Hitler und die Echsenmenschen Was uns "Iron Sky 2" über Geschichte lehren kann

In der Fortsetzung des Trash-Spektakels "Iron Sky" treten Mondnazis gegen Dinosaurier an. Solche kontrafaktischen Erzählungen boomen - und haben Klügeres über Erinnerungskultur zu sagen, als man denkt.

Splendid

Ein Gastbeitrag von Lea Wohl von Haselberg


Anlässlich von Takis Würgers Roman "Stella" und den Wiederaufführungen von "Schindlers Liste" und der Miniserie "Holocaust" wurde im deutschen Feuilleton zuletzt wieder viel darüber diskutiert, wie man Nationalsozialismus und Shoah eigentlich darstellen dürfe und solle. Dabei sorgte der Umgang mit Fakt und Fiktion, deren vermeintlich unsaubere Abgrenzung und nachlässige Vermischung für Verunsicherung und Kontroversen. Und auch jenseits der Erinnerungskultur scheint sich die Frage zu stellen: Schwappt der freizügige Umgang mit Fakten aus dem Reich der Kunst und Unterhaltung in Politik und Journalismus?

Zur Autorin
  • privat
    Lea Wohl von Haselberg, Jahrgang 1984, ist Film- und Medienwissenschaftlerin. Sie forscht an der Filmuniversität Babelsberg zu deutsch-jüdischen Themen und Erinnerungskultur. Zuletzt veröffentlichte sie als Co-Herausgeberin den Sammelband "Schlechtes Gedächtnis? Kontrafaktische Darstellungen des Nationalsozialismus in alten und neuen Medien".

Diese Woche kommt mit "Iron Sky 2 - The Coming Race" nun ein Film in die Kinos, anhand dessen sich diese Diskussionen zusammenbringen und ordnen lassen. Der erste Teil von 2012 erzählte, dass der Zweite Weltkrieg ein anderes Ende als gedacht genommen hat: Hitler und eine Kohorte von Unterstützern haben sich auf die dunkle Seite des Mondes gerettet. Nach Jahrzehnten des extraterrestrischen Exils setzten sie schließlich 2018 zum Atomkrieg gegen die Erde an, wodurch sie nahezu unbewohnbar wurde.

In der Fortsetzung haben sich nun, fast 30 Jahre später, die Überlebenden dieses Krieges von der Erde auf den Mond gerettet. Doch in den Trümmern der Nazi-Enklave lässt es sich schlecht leben. Im Erdinneren scheint es hingegen noch Teile unberührter Natur zu geben. Doch auf dieses Paradies samt Dinosauriern und anderen Reptiloiden haben es natürlich auch die Mondnazis abgesehen.

Neue populärkulturelle Erzählmuster

Statt die "Iron Sky"-Filme als Trash-Feuerwerk abzutun, lohnt es sich, die Potentiale solcher Erzählungen für die Debatten um Fiktion und Geschichtsdarstellungen fruchtbar zu machen: Beide Teile von "Iron Sky" stehen exemplarisch für den Boom kontrafaktischer Imaginationen in audiovisuellen Medien seit den Nullerjahren - der nicht nur dank einer veränderten, nämlich auf Crowdfunding gestützten Produktionskultur von Filmen zustande kommt, sondern auf veränderte populärkulturelle Erzählmuster wie auch gesellschaftliche Bedürfnisse zurückgeführt werden kann.

Kontrafaktische Erzählungen verwischen nicht nachlässig die Grenze zwischen Fakt und Fiktion. Sie weichen bewusst und für das Publikum nachvollziehbar an einem Divergenzpunkt von den historischen Ereignissen ab. Von dort aus entwickeln sie ein "Was wäre, wenn". Dafür müssen sie historische Ereignisse oder Epochen in den Mittelpunkt stellen, die so bekannt sind, dass die Abweichung von der Faktizität vom Publikum verstanden und das spekulative Spiel als solches gelesen werden kann.

Die Inszenierung des alternativen Geschichtsverlaufs kann dabei ebenso lustvoll absurd wie ernsthaft spekulierend angelegt sein. Oder das Kontrafaktische wird genutzt, um sich Geschichte utopisch korrigierend anzueignen. Geschichte, wie sie hätte sein sollen, tritt an die Stelle der tatsächlichen Historie. Die Unerträglichkeit der Tatsache, dass die Vergangenheit unabänderlich ist: Hier kann sie für kurze Zeit aufgehoben werden.

