Interview "Tolkien ist trivial"

Der britische Bestsellerautor Philip Pullman, 61, über den Reiz von Parallelwelten, kluge Fantasy-Romane und die Verfilmung seiner Trilogie "His Dark Materials"

KulturSPIEGEL: Mr Pullman, Sie als ehemaliger Oxford-Dozent sind ein kluger Mann. Glauben Sie an Parallelwelten?

Pullman: Warum nicht? Ganz Oxford ist voll von sehr viel schlaueren Menschen, und viele davon haben mir ernst und ausführlich versichert, dass Parallelwelten wahrscheinlich sind. Ich muss gestehen, dass ich ihren Ausführungen nicht ganz folgen konnte, meine Kenntnisse der Physik sind begrenzt, aber warum sollten diese Wissenschaftler Märchen erzählen? Außerdem sind Parallelwelten, zumindest in der Literatur, doch sehr attraktiv. Was wäre Alice ohne ihr Wunderland?

KulturSPIEGEL: Ihre gefeierte Fantasy-Trilogie "His Dark Materials", in der es nur so wimmelt von Parallelwelten mit sprechenden Tieren, Hexen und Dämonen, galt lange als unverfilmbar. Nun hat man sich mit großem Aufwand doch noch an den ersten Band "Der Goldene Kompass" gewagt. Ist man Ihrem Buch gerecht geworden?

Pullman: Der große Schriftsteller James M. Cain hat mal gesagt: Meine Bücher stehen hier im Regal, was andere daraus machen, ist ihr Problem. Das unterschreibe ich. Was ich vom Film gesehen habe, war toll, aber er ist eben ein eigenständiges Werk, in dem ich nicht Regie führe. Es gab ja auch bereits diverse andere Umsetzungen der Geschichte: Hörbücher, Hörspiele und Theater-Adaptionen. Da wurde viel gekürzt oder umgebaut, aber wenn ich mich da überall einmischen würde, käme ich nicht mehr zum Arbeiten.

KulturSPIEGEL: In Großbritannien gilt Ihre multi-millionenfach verkaufte Trilogie bereits als Klassiker. Auch Sie geraten zunehmend ins Rampenlicht. Stört das?

Pullman: Das ist seit einiger Zeit durchaus ein Problem. Ich gebe nur sehr selten Interviews und sah mich auch gezwungen, aus dem Zentrum von Oxford in einen abgelegenen Vorort zu ziehen. Fast täglich klingelten Fans und baten um ein Autogramm - das war okay. Aber zunehmend waren manche empört, wenn ich sie nicht ins Haus bat, um mit ihnen ausgiebig meine Bücher zu analysieren. Ich musste da weg.

KulturSPIEGEL: Zu Ihren Verehrern gehört auch die "Harry Potter"-Autorin Joanne K. Rowling. Profitieren Sie von deren Erfolg?

Pullman: Rowlings Erfolg ist einzigartig, mit nichts zu vergleichen und sehr wahrscheinlich nicht wiederholbar. Es war ein glücklicher Zufall, dass "Der Goldene Kompass" 1995 erschien und der erste "Harry Potter"-Band 1997. Das hat meiner Auflage sicher nicht geschadet. Überhaupt hat Rowling dafür gesorgt, dass Romane wieder populärer geworden sind. Sie hat die Konkurrenzfähigkeit von Büchern im Computer-Zeitalter bewiesen. Ein Geniestreich.

KulturSPIEGEL: In Ihrer spannenden Märchengeschichte ist die Kirche eine verbrecherische Organisation und Gott ein hilfloser alter Mann. Das brachte Ihnen Ärger: Ein britischer Zeitungskolumnist hat Sie, den Atheisten, gar den "gefährlichsten Autor Großbritanniens" genannt. Wird das Thema Religion im Film abgeschwächt?

Pullman: Nichts wird zensiert, aber erst einmal muss ich betonen, dass ich nicht gegen Religion bin. Ich habe nur nichts übrig für Theokratie. Immer wenn in Gottes Namen Politik gemacht wird, geht das schief: Wenn Kirchen Armeen aussenden und den Gläubigen exakte Vorschriften für ihr Leben diktieren, ist das falsch.

