Interview mit Woody Allen "Ich erwarte täglich, dass etwas Schlimmes passiert"

Herzlichen Glückwunsch zum 65. Geburtstag: SPIEGEL ONLINE sprach mit Woody Allen über Altersweisheiten, kriminelle Leitbilder und New Yorker Denkmalschutz.

Von Elmar Biebl


Jubilar Allen: "...immer Angst, sie würden eines Tages Masken vom Gesicht reißen"
AP

Jubilar Allen: "...immer Angst, sie würden eines Tages Masken vom Gesicht reißen"

Woody Allen, Filmgenie, Musiker, weltbekannter Neurotiker, wurde am 1. Dezember 1935 als Allen Koenigsberg in Brooklyn geboren. Mit seinem jüngsten Film "Schmalspurganoven" knüpft Allen bewusst an die Slapstick-Filme seiner jungen Jahre an.

SPIEGEL ONLINE: 65, die offizielle Altersgrenze für den Ruhestand, ist ein guter Zeitpunkt für einen Rückblick. Wie beurteilen Sie Ihr bisheriges Leben?

Woody Allen: Ich kann mich nicht beklagen. Ich habe Glück gehabt. Großes Glück. Ich hatte bisher ein sehr gutes, ein sehr erfülltes Leben.

SPIEGEL ONLINE: Woody, der Stadtneurotiker, ein zufriedener Mensch? Wo bleiben Ihre berühmten Ängste und Depressionsschübe?

Allen: Oh, die sind nach wie vor virulent. Ich erwarte täglich, dass etwas Schlimmes passiert. Und ich fühle mich immer schuldig, wenn es mir sehr gut geht.

SPIEGEL ONLINE: Ihr jüngster Film "Small Time Crooks" warnt vor allzu großen Erwartungen. Denn Wünsche können zu einer höchst unwillkommenen Realität werden.

Allen-Film "Sweet And Lowdown" (1999): "...immer inspiriert von klassischen Filmen aus Europa"
ARTHAUS

Allen-Film "Sweet And Lowdown" (1999): "...immer inspiriert von klassischen Filmen aus Europa"

Allen: Das ist eine der schmerzlichsten Erfahrungen im Leben. Festzustellen, dass sich Dinge, die man sich am meisten ersehnt, als nicht wünschenswert herausstellen, sobald man sie hat.

SPIEGEL ONLINE: Was sind Ihre größten Enttäuschungen?

Allen: Nichts Fundamentales. Wenn ich zurückblicke, kann ich nur feststellen, dass alles, was ich mir vom Leben erhoffte, Wirklichkeit geworden ist. Ich wollte Komiker werden. Ich wollte Filme machen. Ich wollte Jazzmusiker sein. All das hat sich erfüllt.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie Ihren Erfolg?

Allen: Ich wurde zufällig mit Talent geboren. Viele Kinder meiner Nachbarschaft hatten limitierte Lebensaussichten. Sie wollten nicht mehr als in die Fußstapfen ihrer Eltern treten. Mit Talent kommt wohl auch das Bedürfnis, es zu entwickeln. Und auch da hatte ich wieder Glück.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Ihre Eltern dabei geholfen?

Allen: Sie haben mich nicht behindert. Sie haben meine Fantasie angeregt. Ich hatte nämlich immer Angst, sie würden eines Tages Masken vom Gesicht reißen und dahinter würden schreckliche Alien-Monster zum Vorschein kommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in einer jüdischen Familie aufgewachsen. Wie hat Sie das beeinflusst?

Allen: Ich war in einer hebräischen Schule und habe Hebräisch lesen und schreiben gelernt. Jüdisch zu sein war für mich weder eine Ehre noch eine Schande. In eine Religion geboren zu werden, ist kein Verdienst. Es ist wie die Mitgliedschaft in einem Verein, dem man nicht beigetreten ist.

Allen in "Schmalspurganoven": "...nicht für einen geregelten Bürojob geboren"
Concorde Filmverleih

Allen in "Schmalspurganoven": "...nicht für einen geregelten Bürojob geboren"

SPIEGEL ONLINE: Sie sind also nicht religiös?

Allen: Was bewirken Religionen? Sie liefern einen Vorwand, andere als Außenseiter zu verteufeln und - wenn möglich - zu unterdrücken. Damit will ich nichts zu tun haben.

SPIEGEL ONLINE: Welche Leitbilder hatten Sie als Jugendlicher?

Allen: Berühmte Kriminelle. Ich weiß, das mag seltsam klingen, aber es stimmt. Schon ganz früh wusste ich, dass ich nicht für einen geregelten Bürojob geboren wurde. Da erschien mir eine kriminelle Karriere viel verlockender. Vergessen Sie nicht, berühmte Outlaws wie Jesse James oder Bonnie und Clyde sind Teil der amerikanischen Mythologie.

SPIEGEL ONLINE: Spielten Sie deshalb in Ihrer ersten Filmrolle einen Bankräuber?

