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06. Juni 2010, 09:58 Uhr

Iranische Filmemacher

"Fuck it - ich werde mich auf ihre Seite stellen"

Mit Ruhm gegen Repressionen: Seit dem "grünen" Protest in Iran setzt die bekannte Regisseurin Shirin Neshat ihren Namen ein, um Oppositionelle dort zu unterstützen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erzählt die in den USA lebende Künstlerin, wie ihr Filme, Facebook und Freundschaft dabei helfen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Neshat, vergangenen Dienstag wurde Jafar Panahi freigelassen - gegen eine Kaution von 160.000 Euro. In Cannes hat das Festival täglich an die Inhaftierung des iranischen Regisseurs erinnert. Wie stehen Sie der Verhaftung und Freilassung Ihres Kollegen gegenüber?

Neshat: Ich bin mit Jafar Panahi gut befreundet. Er war einer der Ersten, der mir zum Silbernen Löwen für "Women without Men" gratuliert hat. Wir waren beide in der "Grünen Bewegung" sehr aktiv, er in Iran, ich in den USA. Nachdem man ihm dort seinen Pass abgenommen hat, standen wir in regelmäßigem Kontakt, per Telefon, E-Mail oder Facebook. Als er Anfang März verhaftet wurde, habe ich in den USA eine Unterschriftenaktion gestartet, die unter anderem von Robert Redford unterstützt wurde. In Frankreich wurde eine Petition für ihn initiiert, zusammen mit anderen New Yorkern waren wir diejenigen, die in den USA für seine Freilassung mobilisiert haben.

SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie nach seiner Freilassung bereits mit Panahi sprechen?

Neshat: Gleich am Dienstag hat er mir ausrichten lassen, dass er mit mir reden will. Wir sind uns sehr nahe, da die "Grüne Bewegung" für uns beide eine Herzensangelegenheit ist. Jafar ist für mich ein echter Held: Er ließ sich auch in der Haft nicht brechen. Es ist nicht einfach, seine Haltung unter diesem Druck beizubehalten. Es hieß, er solle sich als Regisseur ausschließlich um Filmkunst kümmern und nicht so halsstarrig sein. Man warf ihm sogar vor, dass er die Situation ausnutze, um Aufmerksamkeit auf seine Person zu ziehen. Aber er hat wirklich Integrität bewiesen. Ich bin über seine Freilassung sehr glücklich.

SPIEGEL ONLINE: Schützt es Panahi, dass er so bekannt ist? In Cannes hatte man ostentativ einen Jury-Sessel für ihn freigehalten, auch Juliette Binoche hielt bei ihrer Ehrung sein Namensschild in die Kameras.

Neshat: Das half ihm unbedingt, dass er eine Berühmtheit ist. Daher würde Jafar sagen: "Unterstützt nicht mich, sondern die anderen Gefangenen. Sie sind alle genau so unschuldig!" Gerade habe ich einen Anruf erhalten, dass auch andere Verhaftete in Hungerstreik getreten sind, einer verweigert sogar das Trinken. Auch mein Co-Produzent Shoja Azari ist in New York aus Solidarität dem Hungerstreik beigetreten.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird es für Panahi weitergehen? Sind Sie über seine weiteren Schritte oder eine eventuelle Ausreise im Bilde?

Neshat: Er hat noch viel durchzustehen, ihn erwarten noch zwei Gerichtsverhandlungen. Aber ich kenne ihn, er würde sich nie den geltenden Regeln beugen. Dass Panahi so hartnäckig bei seiner Meinung blieb, war der Regierung der größte Dorn im Auge. Daher bin ich mir sicher, dass er weitermacht. Für ihn gibt es einfach keine andere Option.

SPIEGEL ONLINE: Wogegen erhebt die Regierung denn Anklage?

Neshat: Es soll zwei Klagen gegen ihn geben, eine von der Behörde, die für Filmkontrolle zuständig ist, und eine vom Informationsministerium Ershad...

SPIEGEL ONLINE: ...der gefürchteten Zensurbehörde.

