Interview mit Mickey Rourke "Mein Stolz hat mich gerettet"

In der Comicverfilmung "Sin City" feiert der US-Schauspieler Mickey Rourke ein furioses Comeback. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erörtert der 49-Jährige die Gründe für sein Karrieretief, sein zwiespältiges Verhältnis zu Hollywood und die Undurchschaubarkeit Gottes.


Schauspieler Rourke: "Ich bin total froh, dass ich wieder gute Rollen bekomme"
AP

Schauspieler Rourke: "Ich bin total froh, dass ich wieder gute Rollen bekomme"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Rourke, dieses Interview kam recht überraschend zustande.

Rourke: Ich hatte auch nicht erwartet, dass ich heute nach München kommen würde. Eigentlich sollte ich in London für meinen neuen Film vor der Kamera stehen. Aber da bekam ich einen Anruf von Miramax-Boss Harvey Weinstein, und er meinte, es wäre toll, wenn ich mal ein, zwei Tage herüberfliege, um für "Sin City" Werbung zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Gehorchen Sie so einfach einem Hollywood-Produzenten?

Rourke: Früher wäre so etwas unvorstellbar gewesen, da ließ ich mir von keinem Produzenten etwas sagen. Wenn mir etwas nicht passte, habe ich es ihm ordentlich gegeben. Aber jetzt sind andere Zeiten. Ich bin total froh, dass ich wieder gute Rollen bekomme. Und ich habe keine Lust, die Leute anzupinkeln wie früher. Mit 49 bleibt mir nicht mehr soviel Zeit, um etwas aus meinem Leben zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Vermissen Sie die wilden Zeiten?

"Sin City"-Star Rourke: "Das hat mich sieben Jahre Therapie gekostet"

"Sin City"-Star Rourke: "Das hat mich sieben Jahre Therapie gekostet"

Rourke: Überhaupt nicht. Ich bin froh, dass ich meine Wutanfälle in den Griff gekriegt habe. Das hat mich sieben Jahre Therapie gekostet. Es war, als müsste ich mich durch eine riesige Nebeldecke hindurchkämpfen. Mein Psychiater hatte zwei andere Patienten mit ähnlichen Problemen, die die Behandlung abbrachen. Der eine, ein bekannter Boxer, dessen Namen ich nicht sagen kann, fuhr seine Karriere gegen die Wand, der andere brachte sich um. Aber ich habe es geschafft. Das Entscheidende war, dass ich niemand anderem die Schuld gegeben habe. Das waren alles meine Fehler.

SPIEGEL ONLINE: Dann sind Sie Ihre Dämonen also auf der Couch losgeworden?

Rourke: Letzlich war es mein Stolz, der mich gerettet hat. Mitte der Neunziger, als meine Karriere völlig am Ende war, glaubte kaum noch ein Mensch an mich. Die Leute in Hollywood dachten sich: Der schafft es nie wieder. Und denen wollte ich das Gegenteil beweisen.

SPIEGEL ONLINE: Und die bösen Geister kehren nie mehr zurück?

Rourke: Natürlich werde ich sie nie ganz los. Sie sind ein Teil von mir. Aber ich bin mit dem Alter etwas ruhiger geworden. Ich mache viel Bodybuilding, das entspannt. Und auch Rollen wie Marv in "Sin City" sind eine Art Therapie. Das ist eine Figur, die ihren Willen durchsetzt, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. So wie ich früher war.

Boxer Rourke (1993 in Hamburg): "Es war ein gutes Mittel, um mir meine Stärke zu beweisen"
REUTERS

Boxer Rourke (1993 in Hamburg): "Es war ein gutes Mittel, um mir meine Stärke zu beweisen"

SPIEGEL ONLINE: Was waren die schlimmsten Konsequenzen?

Rourke: Dass ich Leuten sehr wehgetan habe, und dass ich mein ganzes Vermögen verlor. Deshalb lebe ich jetzt auch in einem normalen Apartment und passe gut auf, dass ich nicht zuviel ausgebe.

SPIEGEL ONLINE: Früher verbrachten Sie Ihre Zeit in Gesellschaft von Gangstern und Rockern. Meiden Sie diese Leute jetzt?

Rourke: Es gibt immer noch etwas in mir, das sich zu ihnen hingezogen fühlt. Das muss mit meiner Jugend zu tun haben; da fand ich Kriminelle einfach cool. Aber das habe ich jetzt auch unter Kontrolle. Ich halte mich fern von solchen Einflüssen. Gleichzeitig merke ich, dass ich mit Menschen aus anderen Schichten viel besser klar komme. Der Maler Julian Schnabel ist ein guter Freund geworden. Wenn ich ihn vor zehn Jahren getroffen hätte, hätten wir keine gemeinsame Basis gehabt. Aber jetzt kommen wir wunderbar miteinander klar. Das ist für mich auch ein Indiz, wie stark sich mein Leben verändert hat.

SPIEGEL ONLINE: Vor Ihrer nun beginnenden zweiten Karriere in Hollywood versuchten Sie sich auch noch als Boxer. Wie kam es dazu?

Filmstar Rourke: "Früher fand ich Kriminelle cool"
AFP

Filmstar Rourke: "Früher fand ich Kriminelle cool"

Rourke: Ich begann die Schauspielerei zu hassen. Und mich selbst, weil ich ein Schauspieler war. Früher war ich ein richtiger Purist, dem es nur um die Kunst ging. In meiner Naivität erkannte ich nicht, dass das Ganze nur ein Geschäft ist. Und dann fing ich selbst an, Filme nur um des Geldes willen zu drehen. Aus dieser Mühle wollte ich nur noch raus.

SPIEGEL ONLINE: Aber deshalb muss man doch nicht gleich in den Boxring steigen.

Rourke: Ich hatte auch schon früher geboxt. Und es war ein gutes Mittel, um mir meine Stärke zu beweisen. Mit der Schauspielerei ging das ja nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind auch ein gläubiger Katholik.

Rourke: Ich gehe ein paar Mal in der Woche in die Kirche. Das ist sehr wichtig. Vor allem, wenn man soviel gesündigt hat wie ich.

SPIEGEL ONLINE: Hat Gott Ihnen bei Ihrem Comeback geholfen?

Rourke: So eine Frage führt in Bereiche, von denen ich keine Ahnung habe. Das wäre auch ein zu einfacher Zusammenhang. Ich fragte mal einen Priester: Was muss ich tun, damit mir Gott meine Freundin zurückgibt? Er sah mich lange an, und dann zuckte er mit den Achseln. Wenn so jemand keine Ahnung hat, wie soll ich da wissen, wie Gott denkt?

Das Interview führte Rüdiger Sturm



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.