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Regisseur Asghar Farhadi: Schwieriger Weg

Foto: Jonathan Short/ ASSOCIATED PRESS

Iranischer Regisseur Farhadi "Ich habe bisher Glück gehabt"

Für das Beziehungsdrama "Nader und Simin" erhielt der Iraner Asghar Farhadi den Goldenen Bären der Berlinale, jetzt kommt sein Film ins Kino. Im Interview spricht er über Konflikte mit dem Regime, Schlupflöcher in der Zensur - und erzählt, warum er trotz allem froh ist, in Teheran zu leben.

SPIEGEL ONLINE: Herr Farhadi, welche Bedeutung hatte der Goldene Bär für Sie?

Farhadi: Dass sich Zuschauer in aller Welt, die die iranische Gesellschaft nicht kennen, meinen Film anschauen und Vergleiche zu ihrer eigenen Welt ziehen - das ist das größte Geschenk, das man mir mit dem Preis gemacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Selten hat ein Film gleich drei Bären davongetragen und eine Preisverleihung so viel Zustimmung erhalten. Hat die Wucht der einhelligen Begeisterung Sie erstaunt?

Farhadi: Ich wollte mich in Berlin gar nicht erst in den Gedanken versteigen, möglicherweise einen Preis zu bekommen. Aber die Resonanz war sofort nach der Vorführung gewaltig. Dennoch hielt ich höchstens einen Preis fürs Drehbuch oder einen der Schauspieler für möglich, nicht aber den Goldenen Bären für den besten Film und noch zwei für die besten Hauptdarsteller.

SPIEGEL ONLINE: Hat die iranische Regierung in irgendeiner Weise auf Ihre Auszeichnung reagiert?

Farhadi: Nein, das habe ich auch nicht erwartet. Dass das Publikum so wohlwollend und warm auf meinen Film und mich reagiert hat, war für mich völlig ausreichend. Denn direkt nach der Berlinale, im März, konnte "Nader und Simin" in den iranischen Kinos anlaufen. Er war bis vor wenigen Wochen zu sehen und war einer der publikumsreichsten Filme der letzten Jahre.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Film ist sehr kritisch. Wie haben Sie es geschafft, diesen Film nicht nur zu drehen, sondern ihn von der Zensurbehörde genehmigt zu bekommen und regulär in den Kinos des Landes zu zeigen?

Farhadi: Indem ich in meinem Film keine Postulate abgebe, keine Behauptungen aufstelle oder Antworten gebe, sondern nur Fragen stelle. Darum durfte der Film offiziell gezeigt werden. Die Zuschauer gehen mit vielen Fragezeichen aus dem Kino und können zu Hause anfangen, für sich Antworten auf diese Fragen zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Aber auch das Fragenstellen kann in Iran schon zum Sündenfall werden, man denke an Ali Samadi Ahadis Film "Wo ist meine Stimme?"

Farhadi: Ich bin 40 Jahre alt und bin in Iran groß geworden. Für Menschen wie mich ist es normal, mit Beschränkungen und Eingrenzungen konfrontiert zu sein. Sie sind ein fester Bestandteil unseres Lebens, und wir haben gelernt, mit ihnen umzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Mit ihnen umzugehen? Oder sie zu umgehen?

Farhadi: Sagen wir so: Wenn man ihnen nicht gewachsen wäre, dürfte man gar nicht arbeiten. Wir Filmemacher haben gelernt, wie wir selbst aus den kleinsten Schlupflöchern die größten Vorteile für uns herausholen können.

SPIEGEL ONLINE: Die Grüne Bewegung hat gezeigt, wie leidenschaftlich, gewaltfrei, aber auch findig Iraner sind, wenn es darum geht, für Freiheit zu kämpfen. Ihre Methode, Handys, Blogs und YouTube statt Waffen einzusetzen, hat in Nordafrika Nachahmer gefunden.

Farhadi: Ich bin sehr froh, in genau diesem Land geboren zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, in einem ruhigen Land zu leben, wo ich nicht dauernd mit neuen Widrigkeiten konfrontiert wäre. In der Schweiz wäre ich wohl kein guter Filmemacher geworden.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie denn immer damit gerechnet, dass Ihr Film in Ihrer Heimat gezeigt werden darf?

