Interview mit Wim Wenders "Das Kino steht vor seinem größten Umbruch"

Zum achten Mal ist Wim Wenders im Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes vertreten. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der deutsche Regisseur über seinen neuen Film "Don't Come Knocking", amerikanische Mythen und die bevorstehende Revolution der Kino-Industrie.


Regisseur Wenders: "Wir wollten die Sache gehörig auskosten"
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Regisseur Wenders: "Wir wollten die Sache gehörig auskosten"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Wenders, Ihr neuer Film "Don't Come Knocking" wurde wie selbstverständlich nach Cannes eingeladen. Was ist der Grund für die nun schon mehrere Jahrzehnte dauernde, aber offenbar immer noch unvermindert leidenschaftliche Liaison zwischen Ihnen und dem Festival an der Croisette?

Wenders: Das muss auf Gegenseitigkeit beruhen. Ich bin ja nun tatsächlich zu einem rekordverdächtigen achten Mal im Wettbewerb und insgesamt über ein Dutzend Mal insgesamt im offiziellen Programm vertreten gewesen. Cannes hat meine Karriere deutlich mehr geprägt als jedes andere Festival. Aber ich denke, ich habe umgekehrt dem Festival auch viel gegeben. Sie haben also hier den seltenen Fall vor sich, dass Leidenschaft auch mit Treue einhergehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Nach einem - weltweit - kommerziell schlechten Kino-Frühling hofft die Branche nun auf die Blockbuster des Sommers - und setzt damit einen Trend der letzten Jahre fort. Droht dem Kino nicht eine "Eventisierung", bei der einige wenige Filme das Gros des Jahreseinspiels verbuchen, aber zahllose kleine Filme in den Bugwellen dieser riesigen Tanker untergehen?

Wenders: Das war ja in der Filmgeschichte eigentlich nie anders. Im Gegenteil: Die kleineren oder unabhängigen Film sind heute mehr denn je die Speerspitze der Innovation. Die Blockbuster allein würden sich bald an ihren eigenen Rezepten totlaufen. Das Kino steht gerade vor seinem größten Umbruch. Der Einzug der digitalen Projektoren in die Kinosäle wird eine ganz andere Landschaft erzeugen. Das hat schon angefangen. Schauen Sie sich doch bloß die Tatsache an, dass Dokumentarfilme nun überhaupt wieder im Kino laufen, was vor ein paar Jahren, in den Neunzigern, noch undenkbar war.

SPIEGEL ONLINE: Tut sich Cannes einen Gefallen, wenn es sich als Startrampe für Filme wie die letzte "Krieg der Sterne"-Episode zur Verfügung zu stellt?

Wenders: Auch das hat in Cannes längst Tradition. Das sieht alle Welt ziemlich gelassen als eine Art Nebenschauplatz des Festivals. Berlin und Venedig machen das auch schon lange so. In den Wettbewerb würden sich solche Filme eh nicht trauen, für die stünde da zu viel auf dem Spiel. Aber die Festivals brauchen deren Glamour auf dem Roten Teppich.

Szene aus "Don't Come Knocking" (mit Jessica Lange und Sam Shephard): "Tragikomische Familien- und Liebesgeschichte"
Reverse Angle Pictures

Szene aus "Don't Come Knocking" (mit Jessica Lange und Sam Shephard): "Tragikomische Familien- und Liebesgeschichte"

SPIEGEL ONLINE: Das Drehbuch zu "Don't Come Knocking" haben Sie gemeinsam mit dem amerikanischen Schauspieler Sam Shephard geschrieben, der auch die Hauptrolle spielt - alles wie einst bei Ihrem Film "Paris, Texas". Wie kam es zu Ihrer erneuten Zusammenarbeit?

Wenders: Wir haben beide lange darauf gewartet. Nicht dass wir irgendeinen Pakt geschlossen hätten, aber nach "Paris, Texas" hatten wir eine Art wortloser Absprache, dass wir das erst mal nicht wiederholen wollten. Dafür war unsere Zusammenarbeit einfach zu perfekt gelaufen, im Grunde "zu schön, um wahr zu sein". Das konnte man mit einer hastigen Neuauflage nur aufs Spiel setzen.

SPIEGEL ONLINE: Von Hast kann wahrlich keine Rede sein. Seit "Paris, Texas" sind 20 Jahre vergangen.

