Iranische Filmemacher "Fuck it - ich werde mich auf ihre Seite stellen"

2. Teil: Die Unterschiede zwischen der iranischen und der westlichen Filmkultur


SPIEGEL ONLINE: Mit seinem hatte Panahi für größte Begeisterung gesorgt: Ein Mädchen versucht nach allen Kräften ins Fußballstadion zu kommen, was nur Männern erlaubt ist. Dort findet das Entscheidungsspiel statt, das Iran zur letzten WM brachte. Die Freudentänze auf den Straßen, die Panahi filmte, waren echt.

Neshat: Ich liebe diesen Film. Darin war bereits die Hoffnung und die Energie der iranischen Jugend zu spüren, die im letzten Sommer auf die Straßen ging.

SPIEGEL ONLINE: Können denn Filme eine Bedrohung für die derzeitige iranische Regierung sein? Muss die iranische Politik Angst vor Kunst haben?

Neshat: Da muss ich etwas ausholen und die Unterschiede zwischen der iranischen und der westlichen Filmkultur erklären. In den USA gibt es zwar Meinungsfreiheit, aber Filmemacher müssen hart für die Unterstützung experimenteller Filme kämpfen. Das Publikum ist nicht so sehr gebildet, vielleicht auch zu bequem, und bevorzugt daher Mainstream-Filme - eine Art Eskapismus. Im Gegensatz zu diesem Eskapismus, der von den Filmemachern in der freien Welt bedient wird - stark vereinfacht gesehen natürlich -, ist das iranische Publikum von uns Filmemachern richtiggehend abhängig: davon, dass wir Position beziehen und eine Stimme erheben. Unsere Kunst gibt dem Volk eine Stimme. Aufgrund der Zensur ist unser Publikum daran gewöhnt, zwischen den Zeilen zu lesen. Wir können allegorische, abstrakte oder sehr poetische Filme machen, weil iranische Zuschauer so etwas geradezu erwarten.

SPIEGEL ONLINE: Die Zensur führte also zu einer gesteigerten Sensibilität.

Neshat: Das ist das Paradoxon: Innerhalb dieses Kulturparadigmas, das keine Meinungsfreiheit zulässt, haben wir zum einen ein sehr kultiviertes Kinopublikum und zum anderen Künstler, die äußerst engagiert sind, sogar ihr Leben aufs Spiel setzen und im Mittelpunkt der politischen Dynamik stehen. Wir Filmemacher haben also viel Einfluss, kriegen aber auch viel Ärger. Im Land werden wir zensiert, schikaniert oder verhaftet - oder wir sind im Exil. Ja, unsere Vorstellungskraft macht uns zu einer Bedrohung für die derzeitige Regierung. Denn wir können uns moralisch und künstlerisch nicht von unserer Realität abspalten. Im Rest der Welt haben die Künstler zumindest die Wahl.

SPIEGEL ONLINE: Sie dagegen schauen alle paar Sekunden auf Ihr Telefon, ob Sie neue Nachrichten von Panahi haben...

Neshat: ...oder ich lauere auf Neuigkeiten von anderen Gefangenen, die per E-Mail oder auf Facebook eingehen könnten. Ich mache mir Sorgen um meine Mutter dort. Ich mache mir Sorgen um meine Freunde. Ich mache mir Sorgen um das Land. Als Iraner kann man nicht nur Kunst um der Kunst willen machen. Wie soll das gehen, die Augen der Kunst vor der Realität verschließen?

SPIEGEL ONLINE: Sie waren bis dato politisch nicht aktiv. Durch die manipulierte Wahl in Iran vor einem Jahr und die aufkommende "Grüne Bewegung" bekam Ihr Film "Women Without Men", an dem Sie bereits sechs Jahre arbeiteten, einen neuen Kontext. Wurde Ihr Film für Sie selbst zum Wendepunkt?

Neshat: Durchaus. Ich fühlte mich immer unwohl, wenn ich mich offen politisch äußerte. Ich wollte, dass meine Arbeit für sich spricht. Aber was im Sommer 2009 passierte, hat mich verändert. Ich habe damals keine moralische Option mehr gesehen, diese Jugend nicht zu unterstützen, die für etwas kämpft, an das ich fest glaube: eine gewaltlose Bewegung, die sich nach Demokratie sehnt. Gibt es etwas Höheres, etwas Nobleres als das? Die Menschen haben auf den Straßen Teherans ihr Leben riskiert - und ich mache mir derweil Sorgen um meinen Ruf? Ob ich als Künstlerin ein Tabu breche, indem ich öffentlich eine Meinung vertrete oder auch Aktivistin bin? Ich dachte nur: "Fuck it! Ich werde mich auf ihre Seite stellen und sie unterstützen. Sie brauchen mich, weil ich keine Unbekannte bin. Wie enttäuscht wären sie, dass ich sicher in meinem Apartment in New York sitze und nicht bereit bin, für sie das Wort zu erheben, während sie Waffen entgegen treten?"

SPIEGEL ONLINE: Standen Ihre Kollegen vor derselben moralischen Entscheidung wie Sie?

Neshat: Ja, auch Abbas Kiarostami, Bahman Ghobadi oder Mohsen Makhmalbaf haben diese Entscheidung für sich selbst getroffen. Für Panahi war diese Entscheidung jedoch schwieriger, weil er in Iran lebt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie die Zukunft der "Grünen Bewegung" in Iran? Hat sie noch eine Chance?

