Interview mit Woody Allen "Das ist Wahnsinn"

Nachdenklich und schwer betroffen hat sich der Regisseur und Schauspieler Woody Allen, 65, über die Terrorangriffe in den USA geäußert. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sagte er, er hoffe, dass der Vergeltungsschlag der USA nur in minimalem Umfang stattfinde.


Woody Allen
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Woody Allen

SPIEGEL ONLINE

: Mr. Allen, Sie waren vergangene Woche selbst in New York, als die beiden gekaperten Flugzeuge das World Trade Center attackierten. Wie haben Sie die Ereignisse wahrgenommen?

Woody Allen: Es war ein Alptraum. Es war eine furchtbare und völlig sinnlose Tat. Die Täter haben 5000 Menschen, Amerikaner, Engländer, Chinesen, Mexikaner, Christen, Juden, Moslems umgebracht - ohne Unterscheidung auf grausamste Weise umgebracht, und mit welchem Nutzen? Ich möchte wirklich wissen, welches Ziel die Menschen, die dies geplant und ausgeführt haben, verfolgten. Niemand hat etwas dabei gewonnen - kein unterdrücktes Volk hat Befreiung erlangt, keine Religion ist hierbei zu Ehren gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Aber der internationale Terrorismus hat ein erschreckendes Gesicht gezeigt.

Allen: Warum... was hat diese Leute so stumpf, so gefühllos gemacht? Was ist passiert, dass sie das Leben so wahrnehmen, dass sie zu solch furchtbaren, extremen Maßnahmen bereit sind? Wenn es ihnen nur um unbändigen Hass geht, würde ich sie als albernes Volk bezeichnen - dann lassen sie einem keine Wahl, als zu sagen: Töte, oder werde selbst getötet. Wenn es ihnen um nichts geht, als andere umzubringen, dann steht man dem Ganzen einfach hilflos gegenüber. Aber ich glaube nicht, dass das alles ist. Ich vermute, es ist weitaus komplizierter, und entsprechend muss man auch damit umgehen. Amerika und die ganze Welt muss sich bereithalten, mit allem Nachdruck zu reagieren. Aber wir müssen auch wirklich verstehen, was da passiert ist - und in der Lage bleiben, dies mit aller Gründlichkeit zu untersuchen. Wir müssen uns einem hochkomplexen Problem stellen, und dürfen nicht als verletzte, wütende Vereinigte Staaten auftreten.

SPIEGEL ONLINE: Die intellektuelle Debatte steht momentan hinter den überschwänglichen Patriotismus-Demonstrationen und Kraftbeteuerungen hintan. Halten Sie das für gefährlich?

Allen: Ja, sehr sogar. Ich halte es für notwendig, dass Amerika auf diese Anschläge reagiert, denn diese Taten fordern ohne Frage eine Reaktion heraus. Aber diese Reaktion muss sehr, sehr genau überlegt sein. Es wäre ein Fehler, sich auf eine emotionale, von Rachegelüsten geleitete Antwort zu verlegen. Es ist sehr wichtig, dass wir alles daran setzen, die Verantwortlichen zu finden, weil dies ein so furchtbares Verbrechen ist. Aber ich glaube keineswegs, dass das Problem des Terrorismus ein einfaches ist. Hier geht es um internationale Kooperationen, den Schutz der Zivilrechte, aber auch militärische Belange - wobei ich zutiefst hoffe, dass das Militär in minimalem Umfang und nur, wenn es definitiv keine anderen Möglichkeiten gibt, zum Einsatz kommt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Konsequenzen werden sich aus diesen Ereignissen für Hollywood und auch für Sie als Filmemacher ergeben?

Allen: Ich sehe da überhaupt keine Konsequenzen. Auch wenn es ein horrendes Ereignis ist und 5000 Menschen ihr Leben ließen, aus der großen Perspektive gesehen ist dies ein Nadelstich. Amerika ist ein gigantisches Land mit Hunderten Millionen von Einwohnern, eine Supermacht, doch wie furchtbar auch immer dies sein mag - es wird die Flughafensicherheit betreffen, aber die Art, wie wir Musik, Theaterstücke oder Filme schreiben, wird es nicht verändern können. Wir sind ein viel zu großes und mächtiges Land, und die Welt fasst dies nicht nur als Bedrohung für New York oder die Vereinigten Staaten auf, sondern für menschliche Werte allgemein. Niemand will den sinnlosen Tod tausender Menschen ohne jedwedes Ziel. Das ist Wahnsinn.

SPIEGEL ONLINE: Macht Ihnen die Figur des amerikanischen Präsidenten Bush zu schaffen, wenn Sie sich die Konsequenzen ausmalen?

Allen: Die amerikanische Regierung besteht aus sehr viel mehr Leuten als nur aus Bush. Ich glaube nicht, dass eine Einzelperson das Schicksal dieser Sache entscheiden kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie vertrauen Ihrem Präsidenten also?

Allen: Ich bin zumindest hoffnungsvoll gestimmt.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Stimmung jetzt in der Stadt?

Allen: Ich bin bis Montagabend in New York gewesen, und inzwischen versucht man allenthalben, die Dinge wieder ins Rollen zu bringen und nach vorn zu gucken.

SPIEGEL ONLINE: Wird also New York in absehbarer Zeit wieder New York sein?

Allen: New York ist jetzt schon wieder New York, und sogar als es passierte, war es das: Die Stadt ist großartig, die Leute haben sofort und direkt gehandelt.

Das Gespräch führte Nina Rehfeld



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