Interview mit Regisseur Ridley Scott "Ich wäre lieber ein Betrüger"

Hollywood-Regisseur Ridley Scott, 66, über seinen neuen Film "Tricks", seine Angst vor Flecken und seinen neuen Respekt vor der Wirklichkeit.

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Scott, in Ihrem neuen Film spielt Nicolas Cage einen Trickbetrüger. Sind Sie jemals selbst einem zum Opfer gefallen?

Ridley Scott: Nicht, dass ich wüsste. Aber ich bin auch in der gleichen Branche. Denn Regieführen ist selbst eine Art von Trickbetrug. Ich manipuliere das Publikum. Ich muss die Zuschauer ablenken, damit sie nicht merken, wenn es mit der Logik etwas hapert oder wir uns die Tatsachen ein wenig zurechtgebogen haben. Ich muss sie dazu bringen, mir auf den Leim zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Was haben ein guter Film und ein gelungener Trickbetrug gemein?

Scott: Dass die Leute drauf reinfallen. Sie greifen gierig nach den Diamanten und halten am Ende nur Glas in den Händen.

SPIEGEL ONLINE: Wie? Wollen Sie damit sagen, Ihre Filme sind nur Modeschmuck?

Scott: Nein, das nicht. Das Publikum hat ja sein Vergnügen daran, raffiniert an der Nase herumgeführt zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Erfahrung ist für einen Menschen bereichernder: zu betrügen oder betrogen zu werden?

Scott: Schwer zu sagen, aber ich wäre lieber der Betrüger. Vorausgesetzt, ich käme ungeschoren davon. Ich mag es nicht, das kürzere Ende für mich zu behalten. Und irgendwie sind uns Trickbetrüger doch auch nicht ganz unsympathisch. Das sind Gauner, klar, aber doch weit davon entfernt, Bösewichter zu sein. Die nämlich können verdammt gefährlich werden. Nicolas Cage sagt im Film: "Ich nehme den Leuten das Geld nicht ab; sie geben es mir." So versucht er, die Schuld von sich abzuwälzen, zeigt aber gerade dadurch, dass er ein Schuldbewusstsein hat.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass es zwei Arten von Filmen gibt: Jene, bei denen die Wirkung davon abhängt, dass die Zuschauer den Bildern ganz und gar vertrauen, und jene, bei denen das Vergnügen darin besteht, alles in Zweifel zu ziehen?

Scott: Ich weiß nicht. Ich hoffe doch, dass das Publikum den Bildern auch bei "Tricks" vertraut. Vielleicht gibt es wenige Zuschauer wie Sie, die den Schwindel riechen, aber die haben dann auf einer zweiten Ebene ein vielleicht sogar noch größeres Vergnügen, weil sie versuchen, dem Film auf die Schliche zu kommen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es eine besondere Herausforderung für einen Regisseur, einen Film zu drehen, bei dem das Publikum schon auf Grund des Themas und der Geschichte hochgradig aufmerksam ist und auf jede Kleinigkeit achtet?

Scott: Nein, denn ich achte auch auf jede Kleinigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Ja, aber einen Film wie "Tricks" sehen doch einige Zuschauer mit der Haltung: Mal sehen, wer cleverer ist - der Film oder ich.

Scott: Ich weiß, was Sie meinen. Deswegen muss man ja bei der Arbeit am Drehbuch genau darauf achten, dass es für jedes kleine Detail einen Grund gibt, dass alles organisch wirkt. Die heutigen Zuschauer sind mit allen Wassern gewaschen. Wer versucht, ihnen mit simplen Tricks das Geld aus der Tasche zu ziehen, kriegt was auf die Finger.

SPIEGEL ONLINE: Der von Nicolas Cage gespielte Held in "Tricks" ist höchst penibel und leidet an Sauberkeitswahn, sein Partner, der von Sam Rockwell verkörpert wird, fühlt sich offenbar nur im Dreck und Durcheinander wohl. Was stimuliert Ihre Kreativität mehr: Ordnung oder Chaos?

Scott: Ordnung. Und weil ich gut organisiert bin, habe ich keine Angst vor dem Chaos. Das ist der Job des Regisseurs: das Chaos in geordnete Bahnen zu lenken.

SPIEGEL ONLINE: Bei den Dreharbeiten kann Chaos in eine Katastrophe münden. Aber bei der Entwicklung eines Projektes - lassen Sie Ihrer Phantasie da nicht auch mal völlig freien Lauf, statt strikt systematisch vorzugehen?

Scott: Ich gehe immer systematisch vor. Sehen Sie: Ich bekomme pro Woche etwa fünfzig Drehbücher zugeschickt. Deshalb muss ich ein System finden, die wirklich lohnenswerten Bücher herauszufiltern. Ich brauche einen Stab von Mitarbeitern, die ich ganz genau einschätzen kann. Und die müssen dann in der Lage sein, das Wesentliche eines Buches zu erfassen und auf zwei Seiten niederzuschreiben. Wie wollen Sie die guten Stoffe finden, wenn Sie nicht systematisch suchen?