Neshat: Panahi hatte wohl vor, einen Film zu drehen, der die Islamische Republik stark kritisiert. Weitere Details sind mir nicht bekannt.

SPIEGEL ONLINE: Angeblich soll er mit dem Dreh nicht einmal begonnen haben.

Neshat: Natürlich sind die Vorwürfe gegen ihn erfunden, daran besteht kein Zweifel. Wie es weitergeht, ist unklar - auch für ihn. Ich könnte mir vorstellen, dass die Erfahrung der letzten Wochen ihn in seinem oppositionellen Engagement noch bestärkt haben. Zumal es einmal schon geklappt hat: Er ist in Hungerstreik getreten, daraufhin hat man ihn freigelassen. Dass ich das so deutlich sage, wird ihm nicht schaden. Denn ich bin davon überzeugt, dass er für die iranische Regierung kein einfaches Angriffsziel ist.

Die Unterschiede zwischen der iranischen und der westlichen Filmkultur

SPIEGEL ONLINE: Mit seinem hatte Panahi für größte Begeisterung gesorgt: Ein Mädchen versucht nach allen Kräften ins Fußballstadion zu kommen, was nur Männern erlaubt ist. Dort findet das Entscheidungsspiel statt, das Iran zur letzten WM brachte. Die Freudentänze auf den Straßen, die Panahi filmte, waren echt.

Neshat: Ich liebe diesen Film. Darin war bereits die Hoffnung und die Energie der iranischen Jugend zu spüren, die im letzten Sommer auf die Straßen ging.

SPIEGEL ONLINE: Können denn Filme eine Bedrohung für die derzeitige iranische Regierung sein? Muss die iranische Politik Angst vor Kunst haben?

Neshat: Da muss ich etwas ausholen und die Unterschiede zwischen der iranischen und der westlichen Filmkultur erklären. In den USA gibt es zwar Meinungsfreiheit, aber Filmemacher müssen hart für die Unterstützung experimenteller Filme kämpfen. Das Publikum ist nicht so sehr gebildet, vielleicht auch zu bequem, und bevorzugt daher Mainstream-Filme - eine Art Eskapismus. Im Gegensatz zu diesem Eskapismus, der von den Filmemachern in der freien Welt bedient wird - stark vereinfacht gesehen natürlich -, ist das iranische Publikum von uns Filmemachern richtiggehend abhängig: davon, dass wir Position beziehen und eine Stimme erheben. Unsere Kunst gibt dem Volk eine Stimme. Aufgrund der Zensur ist unser Publikum daran gewöhnt, zwischen den Zeilen zu lesen. Wir können allegorische, abstrakte oder sehr poetische Filme machen, weil iranische Zuschauer so etwas geradezu erwarten.

SPIEGEL ONLINE: Die Zensur führte also zu einer gesteigerten Sensibilität.

Neshat: Das ist das Paradoxon: Innerhalb dieses Kulturparadigmas, das keine Meinungsfreiheit zulässt, haben wir zum einen ein sehr kultiviertes Kinopublikum und zum anderen Künstler, die äußerst engagiert sind, sogar ihr Leben aufs Spiel setzen und im Mittelpunkt der politischen Dynamik stehen. Wir Filmemacher haben also viel Einfluss, kriegen aber auch viel Ärger. Im Land werden wir zensiert, schikaniert oder verhaftet - oder wir sind im Exil. Ja, unsere Vorstellungskraft macht uns zu einer Bedrohung für die derzeitige Regierung. Denn wir können uns moralisch und künstlerisch nicht von unserer Realität abspalten. Im Rest der Welt haben die Künstler zumindest die Wahl.

SPIEGEL ONLINE: Sie dagegen schauen alle paar Sekunden auf Ihr Telefon, ob Sie neue Nachrichten von Panahi haben...

Neshat: ...oder ich lauere auf Neuigkeiten von anderen Gefangenen, die per E-Mail oder auf Facebook eingehen könnten. Ich mache mir Sorgen um meine Mutter dort. Ich mache mir Sorgen um meine Freunde. Ich mache mir Sorgen um das Land. Als Iraner kann man nicht nur Kunst um der Kunst willen machen. Wie soll das gehen, die Augen der Kunst vor der Realität verschließen?