Angekommen im Mainstream

Nachdem kontrafaktische Filme lange ein Nischendasein fristeten und in Deutschland auch deshalb ein besonders heißes Eisen schienen, weil sie nach 1945 meist alternative Verläufe des Zweiten Weltkriegs zeigten, haben sie es seit einigen Jahren in den Unterhaltungsmainstream geschafft. Serienerfolge wie "The Man in the High Castle" und "SS-GB" oder Kinoproduktionen wie "Inglourious Basterds" oder "Kung Fury" sind nur einige Beispiele, die die zahlreichen Blogs und Foren der Fangemeinde füllen, inzwischen aber auch von einem weniger nerdigen Publikum wahrgenommen werden.

Szene aus "Inglourious Basterds"
ddp/ interTOPICS/ Capital Pictures

Szene aus "Inglourious Basterds"

Zuvor gab es aber lange auffällig wenig kontrafaktische Produktionen in Deutschland, vielleicht aus der Notwendigkeit heraus, erst einmal die Verdrängung der tatsächlichen historischen Ereignisse zu überwinden. In jedem Fall hat die Verbannung in den Bereich der mindestens populärkulturellen, meist aber schlicht unzulässigen historischen Spekulation den Blick dafür verstellt, dass kontrafaktische Erzählungen durchaus ein sehr unterschiedliches Verhältnis zu Vergangenheit und vor allem unseren Erzählungen davon einnehmen.

Sie können, mehr noch als andere historische Erzählungen, unsere gegenwärtige Sicht auf die Geschichte affirmativ bestätigen oder auch kritisch unterlaufen. Müssen uns Geschichte und ihre Kontinuitäten in die Gegenwart Unbehagen bereiten? Oder können wir uns entspannt zurücklehnen, weil alles ja viel schlimmer hätte kommen können? Mit solchen Fragen haben sie nicht nur ein kritisches, sondern durchaus auch mehr politisches Potential, als ihnen vielfach zugestanden wird.

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"Iron Sky 2": Faschismus auf dem Mond

Gerade die Narration vom siegreichen Nazi-Deutschland bietet neben gruseligem Schauder auch die Möglichkeit zu fragen, wie kompatibel die faschistischen Ideen und Rhetoriken des Nationalsozialismus mit aktuellen politischen Positionen sind. So behauptete schon der erste Teil von "Iron Sky", dass sich nationalsozialistische Ideologeme in den US-amerikanischen Wahlkampf und die darin zentrale Narration einer amerikanischen Vormachtstellung in der Welt nahtlos einfügen lassen könnten.

Außerdem gehen beide Teile darüber hinaus, sich über die Absurdität von Verschwörungstheorien (Echsenmenschen!) lustig zu machen. Sie entlarven deren Attraktivität, die eben auch in ihrem großen Schauwert, den schlichten Gut-Böse-Schemata und ihrer Widerständigkeit gegen Fakten liegt.

Stabiler erinnerungskultureller Status quo

Dass ein Film wie "Iron Sky 2" inzwischen mit großer deutscher Beteiligung produziert werden und diese Woche in zahlreichen Kinos starten kann, hat sicherlich mit dem Eindruck eines stabilen erinnerungskulturellen Status quo zu tun. Der feste Platz, den der Nationalsozialismus im bundesrepublikanischen Selbstverständnis vermeintlich hat, scheint einen freieren Umgang mit historischen Fakten und das ironische Spiel mit Verschwörungstheorien als kompatibel für ein größeres Publikum zu erlauben.

Ob sich das mit den zunehmenden Angriffen auf eben diesen erinnerungskulturellen Konsens über die deutsche Vergangenheit ändert, bleibt abzuwarten. Auch der wachsende zeitliche Abstand zum Nationalsozialismus trägt sicherlich dazu bei. Zudem entspricht die bei kontrafaktischen Filmen typische Lust am postmodernen Pastiche aktuellen populärkulturellen Erzählmustern.

