Iranische Regisseurin Neshat "Schönheit kann als Waffe dienen"

Zwischen Erotik und Gewalt, zwischen Tradition und Moderne: In ihren Werken kritisiert Künstlerin Shirin Neshat das iranische Regime, ihr erster Kinofilm gilt als Höhepunkt beim Filmfest in Venedig. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht sie über Gräueltaten in ihrer Heimat - und schöne Kämpferinnen.

DPA

SPIEGEL ONLINE: Frau Neshat, Sie haben gerade beim Filmfest in Venedig Ihren ersten Kinofilm vorgestellt. "Women Without Men" spielt im Teheran des Jahres 1953 und erzählt die Geschichte von vier widerständigen Frauen: Eine von ihnen, Munis, mischt sich auf der Straße unter demonstrierende Demokraten - eine fiktive Vorwegnahme der Ereignisse dieses Sommers?

Neshat: Die Parallelen zwischen 1953 und dem Sommer 2009 sind absolut frappierend. Die Menschen fordern Freiheit und Demokratie. Munis, im Film, ist eine mutige und schöne Kämpferin, wie die getötete Neda und all die anderen jungen Frauen, die in diesem Jahr mit Steinen in den Händen an vorderster Front der grünen Bewegung gekämpft haben.

SPIEGEL ONLINE: Sind es tatsächlich die Frauen, die in Iran den Wandel vorantreiben?

Neshat: Das westliche Bild der geknechteten, stummen Muslimin trifft die Realität in meiner Heimat schon lange nicht mehr. Iranische Frauen sind die aktivsten Mitglieder der Gesellschaft. Sie haben ganz einfach nichts mehr zu verlieren. Deshalb werden sie zu furchtlosen Kämpferinnen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in den Neunzigern mit der Fotoserie "Women Of Allah" Aufsehen erregt: Die Porträts zeigen verhüllte Musliminnen mit Waffen und kunstvollen Tätowierungen. Ihre Arbeiten beziehen Spannung aus den Gegensätzen zwischen Erotik und Gewalt, zwischen Tradition und Moderne. Eindeutige Aussagen haben Sie stets vermieden. Sehen Sie sich weiterhin als Künstlerin ohne politische Agenda?

Neshat: Dieser Sommer hat vieles verändert. Beim Anblick der Gräueltaten, die den Demonstranten angetan wurden, sind wir alle zu Aktivisten geworden. Ich selbst habe in New York mit anderen Exil-Iranern Demonstrationen und einen Hungerstreik organisiert. Der Luxus, unpolitisch zu sein, existierte für uns plötzlich nicht länger.

SPIEGEL ONLINE: Sie leben seit 35 Jahren in den USA. Welche Bedeutung hat das Jahr 1953 für Sie als Exil-Iranerin?

Neshat: Wir lieben Mohammed Mossadegh alle bis zum heutigen Tag. Er war der einzige demokratisch gewählte Premierminister, den wir je hatten. Ohne den Staatsstreich 1953, in dem Mossadegh gestürzt wurde, hätten wir die Islamische Revolution von 1979 und all die Dämonen, die dann kamen, nicht erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Von der grünen Bewegung dieses Sommers bleibt das Bild der getöteten Neda. Ihr Film endet mit dem tragischen Selbstmord einer Frau. Haben Sie überhaupt noch Hoffnung auf politische Veränderung?

Neshat: Wir müssen uns an diejenigen erinnern, die für Freiheit und Demokratie gekämpft haben - in diesem Sommer ebenso wie 1953. Wir müssen uns an den kurzen Zeitraum erinnern, in dem wir die Demokratie gelebt haben. Sonst sehen wir Iraner ja aus wie Barbaren. Was ich sagen will ist: Ja, wir werden unterdrückt, aber wir sind keine Verlierer. Uns Iranern gibt das ein Stück Würde zurück.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Heimat sind Ihre Werke offiziell nie gezeigt worden. Das Buch "Women Without Men", auf dem Ihr Film basiert, steht in Iran auf dem Index, die Autorin Shahrnush Parsipur wurde mehrfach inhaftiert.

Neshat: Mein Film wird seinen Weg irgendwie ins Land finden. Das Buch kennt in Iran jedes Kind. Die Autorin Shahrnush Parsipur ist 1994 geflohen, ich habe sie im Exil in San Francisco aufgespürt, arm und ziemlich verwirrt. Sharnush ist eine Heldin. Im Film spielt sie die Bordellbetreiberin.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sechs Jahre an "Women Without Men" gearbeitet. Der Film erinnert an elegantes Hollywood-Kino der fünfziger und sechziger Jahre, stellenweise auch an die Bildsprache Wong Kar-wais. Interessieren Sie sich als Künstlerin doch vor allem für die perfekte Inszenierung?

Neshat: Ich bin eben kein Crashkurs-Typ, sondern eine sorgfältige Schülerin. Die letzten sechs Jahre waren für mich wie ein Filmstudium. Ich musste die Sprache dieses Massenmediums erlernen. Schließlich wollte ich einen Kinofilm machen, den selbst meine Mutter verstehen würde.

SPIEGEL ONLINE: Und dazu musste ein ästhetisch sauberes Bildwerk entstehen?

Neshat: Eleganz und Intellekt schließen einander doch nicht aus. Das haben Neda und all die anderen schönen jungen Menschen gezeigt, die in diesem Sommer in den Straßen für die Freiheit gekämpft haben. Schönheit kann als Waffe dienen.

Das Interview führte Julia Bonstein



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