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24. Februar 2011, 13:16 Uhr

Iran-Film "The Green Wave"

Von der grausamen Realität gezeichnet

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Eindringlicher geht es nicht: Der Film "The Green Wave" schildert den demokratischen Widerstand in Iran im Sommer 2009 - und dessen Niederschlagung. Dass sich Regisseur Ali Samadi Ahadi dabei animierter Comics bedient, macht die Darstellung umso realistischer.

Der kleine Junge hat keine Ahnung, was er da gerade tut. Es ist der Sommer 2009, in Teheran wird gerade der demokratische Aufstand von den Bassidsch, den berüchtigten regimetreuen Motorradmilizen, niedergeknüppelt, und der Junge geht einfach so auf die Straße, um sich nebenan etwas zu essen zu kaufen; er wirkt ein wenig verschlafen, als habe er die letzten Tage daheim verbracht auf dem Sofa, vielleicht bei Kinder-DVDs oder mit Computerspielen; er wirkt fern von dem, was gerade auf den Straßen seiner Stadt geschieht. Der Junge ist gerade mitten auf der Straße, da nähern sich die Motorräder, sie drosseln die Geschwindigkeit, fahren auf den Jungen zu, mit ihren Stöcken schlagen die Männer auf den Motorrädern auf den Jungen ein bis er in seinem eigenen Blut auf der Straße liegt.

Diese Schilderung der Brutalität gegen ein unbeteiligtes Kind ist, neben vielen anderen ähnlich beklemmenden, eine der stärksten Szenen in dem Film "The Green Wave" des iranischstämmigen Regisseurs Ali Samadi Ahadi ( "Salami Aleikum") - obwohl sie und gerade weil sie mit Zeichentrick dargestellt wird, ist sie kaum zu ertragen.

Die demokratische Erhebung nach den gefälschten Präsidentschaftswahlen in Iran wurde niedergeworfen, viele der damaligen Aktivisten sind in Gefängnissen verschwunden, sind gefoltert worden und teilweise auch hingerichtet. Erst vor wenigen Wochen, kurz vor den Feierlichkeiten zur iranischen Revolution und angesichts der Aufstände in Tunesien und Ägypten, hat das Regime wieder begonnen, verstärkt Oppositionelle zu verhaften. Die gerade vergangene Berlinale stand ganz im Zeichen der Erinnerung an die Situation in Iran: demonstrativ wurde der systemkritische Regisseur Jafar Panahi in die Jury berufen, als er mit Berufsverbot belegt wurde und nicht ausreisen durfte, solidarisierte sich das Festival. Am Ende gewann das iranische Familiendrama "Nader und Simin, Eine Trennung" von Asghar Farhadi den Goldenen Bären, auch das ist als Zeichen der Solidarität mit den Unterdrückten im Iran zu verstehen.

Es gibt keine realen Bilder aus den Gefängnissen

Während Filmemacher wie Panahi, die trotz allem im Iran bleiben wollen, ihre Filme nur mit vielen Tricks durch die Zensur bekommen können und niemals offene Kritik am Gottesstaat üben können, stand der in Köln lebende Ali Samadi Ahadi eher vor dem Problem, seinen Film über die Grüne Bewegung ohne reale Aufnahmen dessen herstellen zu müssen, was das Regime nicht nach Außen dringen lassen will: Es gibt keine dokumentarischen Aufnahmen aus den Verließen, keine von Folterungen. Und auch die eingangs geschilderte Szene mit dem kleinen Jungen existiert nur in der Erinnerung derer, die sie mit eigenen Augen gesehen haben.

"The Green Wave" erzählt die Geschichten zweier fiktiver Teilnehmer an den Demonstrationen vom Sommer 2009, angefangen mit der Mobilisierung zur Präsidentschaftswahl, als die Menschen in Iran die große Hoffnung hatten, den fanatischen Präsidenten Ahmadinedschad mit Stimmzetteln aus dem Amt jagen zu können. Der Film zeigt, wie die Hoffnung in Wut umschlägt, als Ahmadinedschad gegen jede Erwartung wieder zum Präsidenten erklärt wird, zeigt die Tage des Zorns und der wiederum grimmigen Hoffnung, dass der Protest ihn vertreiben könnte. Und er zeigt, wie der Widerstand gebrochen wurde.

Ali Samadi Ahadi hätte sich darauf beschränken können, das vorhandene Videomaterial von den Protesten zusammen zu schneiden, verwackelte Handybilder und Youtube-Schnipsel, dazu noch obligatorische Interviews mit Menschenrechtsaktivisten und Exiliranern über die fortdauernde Unterdrückung - "The Green Wave" wäre ein redlicher, aber wahrscheinlich auch sehr langweiliger Film geworden. Der Regisseur hätte sich auch dazu entscheiden können, die Szenen des Protests und der Folterungen nachspielen zu lassen von realen Schauspielern, mit einer Menge Statisten, die grüne Tücher tragen und sich dramatisch von Milizdarstellern verprügeln lassen. "The Green Wave" wäre ein reißerischer, aber wenig aufwühlender Film geworden.

Näher am Betrachter als jede Dokumentaraufnahme

Die Entscheidung, die zahlreich vorhandenen Augenzeugenberichte und Blogeinträge von Teilnehmern an den Protesten, von Opfern der Polizeigewalt zur Grundlage einer Collage zu machen, verleiht "Green Wave" eine Eindringlichkeit, die anders kaum zu erreichen gewesen wäre. Die "Motion Comic"-Animationen erinnern den Zuschauer stehts daran, dass es sich hierbei um eine künstlerische Darstellung handelt - doch eben diese kommt dem Betrachter näher, als es jede Dokumentaraufnahme könnte.

Manchmal kann das Kino eine große politische Kraft entwickeln: Wenn ein Film bewusst nicht im Realismus stecken bleibt, die Darstellung der Wirklichkeit dabei aber umso wahrhaftiger wirkt. "The Green Wave" ist so ein Film.

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