Szene aus "Iron Sky"
ddp images/ Polyband

Szene aus "Iron Sky"

Viele dieser Potentiale werden in "Iron Sky 2" allerdings nicht ausgeschöpft. Das mag an der langen Produktionszeit des Films liegen, die auf Kosten der Halbwertszeit der aktuellen Bezüge gegangen ist (Sarah Palin spukt als Präsidentinnen-Gespenst durch den Film, ebenso wirken die Steve-Jobs-Referenzen überholt) - oder daran, dass Regisseur Timo Vuorensola sich nicht entscheiden kann, was ihm wichtiger ist: die politischen oder die zahlreichen medialen Referenzen, die nicht nur immer wieder auf die Konventionen des Exploitation-Kinos verweisen, sondern beispielsweise auch auf "Star Wars".

Dabei ist die mediale Selbstreferenzialität nicht ungewöhnlich. Tatsächlich geht es den kontrafaktischen Erzählungen oft weniger um die historischen Ereignisse selbst als vielmehr darum, wie wir Geschichte erzählen und welche Erklärungsmuster wir - oft in bewegten Bildern - konstruieren. Die Verfilmung von "Er ist wieder da" gibt sich als Mediensatire; "Inglourious Basterds" ist Genre-Reflexion und filmgeschichtliches Referenzspiel; in "The Man in the High Castle" spielt ein verschwundener Film eine zentrale aufklärerische Rolle.

Gerade weil die Filme kein historisches Wissen vermitteln und erst recht keine Geschichtsstunde ersetzen, können sie neben "faktischen" Film stehen und unseren Blick auf Geschichte und Geschichtsschreibung schärfen. Denn es ist weniger die Entscheidung zwischen Fakt und Fiktion, die über Angemessenheit und Zulässigkeit einer NS-Darstellung entscheidet, als vielmehr die in einer Darstellung liegende Interpretation und Haltung gegenüber historischen Ereignissen. Wir kommen nicht umhin, diese anzuschauen und zu diskutieren - ob faktual oder fiktional oder gar kontrafaktisch. Wenn es dafür vielleicht auch ergiebigere Filme gibt als "Iron Sky 2".

insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Onkel Drops 22.03.2019
1. Nazis auf dem Mond Teil zwo
äh nee Nazis in Mittelerde (Hohlwelt Theorie featuring Neuschwabenland). schon mal die Armbinde raussuchen"gegen Nazis " die hab ich noch von Teil 1. Sarkasmus gehört ja gepflegt.... auf ins Kino, freu mich drauf... kein Disney, kein Till,kann schon nicht schief gehen... (beste Adolf Parodie heißt Alfons Hatler im Wixxxer!!!)
ford_mustang 22.03.2019
2. Es bleibt ...
Trash! Egal wie versucht-intellektuell man die Filmkritik verfasst. Wer es mag, bitte. Aber wer hier ein Kunstwerk vermutet, nun ja.
Datenscheich 22.03.2019
3. Wie unaufmerksam...
Wenn man sich schon mit einem solchem heiklen Thema beschäftigt, geehrte Frau von Haselberg, dann sollte man sehr aufmerksam sein und keine falschen Behauptungen aufstellen. Das mögen Sie ja umgekehrt auch nicht, oder?! Im ersten Teil haben die 'Mondnazis' die Erde keineswegs mit Atomwaffen angegriffen ... sondern mit zeppelinartigen Raumschiffen, einem Asteroiden-Bombardement und den sogar bei Revell (als Modell) erhältlichen urdeutschen Flugscheiben. Das mit dem Atomkrieg waren hingegen wir Erdlinge selbst!
nachtmahr79 22.03.2019
4. Wenn man schon...
...eine Filmkritik zum 2. Teil schreibt, dann sollte man zumindest den ersten Teil gesehen haben. Weder hat sich Hitler dort auf den Mond gerettet, noch wurde der globale Atomkrieg von den Mondnazis angezettelt. Gerade das mit dem Atomkrieg war ja die fiese Pointe des ersten Teil.
HuFu 22.03.2019
5. Haha
Teil 1 war Bombe - Trashkultur vom Feinsten Teil 2 wird sicher nicht anders sein... ABER, hier nur tiefgehende Rezensionen und Kritiken zu verfassen wäre beinahe so, als wenn man an eine runde Erde glaubt! Ein Jeder weiss, die Erde ist eine Scheibe... ...oder doch nicht? :P
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