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Schauspielerin Golshifteh Farahani: Iranischer Filmstar im Exil

Foto: ? Johannes Eisele / Reuters/ REUTERS

Irans Filmstar Farahani "Mein Schmerz ist mein Motor"

Als sie sich mit Hollywood einließ, fing das iranische Regime an, Golshifteh Farahani zu terrorisieren. Am Ende blieb ihr keine andere Wahl, als auszuwandern. Mit SPIEGEL ONLINE sprach die Schauspielerin über den Verlust ihrer Heimat, ihren Film "Huhn mit Pflaumen" - und mieses deutsches Wetter.

Golshifteh Farahani ist Irans beliebteste und erfolgreichste Schauspielerin. Die 28-Jährige studierte klassische Musik, spielte in einer Underground-Rockband und debütierte mit 14 vor der Kamera. Mit ihrem Film "Mim mesle Madar" bewarb sich Iran 2006 für den Oscar für den besten ausländischen Film. 2008 machte Ridley Scotts Thriller "Der Mann, der niemals lebte" ("Body of Lies") sie zum ersten iranischen Star, der nach der Islamischen Revolution in einer Hollywood-Großproduktion mitspielte. Doch die Folgen sollten schwer wiegen: Sie wurde in ihrer Heimat so lange schikaniert, bis sie sich gezwungen sah, ins Exil zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Farahani, in "Huhn mit Pflaumen" spielen Sie die schöne Irâne, für deren Liebe der Protagonist sterben würde. Woher kennen Sie die Regisseurin und Comic-Autorin Marjane Satrapi?

Farahani: Marjane ist eine Sandkasten-Freundin meines Ex-Mannes. Wir haben uns oft mit den Familien im Sommerurlaub in Frankreich getroffen. Nachdem sie meinen Film "About Elly" sah, bot sie mir diese Rolle an. Das hat mich völlig umgehauen, denn ich selbst halte sie für ein Genie. Dies ist ja ihr erster Live-Action-Film, dennoch hat sie uns angeleitet, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Einfach erstaunlich.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Ihnen die Dreharbeiten im Studio Babelsberg gefallen?

Farahani: Ich würde sofort nach Berlin ziehen - wenn das Wetter besser wäre. Die Stimmung dort ist großartig, schon wegen der vielen jungen Leute, die so offen sind für alles. Dort findet man noch viel Wahrhaftigkeit in der Kunst, weil die Lebenshaltungskosten die Künstler nicht erdrücken. In Paris, wo ich lebe, gibt es das nicht mehr. In Babelsberg zu drehen, war ein bizarres Erlebnis. Auf dem Gelände waren ganze Straßenzüge Teherans nachgebaut, das legendäre Café Naderi...Ich war in Berlin, aber hatte das Gefühl, durch Teheran zu spazieren.

SPIEGEL ONLINE: Ist es richtig, dass Ihr Exil mit dem Film von Ridley Scott zu tun hat, den Sie 2008 gedreht haben?

Farahani: Ja, es ist jetzt auch endgültig. Fakt ist: Es ist einfach unmöglich, außerhalb Irans zu arbeiten und danach wieder ins Land zurückreisen zu wollen.

SPIEGEL ONLINE: Was warf die iranische Regierung Ihnen vor?

Farahani: Bevor sie "Body of Lies" überhaupt sahen, behaupteten sie, dass die iranische Regierung darin zu schlecht wegkommt. Später warfen sie mir auch vor, dass ich sie vor dem Dreh von meiner Mitwirkung hätte informieren sollen. Ich war damals schon in den USA - hätte ich erst zurückreisen sollen, um die Genehmigung des Staates einzuholen? Sieben Monate lang wurde ich drangsaliert. Danach habe ich gewusst, dass ich keine Chance habe, zwischen Angeboten im In- und Ausland hin und her zu wechseln.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie direkt nach Ihrer Rückkehr vom Dreh verhört?

Farahani: Ja. Und Monate später, als ich für das Casting zu "Prince of Persia" nach London fliegen wollte, wurde ich an der Ausreise gehindert. Die Behörden nahmen mir am Flughafen den Pass ab und sagten, ich hätte Ausreiseverbot. Ich wurde vor das Revolutionsgericht geladen. Dort warf man mir vor, eine Gefahr für die nationale Sicherheit Irans zu sein. Meine Arbeit in Hollywood wurde mit einer Kollaboration mit der CIA gleichgesetzt. Als "Body of Lies" ins Kino kam, haben sie mich sogar beschuldigt, die CIA habe mich angeheuert, um das Ansehen des Islam zu zerstören!

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es, dass Sie überhaupt das Land verlassen durften?

Farahani: Die Behörde bot mir an, gegen Geld den Pass für 24 Stunden zu bekommen, um für den Kameratest nach London und zurück zu fliegen. Ich habe mich darauf eingelassen. Aber dann bekam ich ihn sechs Stunden zu spät. Der Flieger war weg. Und meine Rolle wurde umbesetzt.

"Ich war verzweifelt"

SPIEGEL ONLINE: Die Britin Gemma Arterton spielt daraufhin die Prinzessin in "Prince of Persia". Und Sie?

Farahani: Während der folgenden sieben Monate in Iran habe ich mit Asghar Farhadi den Film "About Elly" gedreht. Den Dreh wollte man mir auch nicht erlauben. Es hieß, sie wüssten nicht, um was es in dem Film ginge und müssten ihn vielleicht verbieten, da wär's doch für mich besser, gar nicht erst mitzuspielen.

SPIEGEL ONLINE: Der Film hat in Berlin 2009 dann den Silbernen Bären bekommen.