KulturSPIEGEL: Trotzdem werden Sie wegen des Films wohl Ärger bekommen.

Pullman: Vermutlich, in Amerika macht bereits eine katholische Liga mobil. In der englischen Zeitung "The Observer" las ich dagegen gerade eine Beschwerde, dass der Film von allen religiösen Belangen befreit worden sei. Beides ist befremdlich, weil ja noch keiner den Film gesehen hat.

KulturSPIEGEL: "Der Goldene Kompass" und die beiden Fortsetzungen "Das magische Messer" und "Das Bernstein-Teleskop" gelten einerseits als Fantasy-Bücher für jüngere Leser und wurden andererseits von Feuilletonisten auch für ihre raffinierte Vielschichtigkeit und Anleihen bei Blake, Milton und Homer beklatscht. Sind Kinder überhaupt clever genug für diese Geschichte?

Pullman: Es geht nicht um Cleverness, sondern um Lebenserfahrung. Kinder und Erwachsene lesen die Bücher unterschiedlich. Diese lange und komplexe Geschichte erleben junge Leser durch die staunenden Augen der kleinen Hauptdarstellerin, des Mädchens Lyra. Die bewegt sich auch durch eine Welt, die sie oft nicht versteht. Erwachsene entdecken dafür andere Themen und Gedanken, die das Leben betreffen. In Amerika und England werden meine Bücher deshalb auch in einer Edition für Erwachsene angeboten.

Ist Oxford ein magischer Ort?

KulturSPIEGEL: Ist es schwierig, einen Text zu schreiben, der Kinder und Erwachsene unterhält?

Pullman: Eine enorme Aufgabe. Als Lehrer in Oxford habe ich früher Theaterstücke für die Schüler geschrieben. Dabei hatte ich immer im Kopf, dass auch deren Eltern sich nicht langweilen sollen, wenn es zur Aufführung kommt. Ich habe also von Anfang an trainiert, für Kinder und Erwachsene zu schreiben. Eines meiner Lieblingsbücher als Kind, das ich bis heute sehr schätze, ist übrigens "Emil und die Detektive" von Erich Kästner, ebenso die mindestens so gelungene Fortsetzung "Emil und die drei Zwillinge". Ein perfektes Beispiel für Bücher, die Kinder und Erwachsene genießen können.

KulturSPIEGEL: Gefällt Ihnen der Begriff Kinderliteratur?

Pullman: Er ist einfach notwendig und sinnvoll. Hier in Oxford kann man Kinderliteratur sogar studieren und seinen Doktor darin machen.

KulturSPIEGEL: In Deutschland werden Fantasy- und Science-Fiction-Werke von Feuilletonisten in der Regel immer noch ignoriert oder mit gepflegter Häme behandelt. Ist das in Großbritannien anders?

Pullman: Ich weiß, wovon Sie sprechen, und in Großbritannien war es lange genauso, aber in den vergangenen zehn Jahren ist das besser geworden. Daran hatte ich wohl auch ein wenig Anteil, weil meine Bücher bei Kritikern von Anfang an sehr gut ankamen und mit einigen seriösen Preisen ausgezeichnet wurden.

KulturSPIEGEL: Im englischen Oxford, wo Sie leben und arbeiten, entstanden viele Klassiker der phantastischen Literatur von Lewis Carrols "Alice im Wunderland" und C. S. Lewis' "Das Wunder von Narnia" über J. R. R. Tolkiens "Der Herr der Ringe" bis zu Ihren Romanen. Ist Oxford ein magischer Ort?

Pullman: Großbritannien hat überhaupt eine reiche Tradition an phantastischen Erzählern, das geht ja zurück bis zu Jonathan Swifts "Gullivers Reisen". Oder auch bis zu William Shakespeare, der ja ein großer Fantasy-Autor war mit seinen Geschichten voller Feen, Hexen und Geistern. Aber es stimmt, Oxford ist ein Ort, der ganz besonders die Phantasie anregt. Wenn hier an der Themse der Nebel hochsteigt und man auf die historischen Gebäude blickt, bringt einen das auf interessante Ideen.

