Interview mit Spike Lee "Ein Klischee ist ein Klischee"

Spike Lee, 43, liefert mit seinem Berlinale-Beitrag "Bamboozled" erneut Stoff für erregte Diskussionen. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über die Gründe, warum dem gesellschaftlichen Einfluss schwarzer Filmemacher noch immer zu enge Grenzen gesetzt sind.


Regisseur Lee: "Was ist schwarz, wer definiert das?"
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Regisseur Lee: "Was ist schwarz, wer definiert das?"

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Lee, Ihr neuer Film ist eine bitterböse Satire über Schwarze im US-Fernsehen. Wie viele 'farbige' TV-Shows gibt es derzeit, die Sie für akzeptabel halten?

Spike Lee: Einige, wobei der Punkt ist, dass bis heute die meisten Rollen für Farbige im Fernsehen Sitcom-Figuren sind. Wir machen keine ernsthaften TV-Filme, sondern Comedy-Shows, in denen die Darsteller den Clown spielen.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben gerade einen Vertrag mit einem Fernsehsender abgeschlossen. Werden Sie etwas am TV-Erscheinungsbild der Afroamerikaner ändern können?

Lee: Die einzige Hoffnung auf Änderung liegt in der Besetzung der Schlüsselpositionen in der Unterhaltungsindustrie. Jene Positionen, in denen entschieden wird, welche Filme gedreht werden und welche nicht, welche Fernsehprogramme gesendet werden und welche nicht. In denen entschieden wird, was auf dem Titel der Tageszeitungen erscheint, was auf Seite acht vergraben wird und was überhaupt nicht erscheint. Die Besetzung dieser Positionen ist viel wichtiger, als farbige Stars vor der Kamera zu haben. Denn die Filmstars entscheiden nicht, was gemacht wird.

SPIEGEL ONLINE: Spike Lee dürfte inzwischen ein Name sein, der einige Durchsetzungskraft hat. Sind Sie nicht längst in einer Schlüsselposition?

Lee: Ich werde nicht behaupten, dass mein Name nichts zählt. Aber wenn ich wirklich so viel Macht hätte, hätte ich längst den Film über Jackie Robinson gedreht, der 1947 als erster schwarze US-Bürger in der Baseball Major League spielte, für den ich seit Jahren Geld zusammentrommle. Solange wir nicht entscheiden können, welche Show oder welcher Film realisiert wird, wie viel Macht haben wir da? Solange wir nicht die Bilder bestimmen können, die um die Welt gehen, wie viel Macht haben wir da? Nennen Sie mir einen schwarzen Menschen, der in der Position ist, das zu bestimmen. Es gibt keinen.

SPIEGEL ONLINE: Anders als im Filmgeschäft haben Schwarze in der Musikbranche sehr wohl etwas zu sagen. Wie finden Sie es, dass weiße Stars wie Eminem mit "schwarzer" Musik Millionen verdienen?

Lee-Film "Bamboozled": "zum Nachdenken angeregt"
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Lee-Film "Bamboozled": "zum Nachdenken angeregt"

Lee: Da ist er nicht der Erste. Das ist genau die Crux, um die es in 'Bamboozled' geht: Wer ist schwarz, was ist schwarz, wer definiert das? Aber gleichzeitig ist Kultur für alle da. Man kann doch nicht behaupten, Louis Armstrong oder Miles Davis und die Art, wie sie Musik machten, sei nur für Schwarze. Trotzdem gibt es einen Unterschied zwischen der Würdigung und der Vereinnahmung schwarzer Kultur.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen Unterschied zwischen schwarzen und weißen Klischees?

Lee: Nein, ein Klischee ist ein Klischee. Wir hätten genau denselben Film über die verzerrte Darstellung von Frauen machen können, oder von Homosexuellen oder der amerikanischen Ureinwohner.

SPIEGEL ONLINE: In Berlin wird ein fast ausschließlich weißes Publikum Ihren Film sehen. Was sollen die Leute aus dem Kino mit nach Hause nehmen?

Lee: Ich möchte, dass sie sich zum Nachdenken angeregt fühlen. Ich möchte, dass 'Bamboozled' ein paar Diskussionen auslöst.



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