Farhadi: Nun, ich hielt es für nicht unwahrscheinlich, dass es Schwierigkeiten gibt. Aber ich habe mir größte Mühe gegeben, dass der Film in Iran laufen kann. Sonst wäre es für mich so gewesen, als hätte ich gar keinen Film gemacht und hätte ihn auch nicht im Ausland zeigen wollen. Daher habe ich all meine Energie dafür aufgewendet, dass der Film, an den ich glaube, unbeschadet seinen Weg auf die Leinwand findet. Das ist ein schwieriger Weg. Und die Modalitäten, wie Filmmacher das trotz aller Widrigkeiten schaffen, möchte ich gar nicht erläutern. Wenn wir zu viel über diese Wege verraten, können wir sie nicht mehr nutzen.

"Einige scharfe Briefe"

SPIEGEL ONLINE: Das klingt ja fast nach Untergrundarbeit...

Farhadi: Oft wird im Ausland gedacht, dass die Menschen, die noch in Iran leben und arbeiten, längst kapituliert und aufgegeben hätten. Das Gegenteil aber ist der Fall: Sie führen einen stetigen Kampf gegen Beschränkungen und Verbote. In unserem Beruf ist es so, dass manchmal wir Filmemacher gewinnen, manchmal die Obrigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten in Berlin, dass es Ihnen das Herz zerrissen habe, dass Ihr Kollege, der unter Hausarrest steht und dem seit über einem Jahr die Ausreise verweigert wird, nicht mit Ihnen der Einladung nach Berlin folgen konnte. Haben Sie mit Jafar Panahi nach der Preisverleihung Kontakt gehabt?

Farhadi: Ja, gleich nach der Vergabe der Bären haben wir miteinander telefoniert, zwei, drei Stunden später. Und in Teheran haben wir uns auch ein paar Mal gesehen, zuletzt vor zwei Wochen.

SPIEGEL ONLINE: Sie betonen, dass Ihr Film nicht politisch sei, sondern soziologisch. Dabei erzählen Sie die Geschichte eines Paares, das sich trennt, weil die Frau das Land verlassen möchte, um der Tochter eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Ist das nicht hochpolitisch?

Farhadi: Nun, im Herzen des Wortes "gesellschaftlich" verbirgt sich immer "politisch". Diese beiden Begriffe lassen sich gar nicht trennen. Aber mein Film funktioniert auf mehreren Ebenen. Vielleicht sieht ihn jemand ausschließlich von der politischen oder psychologischen oder ethischen Ebene - entsprechend seinem Charakter. Wenn man den Film aus einer gesellschaftlichen Perspektive sieht, hat er bestimmt eine politische Implikation, weil es einen Krieg zwischen Mittel- und Unterschicht gibt. Dennoch unterscheidet er sich sehr von den üblichen "politischen" Filmen, weil darin kein politisches Postulat abgegeben wird.

SPIEGEL ONLINE: Das hat Panahi nicht anders gemacht als Sie. Dennoch wurde er für einen unfertigen Film zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt. Haben Sie keine Angst, dass auch Ihnen solche Konsequenzen drohen könnten?

Farhadi: Wir bewegen uns schon längst jenseits der Gefahr. Ich habe bis hierhin Glück gehabt und wurde wenig belästigt. Aber selbst wenn das mal der Fall sein sollte, möchte ich das unter keinen Umständen auf den Zuschauer abwälzen. Der Druck, unter dem ich stehe, geht die Zuschauer nichts an. Ich habe diesen Beruf ausgewählt, mit all seinen Widrigkeiten. Das Publikum soll sich ganz auf den Film konzentrieren. Ich trage die Last der Gefahr, nicht sie.

SPIEGEL ONLINE: Beim Dreh soll es einmal zu Problemen mit den Autoritäten gekommen sein.

Farhadi: In Iran haben wir uns längst an solche Vorfälle gewöhnt. In einer Rede bei der Verleihung des Iranischen Filmpreises habe ich gesagt, dass ich hoffe, dass alle iranischen Filmschaffenden im In- und Ausland bald wieder Filme drehen können, ob Jafar Panahi, Bahram Bayzai, Amir Naderi, Mohsen Makhmalbaf oder die Schauspielerin Golshifteh Farahani.

SPIEGEL ONLINE: Einige von ihnen sind unfreiwillig ins Exil gegangen. Sie wurden vor die Wahl gestellt: Beruf oder Heimat.

