Gott kann ich nicht sagen, da ich zu katholisch erzogen worden bin. Mit Kubrick zusammenarbeiten zu dürfen, wäre sicherlich der absolute Höhepunkt meiner künstlerischen Laufbahn geworden.

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