SPIEGEL ONLINE: Geben Sie dem Zufall nie eine Chance?

Scott: Das Drehbuch zu "Thelma & Louise" stammt von Callie Khouri, die damals als Empfangsdame bei einer Produktionsfirma arbeitete. Deswegen schenkte niemand ihrem Buch Beachtung. Nachdem sie es ein Jahr lang herumgeschickt hatte, landete es auf meinem Schreibtisch. Ich las es und war völlig aus dem Häuschen. Wir drehten den Film, und Callie gewann den Oscar. Das klingt nach Zufall, ist es aber nicht: Die anderen, die das Buch vor mir in den Händen hatten, waren nachlässig, sonst hätten sie seine Qualitäten erkannt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Nicolas Cage in "Tricks" einen Fleck auf seinem Teppich sieht, flippt er aus. Geht es Ihnen ähnlich, wenn Sie in einer Einstellung etwas entdecken, was dort nicht hingehört?

Scott: Oh ja, die Figur, die Cage spielt, ist wie ich. Nein, genauer: Das bin ich. Ich habe den furchtbaren Fehler gemacht, mein Haus in Los Angeles mit weißen Böden auszulegen. Das sah großartig aus, und ich war schwer begeistert. Doch dann kamen die ersten Gäste - und ich bin fast verzweifelt. Ich habe festgestellt, dass die Hauptfigur jedes meiner Filme schon im Laufe der Arbeit am Drehbuch Charakterzüge von mir annimmt. Das ist wichtig, um sich einen Stoff wirklich zu eigen zu machen: Er muss einem in Fleisch und Blut übergehen.

SPIEGEL ONLINE: Früher hat man Ihren Filmen gelegentlich "geleckte Bilder" vorgeworfen und das Etikett "Werbe-Ästhetik" angeheftet. Hatten Sie selbst schon mal den Eindruck, ein Bild etwas zu sehr poliert zu haben?

Scott: Wo denn?

SPIEGEL ONLINE: "Thelma & Louise" spielt überwiegend im Südwesten der USA, wo es extrem selten regnet, aber die nächtlichen Straßen im Film sind fast immer nass - so sieht es einfach schöner aus. Passt der Stil da wirklich zum Schauplatz?

Scott: Wir arbeiten ja in der Unterhaltungsbranche. Ich bin kein Dokumentarist. Obwohl ich zugeben muss, dass ich mich stärker in diese Richtung entwickle und der Wirklichkeit visuell näher kommen will als früher. Eine Schlüsselerfahrung war da die Arbeit an "Black Hawk Down". Natürlich klingt das sehr naiv und blöd, wenn sich jemand wie ich jetzt nach einem Vierteljahrhundert im Filmgeschäft hinstellt und sagt: Jetzt beschäftigen wir uns mal mit der allgemeinen Weltlage oder machen uns Gedanken um den Regenwald. Wie ernst kann man das nehmen? Und kann man überhaupt etwas bewirken? Doch meine Erfahrung ist: Man hat recht großen Einfluss. Und sei es nur dadurch, dass die Zuschauer etwas lernen, was sie vorher nicht wussten. Es gibt Filmprojekte, da gleicht die Arbeit eines Regisseurs der eines Journalisten: Man zeigt den Leuten so präzise wie möglich, was passiert ist, und erweitert auf diese Weise ihren Horizont.

SPIEGEL ONLINE: Bei "Black Hawk Down" verschaffen Sie dem Zuschauer eine im Kino vielleicht einzigartige, aber zugleich sehr unangenehme Erfahrung: Er fühlt sich wie die Soldaten im Film - als wäre er in ein Labyrinth des Todes geraten, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint.

Scott: Ja, es gibt nur Verluste. An einen Sieg ist nicht zu denken. Wer das Glück hat, seine Haut zu retten, hat alles gewonnen. Ich bedauere aber bis heute, dass ich am Ende des Films nicht - wie ursprünglich geplant - einen völlig desorientierten General Garrison, gespielt von Sam Shepard, gezeigt habe, der die ganze Aktion leitete und nun weder ein noch aus weiß.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie Angst vor der eigenen Courage? Schließlich waren Sie dabei, 100 Millionen Dollar in einen der düstersten Kriegsfilme aller Zeiten zu stecken.

Scott: Ja, aber am Schluss sollte klar werden, dass sich hier jemand fragt: Was machen wir überhaupt hier? Was haben wir eigentlich hier verloren? Andererseits wäre die Alternative, die Hände in den Schoß zu legen und nichts zu tun. Sehen Sie einfach zu, wenn ein verletztes Kind auf dem Boden liegt und die Geier neben ihm landen? Oder greifen Sie ein? Natürlich greifen Sie ein. Sie verscheuchen die Geier und und helfen dem Kind. Sie wissen aber nie, was am Ende dabei herauskommt. Hätte George W. Bush im Irak Massenvernichtungswaffen gefunden, wäre er ein Held. Nun steht er als Idiot da.

Das Interview führte Lars-Olav Beier

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