Neshat: In den nächsten Wochen wird es sehr spannend, da der erste Jahrestag des Aufstandes vor uns liegt. Da wird es eine Rückkehr zur Stimmung von letztem Sommer geben. Gerade Jafar Panahis Fall gab der Sache einen neuen Impuls. Die Stimmung kochte auch schon hoch, nachdem fünf politische Gefangene Anfang Mai heimlich hingerichtet wurden. Ich weiß, dass in jeder größeren Stadt in Iran und außerhalb massive Demonstrationen geplant sind. In New York schneidet Shoja Azari gerade einen Film für den Jahrestag. Ich bin mir sicher, dass sie die Bewegung sich noch nicht totgelaufen hat. Gerade in Deutschland ist sie noch sehr groß, z.B. in der iranischen Community in Köln.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten schon sechs Jahre an Ihrem Film gearbeitet, als er durch den Volksaufstand im letzten Sommer eine brisante politische Aktualität bekam. Waren Sie erstaunt darüber?

Neshat: Sehr. Das war völliger Zufall, das hätten wir nie vorhergesehen. Im Juni 2009 lagen wir in den letzten Zügen mit dem Film, als die Präsidentschaftswahl stattfand und das Volk dann gegen das Ergebnis protestierte. Die Bilder des Aufstandes von 1953 zur Zeit von Mossadegh, die ich mir im Schnitt anschaute, ähnelten denen, die ich gerade im Fernsehen sah, so sehr! Nicht nur die Demonstranten, auch das Bild der toten Neda.

SPIEGEL ONLINE: Die zur wurde.

Neshat: Ich konnte es kaum fassen. Ich war erschüttert von der Parallelität zwischen 1953 und 2009. Das konnten alle anderen erst im September nachvollziehen, als der Film dann in Venedig und Toronto gezeigt wurde. Vielleicht ist es auch gar kein Zufall, sondern nur ein Beweis dafür, dass sich die Geschichte wiederholt.

Das Interview führte Natasha Raiss

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Seite 1
GWM, 06.06.2010
1.
Zitat von sysopMit Ruhm gegen Repressionen: Seit dem "grünen" Protest in Iran setzt die bekannte Regisseurin Shirin Neshat ihren Namen ein, um Oppositionelle dort zu unterstützen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erzählt die in den USA lebende Künstlerin, wie ihr Filme, Facebook und Freundschaft dabei helfen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,698013,00.html
Mal wieder eine inszenierte Farbrevolution. Nach dem großen "Erfolg" der farbigen Umstürze in Georgien, der Ukraine, ... sollte man etwas weniger enthusiastisch auf von außen gesteuerte "Volks"aufstände reagieren.
zappa99 06.06.2010
2. Genau so ist es
Zitat von GWMMal wieder eine inszenierte Farbrevolution. Nach dem großen "Erfolg" der farbigen Umstürze in Georgien, der Ukraine, ... sollte man etwas weniger enthusiastisch auf von außen gesteuerte "Volks"aufstände reagieren.
Ja genau, und Evin ist eine Universität. Das sagen ja sogar die "Gefangenen" vor laufender Kamera, dann muss es also stimmen.
Arne11 06.06.2010
3. Ich hätte nicht den Mut der Opposition
Zitat von sysopMit Ruhm gegen Repressionen: Seit dem "grünen" Protest in Iran setzt die bekannte Regisseurin Shirin Neshat ihren Namen ein, um Oppositionelle dort zu unterstützen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erzählt die in den USA lebende Künstlerin, wie ihr Filme, Facebook und Freundschaft dabei helfen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,698013,00.html
Ich sage mal etwas was sehr selten gesagt wird. Ich hätte nicht den Mut der Opposition auf die Strasse zu gehen, ich würde nicht mein Leben riskieren, ich verstecke mich sogar im Internet lieber hinter Nicknames wenn ich den Iran kritisiere (Mina Ahadi bekommt vom iranischen Geheimdienst in Deutschland Drohungen). Leider gibt es immer wieder Menschen die einem warmen Sessel heraus behaupten 'sie hätten damals Widerstand geleistet'. Grüsse, Arne
lieschen-mueller 06.06.2010
4. Ach ja.
Zitat von GWMMal wieder eine inszenierte Farbrevolution. Nach dem großen "Erfolg" der farbigen Umstürze in Georgien, der Ukraine, ... sollte man etwas weniger enthusiastisch auf von außen gesteuerte "Volks"aufstände reagieren.
Ach ja. Wenn Sie in einem Land leben würden, indem es keine politische Freiheit gibt, in dem man für seine Meinungsäußerung unter Umständen mit dem Leben bezahlen muss und in dem außerdem auch noch so ziemlich alles verboten ist, was Spaß macht - da müsste erst jemand von außen kommen, der Sie auf die Idee bringt, dass die Zustände geändern werden müssen? Sie sollten nicht von sich auf andere schließen.
Saudi-Arabien 06.06.2010
5.
Zitat von lieschen-muellerAch ja. Wenn Sie in einem Land leben würden, indem es keine politische Freiheit gibt, in dem man für seine Meinungsäußerung unter Umständen mit dem Leben bezahlen muss und in dem außerdem auch noch so ziemlich alles verboten ist, was Spaß macht - da müsste erst jemand von außen kommen, der Sie auf die Idee bringt, dass die Zustände geändern werden müssen? Sie sollten nicht von sich auf andere schließen.
Was genau ist denn alles im Iran, was Spaß macht, verboten? Soviel ich weiß gibt es dort mehrere Kinos und Theater. Vielleicht verwechseln Sie das mit Saudi-Arabien, denn dort gibt es keine Kinos bzw. Theater, oder wenn es doch welche gibt, dann nur sehr sehr wenige.
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