SPIEGEL ONLINE: Sie waren bis dato politisch nicht aktiv. Durch die manipulierte Wahl in Iran vor einem Jahr und die aufkommende "Grüne Bewegung" bekam Ihr Film "Women Without Men", an dem Sie bereits sechs Jahre arbeiteten, einen neuen Kontext. Wurde Ihr Film für Sie selbst zum Wendepunkt?

Neshat: Durchaus. Ich fühlte mich immer unwohl, wenn ich mich offen politisch äußerte. Ich wollte, dass meine Arbeit für sich spricht. Aber was im Sommer 2009 passierte, hat mich verändert. Ich habe damals keine moralische Option mehr gesehen, diese Jugend nicht zu unterstützen, die für etwas kämpft, an das ich fest glaube: eine gewaltlose Bewegung, die sich nach Demokratie sehnt. Gibt es etwas Höheres, etwas Nobleres als das? Die Menschen haben auf den Straßen Teherans ihr Leben riskiert - und ich mache mir derweil Sorgen um meinen Ruf? Ob ich als Künstlerin ein Tabu breche, indem ich öffentlich eine Meinung vertrete oder auch Aktivistin bin? Ich dachte nur: "Fuck it! Ich werde mich auf ihre Seite stellen und sie unterstützen. Sie brauchen mich, weil ich keine Unbekannte bin. Wie enttäuscht wären sie, dass ich sicher in meinem Apartment in New York sitze und nicht bereit bin, für sie das Wort zu erheben, während sie Waffen entgegen treten?"

SPIEGEL ONLINE: Standen Ihre Kollegen vor derselben moralischen Entscheidung wie Sie?

Neshat: Ja, auch Abbas Kiarostami, Bahman Ghobadi oder Mohsen Makhmalbaf haben diese Entscheidung für sich selbst getroffen. Für Panahi war diese Entscheidung jedoch schwieriger, weil er in Iran lebt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie die Zukunft der "Grünen Bewegung" in Iran? Hat sie noch eine Chance?

Neshat: In den nächsten Wochen wird es sehr spannend, da der erste Jahrestag des Aufstandes vor uns liegt. Da wird es eine Rückkehr zur Stimmung von letztem Sommer geben. Gerade Jafar Panahis Fall gab der Sache einen neuen Impuls. Die Stimmung kochte auch schon hoch, nachdem fünf politische Gefangene Anfang Mai heimlich hingerichtet wurden. Ich weiß, dass in jeder größeren Stadt in Iran und außerhalb massive Demonstrationen geplant sind. In New York schneidet Shoja Azari gerade einen Film für den Jahrestag. Ich bin mir sicher, dass sie die Bewegung sich noch nicht totgelaufen hat. Gerade in Deutschland ist sie noch sehr groß, z.B. in der iranischen Community in Köln.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten schon sechs Jahre an Ihrem Film gearbeitet, als er durch den Volksaufstand im letzten Sommer eine brisante politische Aktualität bekam. Waren Sie erstaunt darüber?

Neshat: Sehr. Das war völliger Zufall, das hätten wir nie vorhergesehen. Im Juni 2009 lagen wir in den letzten Zügen mit dem Film, als die Präsidentschaftswahl stattfand und das Volk dann gegen das Ergebnis protestierte. Die Bilder des Aufstandes von 1953 zur Zeit von Mossadegh, die ich mir im Schnitt anschaute, ähnelten denen, die ich gerade im Fernsehen sah, so sehr! Nicht nur die Demonstranten, auch das Bild der toten Neda.

SPIEGEL ONLINE: Die zur wurde.

Neshat: Ich konnte es kaum fassen. Ich war erschüttert von der Parallelität zwischen 1953 und 2009. Das konnten alle anderen erst im September nachvollziehen, als der Film dann in Venedig und Toronto gezeigt wurde. Vielleicht ist es auch gar kein Zufall, sondern nur ein Beweis dafür, dass sich die Geschichte wiederholt.

Das Interview führte Natasha Raiss

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