Interview mit Nia Vardalos "Meine Cousins sollen mich nicht nackt sehen"

Die 40-jährige US-Schauspielerin und Drehbuchautorin Nia Vardalos ist Hollywoods neuer Liebling. Aus ihrer kleinen One-Woman-Show "My Big Fat Greek Wedding" wurde einer der größten Überraschungshits der Filmgeschichte. Mit SPIEGEL ONLINE sprach sie über gemeine Agenten, bedrohliche Griechinnen und bedingungslose Liebe.


Hollywood-Darling Vardalos: "Ich bin immer noch das griechische Mädel aus Winnipeg"
AP

Hollywood-Darling Vardalos: "Ich bin immer noch das griechische Mädel aus Winnipeg"

SPIEGEL ONLINE:

Mrs. Vardalos, vor einem Jahr waren sie eine unbekannte Kleindarstellerin. Jetzt sind Sie Star und Autorin der erfolgreichsten Independent-Produktion aller Zeiten. Kann man da noch normal bleiben?

Nia Vardalos: Ich hatte einmal einen Mini-Auftritt in einer Fernsehshow. In den Proben zeigte der Kostümdesigner einer Schauspielerin den Stoff für ihr Kleid. Und sie fing an ihn zu beschimpfen. Da schwor ich mir: Egal, was passiert, so eine Zicke wirst du nicht - niemals, niemals, niemals. Ich bin immer noch das griechische Mädel aus Winnipeg.

SPIEGEL ONLINE: Wieso bekamen Sie so lange keine größeren Rollen?

Vardalos: Ich wollte gar keine größeren Rollen. Aber ich bekam praktisch überhaupt nichts. Man sagte mir: Du hast einen dunklen Teint. Aber wenn jemand mit solcher Hautfarbe gesucht wird, dann nimmt man eine Latina. Griechische Rollen gibt es nicht. Sie können sich nicht vorstellen, welche Gemeinheiten ich mir von Agenten anhören musste.

SPIEGEL ONLINE: Hat der Schönheitswahn der Branche etwas damit zu tun?

Vardalos: Ich kann es nicht sagen. Eine Freundin von mir, auch eine Schauspielerin, entsprach genau dem Ideal: blond und schlank. Aber ihre Agentur ließ sie fallen - Begründung: Sie könne keine Arbeit kriegen, weil sie aussehe wie alle anderen.

Fikitve Vardalos-Eltern in "My Big Fat Greek Wedding": "Meine Familie ist phantastisch und verrückt zugleich"
20th Century Fox

Fikitve Vardalos-Eltern in "My Big Fat Greek Wedding": "Meine Familie ist phantastisch und verrückt zugleich"

SPIEGEL ONLINE: Welche Rollen bietet man Ihnen jetzt an?

Vardalos: Ganz normale Frauen-Parts, keine Griechinnen, weder gut aussehend noch hässlich. In einem dieser Filme geht es um eine Frau, die in ihre Heimatstadt zurückzieht, um sich um ihre Mutter zu kümmern. Ursprünglich wollte man Sandra Bullock dafür besetzen; stattdessen bekam ich das Angebot. Ich dachte nur: Ist das nicht süß?

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich den Erfolg von "My Big Fat Greek Wedding" eigentlich erklären?

Vardalos: Tom Hanks, der mitproduzierte, meinte, das Thema des Films sei "Die Liebe siegt über alles". Ich glaube, die Leute wollen einfach der Realität entfliehen, die sie in den Nachrichten sehen. Bei uns erleben sie, wie man ein Familienproblem löst, ohne jemanden zu töten.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie nicht versucht, ein paar klassische Konflikte in die Geschichte einzubauen?

Vardalos-Entdecker Tom Hanks, Ehefrau Rita Wilson: "Die Liebe siegt über alles"
REUTERS

Vardalos-Entdecker Tom Hanks, Ehefrau Rita Wilson: "Die Liebe siegt über alles"

Vardalos: Einige Produzenten, die früher an dem Stoff interessiert waren, wollten solche Elemente haben: Zum Beispiel, dass der Held die Heldin mit seiner früheren Freundin betrügt und sie dann wieder zurückgewinnen muss. Ich sagte: Nur über meine Leiche. Männer werden in Filmen so schlecht dargestellt. Wir zeigen dem Publikum eine bedingungslose Liebe. Wenn wir auf einmal das Verhalten der männlichen Hauptfigur auf den Kopf stellen, wäre das wie ein Vertrauensbruch.

SPIEGEL ONLINE: Sind griechische Familien wirklich so nett, wie sie im Film gezeigt werden?

Vardalos: Ich habe keine anderen kennen gelernt. Natürlich hatte ich Phasen, in denen ich auf meinen Vater wütend war. Aber wer war das nicht? Meine Familie ist phantastisch und verrückt zugleich. 49 Verwandte kamen zu unserer Premiere nach Los Angeles. Sie machten ein solches Chaos, dass einer meiner Produzenten, Gary Goetzman, fast einen Herzinfarkt bekam.

SPIEGEL ONLINE: Die Geschichte ist also autobiografisch?

Vardalos: Sehr viel davon. Ich schickte das Drehbuch auch an meine Eltern. Es sollte nichts darin vorkommen, was sie in einem peinlichen Licht zeigte.

SPIEGEL ONLINE: Hatten sie Einwände?

Vardalos: Mein Vater sagte nur: "Dreht das Ding und habt euren Spaß."

SPIEGEL ONLINE: Woran hätten sie denn Anstoß nehmen können?

Vardalos als griechische Braut (mit Filmpartner John Corbett): "Ich werde niemanden schockieren"
20th Century Fox

Vardalos als griechische Braut (mit Filmpartner John Corbett): "Ich werde niemanden schockieren"

Vardalos: Als ich damals meinen nicht-griechischen Mann heiratete (TV-Darsteller Ian Gomez, d. Red.), kam es schon zu Konflikten. Davon ist natürlich einiges eingeflossen. Aber diese Probleme sind längst beigelegt. Nur bei den Dreharbeiten gab es eine brenzlige Situation: In einer Szene hatten sie eine russisch-orthodoxe Ikone aufgehängt, statt einer griechischen. Der Set-Designer meinte, das würde nie jemand auffallen Ich sagte zu ihm: Du bist nicht derjenige, den eine dicke Griechin mit Goldzahn an die Wand drängt und anbrüllt: "Wie konntest du nur!"

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie auch weiterhin von dieser schönen, heiteren Welt erzählen oder treibt es Sie auch zu den dunkleren Seiten des Lebens?

Vardalos: Fürs erste möchte ich Komödien machen. Es ist wie ein warmes Bad für mich, wenn die Leute lachen. Das genieße ich noch mehr als Essen. Erst wenn dieses Bedürfnis gestillt ist, will ich meine Palette erweitern. Aber ich werde niemand schockieren und ich will nicht, dass mich meine Cousins nackt sehen.

SPIEGEL ONLINE: Sind die so gierig darauf?

Vardalos: Im Gegenteil. Bei den Kussszenen von "Greek Wedding" stöhnte einer: "Oh Gott, bitte lass es aufhören".

Das Interview führte Rüdiger Sturm



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.