Farhadi: Ich habe dafür plädiert, dass sich die Umstände, unter denen man arbeitet, ändern. Danach hieß es von offizieller Seite: "Was hast du damit gemeint: dass sich hier im Land alles ändern soll?" Daraufhin bin ich etwas wütend geworden, es gingen einige scharfe Briefe hin und her, bis schließlich meine Dreharbeiten gestoppt wurden. Aber nach zehn Tagen durfte ich weiterdrehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollten ab letzten Februar zwischen Teheran und Berlin pendeln. Wie weit sind Ihre Pläne gediehen? Lebt Ihre Familie schon in Berlin?

Farhadi: Nein, meine Frau und die beiden Kinder sind in Teheran. Meine Entscheidung ist auch noch nicht definitiv. Ich bin vom DAAD nach Berlin für ein Forschungsvorhaben als Filmwissenschaftler eingeladen worden. Aber mein Beruf als Regisseur erfordert es eigentlich, dass ich in Teheran bleibe. Ob meine Familie mich für die sechs Monate nach Berlin begleiten würde oder nicht, steht auch noch nicht fest.

SPIEGEL ONLINE: Ein Kritiker sagte über Ihren Film, er zeige, was es Menschen antut, wenn sie gezwungen sind, Jahrzehnte mit Lügen und Repressalien zu leben. Entspricht das Ihrer Intention?

Farhadi: Diese Frage zieht eine komplexe Diskussion mit sich: Was ist Lüge? Ich muss dann Lüge als psychologisches Symptom definieren. Nehmen Sie folgenden Fall: Ein Patient geht in Schweden zum Arzt, der diagnostiziert eine tödliche Krankheit und sagt dem Patienten: "Du wirst nicht länger als einen Monat zu leben haben." In Iran würde ein persischer Arzt zu demselben Resultat kommen, aber ihm sagen: "Das wird wieder, machen Sie sich keine Sorgen." Nur die Angehörigen würde er informieren, dass der Patient bald stirbt. Können wir nun sagen, dass der schwedische Arzt die Wahrheit sagt und der iranische lügt?

SPIEGEL ONLINE: In "Nader und Simin" lösen Notlügen große Lawinen aus, die die Protagonisten zu ersticken drohen. Auch in "Alles über Elly" ging es um Lügen und deren Konsequenzen. Fasziniert Sie der Umgang mit der Wahrheit?

Farhadi: Für mich ist das die zentrale Frage, was genau eigentlich die Wahrheit ist - oder ob es mehrere Wahrheiten gibt. Das Leben ist heute unglaublich komplex geworden, dennoch versucht der Mensch, mit seinen alten Maßstäben - ethisch-kulturellen oder religiösen Parametern wie gut oder schlecht, Wahrheit oder Lüge - seine Urteile zu fällen. Sind diese Definitionen denn noch adäquat in der modernen Gesellschaft? Oder müssen wir neue Definitionen finden?

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Geschichte fühlt sich der Mann mehr seinem Vater und damit der Vergangenheit verpflichtet, seine Frau jedoch der Tochter und damit der Zukunft. Ist das Zufall? Stellen auch im Makrokosmos der iranischen Gesellschaft Frauen stärker die Weichen, als man vermuten würde?

Farhadi: Das falscheste Bild über Iran ist das von der Situation der Frauen dort. Der gesellschaftliche Beitrag der Frauen in der iranischen Gesellschaft ist unbeschreiblich groß, selbst wenn sie - im Vergleich zu westlichen Frauen - nicht so oft berufstätig sind. Die Frauen der heutigen Generation, besonders der Mittelschicht, sind sehr aktiv und führen viele politische Bewegungen an. Das ist mir selbst erst seit zwei, drei Jahren bewusst. Mehr als 60 Prozent der iranischen Studenten sind Frauen. Nach meiner Ansicht werden die Frauen die Zukunft des Iran bestimmen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem nächsten Film soll es um die Liebe zwischen einem iranischen Mädchen und einem nordafrikanischen Jungen in Paris gehen. Wie weit ist das Projekt gediehen?

Farhadi: Ich arbeite an einem Drehbuch, weiß aber noch nicht, wann es fertig sein wird und ich drehen kann. Ich denke, es wird noch eine Weile dauern.

SPIEGEL ONLINE: Wo bewahren Sie Ihren Goldenen Bären auf?

Farhadi: Noch bei mir zu Hause. Aber irgendwann werde ich ihn dem Filmmuseum in Teheran vermachen.

Das Interview führte Amira Aslani

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