Farahani: Man schlug mir vor, ich solle Farhadi absagen. Und das nach zwei Monaten Proben! Ich war verzweifelt und sagte: "Was wollt ihr? Wenn ich das Land verlassen soll, müsst ihr mir meinen Pass wiedergeben. Aber solange ihr den einbehaltet, lasst mich doch auch arbeiten!" Daraufhin teilte mir der Beamte im Ministerium für Innere Sicherheit mit: "Unser Wunsch wäre, dass ihr alle das Land verlasst. Iran braucht keine Künstler." Genau diese Sätze.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagiert man auf so eine Aussage?

Farahani: Spätestens da wusste ich, dass es sinnlos ist, unter solchen Bedingungen in Iran etwas aufbauen zu wollen. Daraufhin habe ich das Land verlassen. Ich werde jetzt oft gefragt, ob ich im Ausland eine Karriere wie in Iran machen kann. Aber die Karriere ist doch sekundär - ich habe mich dort einfach nicht mehr wohl gefühlt. Natürlich fange ich beruflich jetzt wieder von vorne an. Aber der Anfang ist gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Gingen Ihnen die Schikanen und Verhöre sehr nah?

Farahani: Das Ministerium für Innere Sicherheit ist ein furchtbarer Ort. Es war schwer zu ertragen. Beim Verhör habe ich Dinge erzählt, die ich nicht mal gefragt wurde, zum Beispiel, dass meine Mutter eine Bahai'i ist...

SPIEGEL ONLINE: ...Mitglied einer Religionsgemeinschaft, die von der Islamischen Republik verfolgt wird.

Farahani: Zu Hause war mein Mann fassungslos: 'Wie kannst Du das nur erzählen?' Ich war halt total verängstigt.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es Ihrer Familie heute?

Farahani: Meine Eltern und Geschwister besuchen mich ab und zu in Paris. Da ich politisch nicht aktiv bin, passiert ihnen in Iran vorerst nichts. Aber man weiß nie, ob sich das ändert.

SPIEGEL ONLINE: "Huhn mit Pflaumen" ist ein apolitischer Film, damit dürfte man Sie kaum behelligen, oder?

Farahani: Im Trailer war ein Kuss zu sehen und dass ich kein Kopftuch trage. Daraufhin schrieb eine Zeitung, dass ich damit alle Brücken nach Iran zerstört hätte. Und wie es sein konnte, dass mein Vater nicht in der Lage sei, mich von solchen Rollen abzuhalten. Furchtbar.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nie mit politischen Äußerungen provoziert?

Farahani: Nein. Natürlich suchen wir alle nach Wegen zu einer Demokratisierung, aber die politische Lage ist so komplex, dass man kaum beurteilen kann, welche Reformen wirklich fruchten würden. Es ist auch nicht klug, den Mund aufzumachen, wenn man nicht den hundertprozentigen Durchblick hat. Iranische Politik ist undurchschaubar. Früher habe ich Ahmadinedschad einfach für böse gehalten. Aber es gibt keine Eindeutigkeit mehr. Nun konzentriere ich mich lieber darauf, was ich kann, anstatt mein Denken von Politik verunreinigen zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie erging es Ihnen anfangs in Paris?

Farahani: Außerhalb Irans kam mir die Welt erst wie ein Dschungel vor. Man muss sich seinen Weg erst suchen. Mir halfen die Musik und die Filme, die ich gedreht habe, wie "Just like a Woman" mit Sienna Miller - eine wunderbare Person, die ich innigst liebe. Im Oktober habe ich die Hauptrolle in Atiq Rahimis "Der Stein der Geduld" gespielt. Der Roman hat 2008 den Prix Goncourt gewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben vor Ihrer Verbannung Unterstützung von Kollegen wie Ridley Scott und Leonardo DiCaprio bekommen?

Farahani: Aber sie waren sehr diskret und haben nur Mike Newell gebeten, mit "Prince of Persia" auf mich zu warten. Wäre ich ins Gefängnis gekommen, hätten sie sich öffentlich und laut für mich eingesetzt, besonders Leonardo. Zum Glück ist es nicht so weit gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind jetzt über zwei Jahre im Ausland. Wie gefällt es Ihnen heute?

Farahani: Zuerst habe ich es gehasst. Jetzt liebe ich Paris, mein Leben und die Tatsache, nicht mehr in Iran zu sein. Ich bezahle dafür mit all den Schwierigkeiten, die sich daraus für mich ergeben. Aber mein Schmerz ist ein guter Motor für meine künstlerische Arbeit. Für meine Kunst ist das Exil wie ein Geschenk.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Iran allein verlassen? Sie waren seit 2003 verheiratet.

Farahani: Ich habe das Land mit meinem Mann verlassen. Wir waren noch zwei Jahre zusammen, bis wir uns trennten.

SPIEGEL ONLINE: In "Huhn mit Pflaumen" stirbt ein Mann aus Liebe. Haben alle Iraner eine so pathetische Vorstellung von Liebe?

Farahani: Wenn wir lieben, sind wir bereit, alles zu geben. Zumindest im Mittleren Osten. Dort besitzen wir nicht so viele Güter. Die Liebe ist alles, was wir haben. Sie gibt deinem Leben einen Sinn. Man ist sich dort bewusst, dass man am nächsten Tag tot sein kann, schon durch ein Erdbeben. Wir haben daher immer für den Moment gelebt. Ich wurde während des Irak-Kriegs geboren. Wenn wir auf Partys gingen, konnten wir im Gefängnis landen. Wir respektieren und genießen die Gegenwart in vollen Zügen, weil wir nicht so sehr an die Zukunft glauben.

Das Interview führte Amira Aslani
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