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15. Februar 2001, 11:13 Uhr

"Intimacy"

Sex ohne Weichzeichner

Von Cristina Moles Kaupp

Patrice Chéreaus Film ist zu viel für prüde Amerikaner - trotzdem ist "Intimacy" der bislang traurigste und schönste Wettbewerbsbeitrag.

Viel nackte Haut in Patrice Chéreaus "Intimacy"
Internationale Filmfestspiele Berlin

Viel nackte Haut in Patrice Chéreaus "Intimacy"

Die amerikanischen Kollegen sind nicht amüsiert. Nicht nach diesem Film. Mit roten Köpfen und zynischem Grinsen stolpern sie in die Pressekonferenz, bilden Grüppchen, eine Bonsai-Lobby, die protestieren muss gegen dieses "Piece of Shit". Der Kerl vor mir spuckt diese Silben aus und wedelt dabei mit seinem Laptop. Daneben blecken weitere Geschmacksdiktatoren die Zähne und schon quillt dieses hochnäsig gedehnte Amerikanisch in den Raum. Auf der Stelle könnte man Ekelpickel bekommen davon. "How could you do this!" Wie eine Sirene heult Madame auf, als sei eben die letzte Bastion der Tugend gefallen. Was hat sie nur gesehen?

"Intimacy" zeigt weder geschlachtete Kinder noch Junkies. Es gibt keine Kopfschüsse, die malerisch Hirn an den Wänden verteilen, was Kritiker eventuell mit dem letzten wahren Action Painting verwechseln könnten, noch schmatzen Kannibalen. Zwei Menschen ficken. Ein Mann und eine Frau. So what? Fehlte Madame die Dusche davor und danach? Störten die Haare auf Mark Rylance' Hintern ihr ästhetisches Empfinden, oder war ihr seine auberginerote Eichel zu prall? Tatsächlich, da kommt es schon: "Kerry Fox ist ein internationaler Star. Warum zeigen Sie sie nicht eine bisschen mehr glamourös? Ohne den hässlichen Fleck auf ihrer Brust. Warum sieht sie bloß so schäbig aus?" Herr lass Hirn regnen.

"Intimacy" ist der bislang traurigste und schönste Film im Wettbewerb. Warum? Seiner Realitätsnähe wegen, und weil er nichts beschönigt zwischen den Geschlechtern. Jay ist um die Vierzig und schon ziemlich zerknittert. Ein Barmann, der heruntergekommen haust in verwaschenem Blau. Seine Frau und die beiden Kinder hat er von heute auf morgen verlassen, lang ist das her, zu lang. Dann prallt er auf Claire, oder sie auf ihn? Immer Mittwochs klingelt sie an seiner Tür. Zwei Unglückliche, zwei Fremde stillen ihre Gier. Wortlos, aber voller Leidenschaft. So etwas geht nicht lange gut. Als Jay spürt, dass sie sich in sein Herz geschlichen hat, krümmt er sich vor Schmerzen in seiner stolzen Einsamkeit. Doch das vertraute Ritual geht weiter. Sex im chaotischen Dunkel des Souterrain. Blicke, Gesten, die Kommunikation hungriger Körper. Und kein Wort fällt.

Dieser Sex ist selten im Kino

Chéreau erlaubt den blassen Leibern lange Szenen. Zeigt schonungslos und distanziert zugleich Blöße, Verletzlichkeit und findet Schönheit. Dieser Sex ist selten im Kino, so alltäglich, ohne Weichzeichner und kamasutrareife Verrenkungen.

Bis Jay Claires Geheimnis entdeckt: Sie hat Familie und spielt Theater im Keller einer Kneipe; Stücke von Tennessee Williams und James Joyce. Jay ist verletzt, der Mittwochstermin wird plötzlich zentnerschwer - trotz der schwebenden Momente voller Ruhe und Zuversicht. Momente, in denen alles möglich war. Liebe zum Beispiel. Ein Gespräch vielleicht, Zukunft, Frieden. Nein. Liebe wird sie auseinander reißen. So ist das nun mal zwischen den Geschlechtern.

Die Frau aus Amerika ist nicht reif für die Wirklichkeit, hat sich festgebissen in ihren perfekten Vorstellungen von Silikonbrüsten und Sauberkeit. Vergeblich versucht Patrice Chéreau sie von den Sexszenen abzulenken: "Sex ist nicht das Wichtigste in diesem Film, das sagt schon sein Titel. Ich wollte Intimität zeigen", argumentiert der 56-Jährige. "Gewöhnliche Menschen ohne perfekte Körper. Wenn Haut sich rötet, sich das Muster der Decke in Claires Rücken abdrückt - das ist die Realität. Und schön."

Doch die Tugendwächter sind immer noch unzufrieden. "Liegt das im Trend, dass Franzosen Filme auf englisch drehen?", wollen sie wissen, und ob Chéreau etwa damit rechne, dass "Intimacy" gar in amerikanische Kinos komme. Fragen an einen Mann, der 1976 erfolgreich den "Ring" in Bayreuth inszenierte, in den Theatern und Opern Europas zu Hause ist und mehrere Sprachen spricht. Doch Chéreau bleibt ruhig, nur seine Worte gewinnen an Schärfe: Amerikaner bräuchten vielleicht eine andere Geschichte, aber die seien ihm egal.

Er habe in London gedreht, weil diese tolle Stadt zu den Romanen von Hanif Kureishi gehört, die ihn zu "Intimacy" inspirierten. Jetzt hätte Chéreau loslegen können mit den Erinnerungen an das Entstehen seines fulminanten Films. Es ist ihm nicht vergönnt. Denn noch einer muss nachhaken, traut sich zu fragen, wie real denn die Sexszenen gewesen seien. Unfassbar. "Intimacy" ist doch kein Porno. "Die Schauspieler taten ihren Job, und sie taten ihn gut", so die kurze Abfuhr. "Kein Wort mehr über diese Details." Armer Patrice Chéreau.

Mögen sich doch endlich die amerikanischen Laptops verschwören, ihre Klappe noch viel weiter aufreißen und diese Ignoranten verschlingen, mit Haut und Haar.

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