KulturSPIEGEL: Hier steht auch immer noch der Pub "The Eagle and Child", in dem Tolkien und Lewis einst gern beisammensaßen. Es heißt, Sie seien kein Verehrer dieser beiden Fantasy-Helden.

Pullman: Das ist kein Geheimnis. Nehmen Sie Tolkiens "Herrn der Ringe", das scheint so irrwitzig komplex, ist aber bei näherer Betrachtung von erschütternder Trivialität: Sicher, er war ein Meister in der Schilderung großartiger Landschaften und noch viel großartigerer Schlachten. Aber die Geschichte? Da gibt es nur die Guten und die Bösen. Die einen wollen die Welt retten, die anderen die Herrschaft übernehmen. Das ist schon sehr simpel gestrickt, der einzige halbwegs interessante Charakter ist Gollum, sonst herrscht da gähnende Langeweile.

KulturSPIEGEL: Und Ihr Problem mit den "Narnia"-Büchern?

Pullman: Lewis' religiöse Motive, die seine "Narnia"-Bücher bestimmen, sind zumindest interessant. Aber seine Helden überstehen einige Bücher lang aufregende Abenteuer, und am Ende sind sie alle tot. Das ist doch grotesk, für mich zumindest.

KulturSPIEGEL: Sie sind Comic-Fan. Was macht für Sie den Reiz dieses Mediums aus?

Pullman: Comics sind wie Kinderliteratur notorisch unterbewertet. Das Problem ist, dass Literaturkritiker den Texten kaum Beachtung schenken und Kunstkritiker die Illustrationen nicht ausreichend wahrnehmen. Dabei hat man mit dieser einzigartigen Kombination von Bildern und Text erzählerische Möglichkeiten, die Prosa sonst nicht bietet. Wenn die genutzt werden, entstehen Meisterwerke wie Art Spiegelmans "Maus" oder "Watchmen" von Alan Moore und Dave Gibbons. Wenn ich mal auf den richtigen Zeichner treffe, könnte ich mir auch vorstellen, an einem Comic zu arbeiten.

KulturSPIEGEL: Kann man das Erzählen von Geschichten lernen?

Pullman: Man kann es zumindest trainieren. Mein Großvater, ein Priester der Church of England, war ein Meister im Erzählen von Geschichten. Wenn man mit ihm spazieren ging, sah er vielleicht einen großen alten Baum, und er sagte: "Das ist der Robin-Hood-Baum, mein Junge. Da ist er immer raufgeklettert, wenn er sich vor dem Sheriff von Nottingham in Sicherheit bringen musste." Wenn mein Großvater samstags zu seiner Gemeinde sprach, war es in der Kirche rappelvoll, weil er ein Meister im Unterhalten war. Ich habe meinen jüngeren Bruder nachts, nachdem meine Mutter das Licht ausgemacht hatte, immer mit wilden Gespenstergeschichten beeindruckt. Das habe ich dann später als Lehrer und Dozent mit meinen Studenten weitergeführt.

KulturSPIEGEL: Sie haben Ihren Studenten Gruselgeschichten erzählt?

Pullman: Nein, die Mythen der alten Griechen habe ich denen nahegebracht, so wie meinen Kindern. Und die waren alle begeistert. Ich könnte Ihnen jetzt sofort einige Stunden lang die "Ilias" erzählen. Sie würden sich nicht langweilen, versprochen. Ich habe bei meinen Erzähl-Marathons gelernt, was ich gut kann und was nicht. Ich bin gut darin, Spannung zu schaffen, aber unfähig, ein Publikum zum Lachen zu bringen.

KulturSPIEGEL: Haben Sie eigentlich die Bibel gelesen?

Pullman: Ein faszinierendes Buch. Spannend zu studieren, voll von tollen Geschichten und mit diesem spannenden, komplexen und rätselhaften Hauptdarsteller namens Gott, der faszinierendsten Figur, die je erfunden wurde. Aber "Emil und die Detektive" lese ich lieber.

Das Interview führte Christoph Dallach

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