Wenders: 20 Jahre waren genug der freiwilligen Selbstkontrolle. Ich habe eine Idee aufgeschrieben, die ich Sam geschickt habe. Der hat zurückgeschrieben: "Komm' mich mal besuchen." Also bin ich bald darauf nach Minnesota geflogen. Wir haben ein bisschen über mein Treatment geredet, aber dann war bald klar, dass da höchstens ein Ansatz von einer Figur drin war, die Sam interessierte. Also haben wir weiter fabuliert, und nach ein paar Tagen hatten wir Howard vor Augen. Keinen Geschäftmann aus New York mehr, wie von mir vorgeschlagen, sondern einen abgehalfterten Westerndarsteller, der seine besten Tage hinter sich hatte und der nun auf einmal merkt, dass ihm niemand eine Träne nachweinen würde, wenn er morgen sterben würde. Ab dem Punkt, da Howard geboren war, haben wir dann langsam, Szene für Szene und in völlig chronologischer Reihenfolge, ein Drehbuch daraus gemacht. Und uns viel Zeit dafür gelassen, praktisch drei Jahre lang, und an allen möglichen Orten in den USA geschrieben - mal hier eine Woche, mal da. Wenn schon, dann wollten wir die Sache auch gehörig auskosten.

SPIEGEL ONLINE: Was für Verbindungslinien gibt es zwischen "Paris, Texas" und "Don't Come Knocking"?

Wenders: Die zweite ungeschriebene Regel zwischen Sam und mir war: Wir wollen uns bloß nicht wiederholen! Der amerikanische Westen ist zu weit, als dass man Travis noch einmal hätte bemühen müssen. Da gibt es zu viele verlorene Seelen, zu viele familienlose Einzelgänger und Herumtreiber, zu viele allein erziehende Mütter und zu viele vaterlose Söhne und Töchter. Natürlich ist "die amerikanische Familie" Sams großes Thema, und der Westen unser beider Lieblingslandschaft. Aber das ist dann auch schon das Einzige, was die beiden Filme gemein haben. Eine ganze Menge Wasser war den Rhein und den Mississippi heruntergelaufen, wir waren ein bisschen älter, ein bisschen weiser und nahmen uns auch beide ein bisschen weniger ernst. Keine schlechte Grundlage für eine tragikomische Familien- und Liebesgeschichte.

SPIEGEL ONLINE: In beiden Filmen machen sich aber nun Männer auf den Weg durch den Westen der USA. Haben dessen Landschaften und Mythen für Sie noch den gleichen Stellenwert wie vor 20 Jahren?

Wenders-Film "Land of Plenty": "Politisches Bild nicht widerrufen"

Wenders-Film "Land of Plenty": "Politisches Bild nicht widerrufen"

Wenders: Einerseits ja, andererseits nein. "Don't Come Knocking" ist kein "Männerfilm" mehr. Im Grunde wird Howard im Lauf dieser Geschichte zu seiner eigenen Nebenfigur. Die Frauen in seinem Leben, aber dann auch seine beiden Kinder, übernehmen die Handlung und erzählen sie weiter. Howard ist nicht mehr der Herr der Lage und er muss einsehen, dass er es eigentlich nie war, weil er immer nur vor allem davongelaufen ist. Das ist eine ernüchternde, aber auch höchst befreiende Einsicht. Und was die amerikanische Landschaft betrifft, kann man feststellen, dass der "Westen" zwar in vieler Hinsicht ausgebeutet worden ist und hie und da zu einer Art Marlboro-Country oder Abenteuer-Themen-Park verkommen ist. Aber wenn man sucht, findet man noch große und beeindruckende Bilder, in denen der Mythos Amerika noch kraftvoll am Wirken ist. Dass der "Amerikanische Traum" politisch und sozial längst am Ende ist, das steht auf einem ganz anderen Blatt.

SPIEGEL ONLINE: Und funktionieren die mythenschweren Bilder auch als Gegenbild zum urbanen Amerika, das Sie in Ihrem letzten Film "Land of Plenty" porträtiert haben?

Wenders: Wir haben in der Tat nur in Kleinstädten gedreht, in einem verlassenen Minenort in den Rocky Mountains von Montana, einer heruntergekommenen Spielerstadt in Nevada und in einsamen, monumentalen Landschaften in Utah. Das politische Bild von Amerika, das "Land of Plenty" entworfen hat, ist damit aber nicht widerrufen worden, im Gegenteil. Ein Film wie "Don't Come Knocking" erzählt das weiter, auf einer viel persönlicheren und emotionaleren Ebene - als Drama oder Farce eben, wie Sam und ich zwischendurch unser Genre definiert haben.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Held, ein alternder Western-Darsteller, schert mitten während der Dreharbeiten aus seiner neuesten Produktion aus, um sich selbst zu finden. Ist "Don't Come Knocking" auch ein Film über Hollywood und seine Mythen?

Wenders: Wenn überhaupt, dann hat uns am Mythos des Western jene Suche nach dem Zuhause interessiert, die diese herumziehenden Helden treibt. Wo ist diese Heimat, wo gehört man hin, was ist diese große anonyme Freiheit gegen wirkliche Beziehungen zu wirklichen Menschen? Hollywood spielt in unserem Film keine Rolle.

Das Interview führte Lars-Olav Beier



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