Allen: ...und jetzt wieder in meinem letzten Film.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Filme scheinen aber weniger von amerikanischen Mythen beeinflusst zu sein als von europäischen Filmemachern.

Allen: Das ist richtig. Ich wurde immer inspiriert von klassischen Filmen aus Europa. Fellini und De Sica, Bergmann und Truffaut, das sind meine Haupteinflüsse.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist Ihrer Meinung nach der größte Komödienregisseur der Filmgeschichte?

Allen: Der Deutsche Ernst Lubitsch.

SPIEGEL ONLINE: Nahezu jeder Ihrer Filme ist eine Liebeserklärung an New York.

Allen: Warum auch nicht. New York ist eine wunderbare Stadt. Voller Energie und Poesie. Die Stadt bietet nicht nur alles, was ich im Leben brauche. Ich kann auch alles zu Fuß erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind jetzt sogar aktiv im New Yorker Denkmalschutz, richtig?

Allen: Denkmalschutz ist zu viel gesagt. Ich komme immer wieder in Stadteile, in denen alte Gebäude durch gesichtslose Betonklötze ersetzt werden. In einem besonderen Fall versuche ich, dies zu verhindern. Das ist alles.

SPIEGEL ONLINE: Aber trotzdem ein ganz neuer Aspekt von Ihnen. Wie haben Sie sich sonst im Laufe Ihres Lebens verändert?

Allen: Nicht sehr, glaube ich. Ich bin immer noch der Gleiche. Ein paar Dinge lernt man durch Erfahrung. Aber im Grunde bin ich noch der Mensch, der ich immer war: hart arbeitend, pessimistisch, gemäßigt depressiv. Und immer noch imstande, darüber zu lachen.

Allen-Film "Celebrity" (1998): "Wer hat schon das Glück, mit Diane Keaton, Anjelica Houston und Julia Roberts in den Clinch zu gehen"
AP

Allen-Film "Celebrity" (1998): "Wer hat schon das Glück, mit Diane Keaton, Anjelica Houston und Julia Roberts in den Clinch zu gehen"

SPIEGEL ONLINE: Ihre Filme haben sich auch nicht sonderlich verändert über die Jahre.

Allen: Nein, immer noch die gleiche Art von Humor.

SPIEGEL ONLINE: Aber mit mehr und mehr Superstars. Und die machen mit, ohne Supergagen und meist, ohne das Script zu kennen. Wie schaffen Sie das?

Allen: Ich bin selbst immer wieder erstaunt darüber. Aber ich verpflichte Schauspieler, weil sie gut sind. Damit meine ich: Ich gebe beim Drehen keinen Schauspielunterricht. Ich lasse sie so spielen, wie sie das für richtig halten. Natürlich sprechen sie meinen Text und folgen meiner Inszenierung. Aber gleichzeitig vertraue ich ihnen, ihr Handwerk bestmöglich einzusetzen. Das ist es wohl, was meine Art der Regie für Schauspieler attraktiv macht.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie sich selbst als Schauspieler?

Allen: Ich bin da sehr limitiert. Bestimmte Rollen kann ich überzeugend darstellen. Intellektuelle zum Beispiel. Weil ich Flanelljacken und Cordhosen trage. Aber einen brutalen Machotypen würde mir niemand abnehmen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihren Filmen geht es immer auch um Beziehungen zu Frauen.

Allen: Das ist einer der Hauptgründe, warum ich Filme mache. Wer hat sonst schon das Glück, mit Diane Keaton, Anjelica Huston und Julia Roberts in den Clinch zu gehen?

SPIEGEL ONLINE: Als Außenseiter lässt sich schwer feststellen, wo das Autobiographische aufhört und das Fiktive in Ihren Filmen anfängt.

Allen: Beides mischt sich. Ich weiß, das ist riskant. Viele Leute glauben, ich sei privat identisch mit meinen Rollen. Ganz sicherlich nicht. Aber ich schreibe natürlich aus meiner Erfahrungswelt.

SPIEGEL ONLINE: Dazu gehört auch die Kontroverse über Ihr Verhältnis zu Ihrer Adoptivtochter.

Allen: Wir sind glücklich verheiratet und haben ein gemeinsames Kind. Das ist für uns das Entscheidende.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind jetzt 65, haben ein kleines Kind und eine junge Frau und kürzlich einen Drei-Filme-Deal mit Dreamworks abgeschlossen. Halten Sie sich für unsterblich?

Allen: Nein, das nicht gerade. Aber ich sehe mir meine Eltern an. Die sind beide fast hundert Jahre alt. Ich scheine die besten Gene fürs Altwerden zu haben. Wenn alles gut geht, habe ich noch mindestens zwanzig produktive Jahre vor mir.

SPIEGEL ONLINE: Wird Woody Allen auf seine alten Tage doch noch ein Optimist?

Allen: Ich habe jeden Grund dazu.



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