Interview mit Nadja Uhl "Man kann nicht von allen geliebt werden"

Letztes Jahr gewann Nadja Uhl den Silbernen Bären, diesmal ist die Schauspielerin wieder im einzigen deutschen Wettbewerbsbeitrag "My Sweet Home" vertreten. SPIEGEL ONLINE sprach mit der 28-jährigen Berlinerin über die Nationalität von Filmen.

Von Christian Bartels


SPIEGEL ONLINE:

Im letzten Jahr haben Sie auf der Berlinale für "Die Stille nach dem Schuss" den Silbernen Bären als beste Schauspielerin gewonnen. Hat das etwas für Sie geändert - die Angebote, die Gagen oder die Hemmschwelle für Angebote?

Nadja Uhl mit Filmpartner Harvey Friedman in "My Sweet Home"
Internationale Filmfestspiele Berlin

Nadja Uhl mit Filmpartner Harvey Friedman in "My Sweet Home"

Nadja Uhl: Die Gagenforderung habe ich ganz bewusst nicht angehoben, das wäre nicht angebracht gewesen, fand ich. Die Qualität der Angebote hat sich geändert. Der Film hatte mit dieser Auszeichnung eine Aufmerksamkeit erreicht, die sich drauf ausgewirkt hat, welche Drehbücher mir jetzt geschickt werden.

SPIEGEL ONLINE: In diesem Jahr wird oft die mangelnde Präsenz deutscher Filme beklagt. Über "Enemy at the Gates" sagt man, er sei ein "undeutscher" Film, einige Blätter schreiben gar, im Wettbewerb gäbe es gar keinen deutschen Film. Verstehen Sie die Frage nach der Nationalität von Filmen?

Uhl: Wenn ich weiß, woher der Film kommt, kann das schon für Erfahrungswerte sprechen, für eine besondere Qualität wie bei koreanischen oder französischen Filmen. Da weiß man, dass das viel versprechend ist. Was unseren Film betrifft: Ich finde die Diskussionen, ob "My Sweet Home", wie es teilweise formuliert wird, "rein deutsch" ist - was für mich schon eine beschämende Äußerung ist - ermüdend. Dieses Denken entspricht überhaupt nicht meinem eigenen. Die Kreativität der Stadt Berlin lebt von verschiedenen Kulturen, und dieser Film wurde von Menschen verschiedener Kulturen gemacht, die aber alle in Deutschland leben, die Sprache beherrschen und sich bis zu einem gewissen Teil mit dem Land identifizieren. Natürlich wäre es schön, wenn es mehr deutsche Beiträge gäbe. Dass es in diesem Jahr nicht so ist, macht uns umso stolzer, hier als kleiner Low-Budget-Film vertreten zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass deutsche Filmemacher ihre Filme ungern auf der Berlinale zeigen, weil das Publikum so kritisch sei und so viele Filme verrissen werden?

Uhl: Echt? Das hör' ich zum ersten Mal. Ich bin begeistert, dass ich zum zweiten Mal hier bin. Das ist doch ein großes internationales Forum, bei dem es eine Ehre ist, dabei zu sein. Ich weiß nicht, ob da die Angst vor Kritik überwiegen sollte. Beim Schlöndorff-Film im letzten Jahr hatten wir teils sehr schlechte Berlinale-Presse, als der Film in die Kinos kam, gab es aber sehr gute Presse. Total konträre Meinungen. Natürlich tut es weh, persönlich beleidigende Dinge zu lesen, aber man kann nicht von allen geliebt werden.

SPIEGEL ONLINE: Das ist ja Ihre erste internationale Koproduktion. War das Drehen anders als bei "rein deutschen" Filmen?

Uhl: Die Arbeit wurde unheimlich geprägt durch Leichtigkeit, Engagement und Freude. Mag sein, dass das mit den vielen unterschiedlichen Temperamenten aus unterschiedlichen Ländern zu tun hatte. Was interessant war, waren die Geschichten dieser Menschen, die zwangsläufig mit ihrer Herkunft zu tun haben. Während der Dreharbeiten hatte ich die Theorie, dass oft genau die richtig gut drauf waren, die aus Ländern kommen, in denen es ihnen richtig schlecht ging.

SPIEGEL ONLINE: Aha, können Sie da ein Beispiel geben?

Uhl: Ich habe mit der Koreanerin Moonsuk Kang gesprochen, die sich schon als Kind ihre Schulanmeldungen immer selbst unterschrieben hatte, damit sie zur Schule gehen konnte, weil sich sonst keiner dafür interessierte. Sie sollte arbeiten, wollte aber lernen, hat sich dann autodidaktisch Operngesang beigebracht und es schließlich bis nach Deutschland geschafft.



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