Interview mit Morgan Freeman "Was ist Rassismus?"

Morgan Freeman, 64, ist Hollywoods Spezialist für weise, alte und schwarze Männer - so auch in seinem neuen Film "Im Netz der Spinne". Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Schauspieler über Onkel-Tom-Klischees, das Scheitern Spike Lees und seine eigene Definition von Rassismus.


Morgan Freeman (am 6. Juli in Hamburg): "Spike Lee hat das total verbockt"
AFP

Morgan Freeman (am 6. Juli in Hamburg): "Spike Lee hat das total verbockt"

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Freeman, auch mit Ihrer neuen Rolle zementieren Sie Ihr Image als weiser alter Mann des amerikanischen Kinos. Geht Ihnen dieses Klischee nicht manchmal auf die Nerven?

Morgan Freeman: Doch, sehr. Jedes Mal wenn ich mich umdrehe, wartet eine neue Rolle als weiser alter Mann auf mich. Aber solange es eine gute Rolle ist, warum sollte ich dagegen ankämpfen? Und wenn mir jemand sagt: Morgan, das Publikum möchte dich so sehen - schön, bitte sehr.

SPIEGEL ONLINE: Spike Lee hat sich in seinem Film "It's Showtime" kürzlich bitter über die stereotype Besetzung von Farbigen als Clowns beklagt. Sie erfüllen eher das Onkel-Tom-Stereotyp...

Freeman: Man sucht sich aus, was man machen möchte, und ich bin wohl eher in die Rolle des weisen Beraters geraten, weil ich sie mir selbst ausgesucht habe, als dass mich die Umstände dorthin geschubst hätten. Es gab zugegebenermaßen nicht all zu viele abwechslungsreiche Angebote, und die, die es gab, haben mich meist nicht sonderlich gereizt. Also muss ich selbst die Verantwortung dafür übernehmen, in welcher Ecke ich stehe. Was übrigens nicht so übel ist - Spencer Tracy war auch so ein alter, weiser Mann...

SPIEGEL ONLINE: Sie haben kürzlich live im US-Fernsehen die Unabhängigkeitserklärung verlesen und bei der Gelegenheit erklärt, es gäbe keinen Rassismus mehr in den USA. Sie haben sogar gefordert, dass die schwarzen US-Bürger aufhören sollten, den Rassismus in ihrem Land zu beklagen. Warum?

Freeman: Was ist denn Rassismus? Geben Sie mir eine Definition!

SPIEGEL ONLINE: Spike Lee behauptet, Rassismus sei die ungleiche Verteilung kultureller Macht. Er beklagt die mangelnde Präsenz schwarzer US-Bürger in den Schlüsselpositionen der Unterhaltungsindustrie.

Stets der weise, alte, schwarze Mann Hollywoods: Freeman in "Im Netz der Spinne"
UIP

Stets der weise, alte, schwarze Mann Hollywoods: Freeman in "Im Netz der Spinne"

Freeman: Auch dafür muss es ja einen Grund geben. Welches ist denn die Schlüsselposition im Filmbusiness? Ich sage es Ihnen: Die des Geldgebers. Tadaa!

SPIEGEL ONLINE: Die Geldgeber sind die Studios, und die werden von Weißen regiert.

Freeman: Ganze Welten werden von Weißen regiert.

SPIEGEL ONLINE: Stimmen Sie also Spike Lees Kritik an den Verhältnissen zu?

Freeman: Ich kann ihr zustimmen. Allerdings sehe ich keinen Sinn darin, über diese Frage Diskussionen zu führen. Wiewohl ich die Argumentation dahinter gut verstehe.

SPIEGEL ONLINE: Und die wäre?

Freeman: Wer hat das Geld? Wer macht es locker? Wenn Sie eine Idee haben - und das ist alles, worum es im Filmgeschäft geht - und sich hinsetzen und ein Film daraus machen wollen, an wen wenden Sie sich dann? An die, die Ihnen das Geld geben könnten, und darunter werden sehr, sehr wenige Schwarze sein.

SPIEGEL ONLINE: Und das ist kein Zeichen von Rassismus?

Freeman: Das ist kein Zeichen von Rassismus, das ist der Alltag des Geschäfts. Einen Film zu drehen ist das größte Glücksspiel der Welt.

Kämpft für die Gleichberechtigung schwarzer Künstler: Filmemacher Spike Lee
AP

Kämpft für die Gleichberechtigung schwarzer Künstler: Filmemacher Spike Lee

SPIEGEL ONLINE: Spike Lee behauptet auch, dass sich die Situation der schwarzen US-Amerikaner erst dann einschneidend verändert, wenn sie angemessene kulturelle Definitionsmacht besitzen. Teilen Sie diese Meinung?

Freeman: Natürlich hat sich die Situation drastisch verändert. Ich glaube, dass mein Erfolg als Schauspieler auf diesen Veränderungen fußt. Seit den frühen Siebzigern praktiziert die Unterhaltungsindustrie - Theater, Film und Fernsehen - pflichtbewusst offene Castings. Man arbeitet sehr ernsthaft daran, dass das Geschehen auf der Bühne, dem Bildschirm oder der Leinwand das wahre Leben reflektiert. Und ich glaube, das funktioniert ziemlich gut.

SPIEGEL ONLINE: Wie definieren Sie Rassismus?

Freeman: Rassismus ist das, was in Ruanda praktiziert wird, wo die Leute sich gegenseitig zerstückeln. Rassismus ist, was in Bosnien passiert, wo die Leute ganze Volksgruppen auszurotten versuchen. Rassismus ist, was man in Nordirland sieht, wo die Angehörigen verschiedener Religionen in den Krieg ziehen und sich gegenseitig erschießen. So etwas gibt es bei uns nicht. Wir sind in den USA gerade erst aus einer Periode hervorgekommen, in der es die Sklaverei gab. Meine Vorfahren kommen aus dieser Ära, und wissen Sie was? Ich würde als Afrikaner die Welt der Sklaverei dem heutigen Leben in Ruanda bei weitem vorziehen. und ich ziehe es allemal vor, da zu sein, wo ich bin.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie also, dass Spike Lee keine Rechtfertigung für seine Wut hat?

Freeman: Er hat eine, aber es ist Spikes Argument, nicht meines.

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie es legitim, dass ein weißer Regisseur schwarze Geschichte verfilmt, wie im Falle von Michael Manns "Ali"?

Freeman: Natürlich ist das legitim. Die Verfilmung von "Malcolm X" zum Beispiel hat mir überhaupt nicht gefallen. Spike Lee hat das total verbockt, und ich glaube kaum, dass ein weißer Regisseur damit auch nur annähernd so katastrophalen Schiffbruch hätte erleiden können.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie mit Spike Lee zusammenarbeiten?

Freeman: Natürlich, ich würde mit fast jedem zusammenarbeiten. Und ich glaube übrigens kaum, dass es jemanden gibt, der nicht mit Spike Lee arbeiten würde.

Interview: Nina Rehfeld



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