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Neuer Film von Jon Stewart Li­be­ra­les Wunsch­den­ken

Der Ex-"Daily Show"-Moderator Jon Stewart legt mit seinem zweiten Kinofilm "Irresistible" eine Politsatire vor. Darin versteckt: der Traum von einem versöhnten Amerika.
aus DER SPIEGEL 32/2020
Rose Byrne und Steve Carrell in "Irresistible"

Rose Byrne und Steve Carrell in "Irresistible"

Foto:

Daniel McFadden/ Universal Pictures

Jon Stewart kennt man nur verärgert, zumindest öffentlich. Als Moderator der US-Satiresendung "The Daily Show" machte er seine Empörung über die US-Politik zum Markenzeichen. So brachte er zur Jahrtausendwende mit der "Daily Show" aus dem Nischensender Comedy Central heraus eine neue Tonalität in die Politikberichterstattung ein: schneidende Satire, befeuert von echter Wut, Empörung über den Irakkrieg und die Bush-Regierung, unterfüttert allerdings von minutiösen Recherchen.

Die "Daily Show" lieferte Entertainment und Aufklärung so perfekt ausbalanciert, dass sich eine ganze Zuschauergeneration neu ausrichtete und Satireformate zu ihrer Lieblingsquelle für Nachrichten erkor. Gut ein Jahr vor Donald Trumps Wahlsieg gab Stewart die Moderation der "Daily Show" ab. Das Erbe seiner kleinen TV-Revolution hat jedoch noch immer Bestand: In den USA wird es von John Oliver und seiner HBO-Show "Last Week Tonight" gepflegt, in Deutschland von der "heute-show", von Jan Böhmermann und in Do-it-yourself-Schwundform von YouTuber Rezo.

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"Irresistible - unwiderstehlich"

Foto: Daniel McFadden/ Universal Pictures

Auch Stewart selbst kann in seiner zweiten Regiearbeit "Irresistible", für die er zudem das Drehbuch verfasste, nicht von seinem alten Stil lassen und spitzt die Politsatire mächtig zu. Der Plot: Nach der Niederlage Hillary Clintons gegen Donald Trump ist die Führung der Demokraten in heller Aufregung. Wie kann ein Kandidat gefunden werden, der Wählerinnen und Wähler über die politischen Gräben hinweg anspricht? Als ein junger Mitarbeiter den demokratischen Kampagnenleiter Gary (Steve Carell) auf den Onlinemitschnitt einer Gemeinderatssitzung im tiefsten Wisconsin aufmerksam macht, scheint die Lösung gefunden zu sein.

In dem Clip ergreift ein pensionierter weißer Marineoberst leidenschaftlich Partei für die illegalen Migranten im Ort. Das ist neu, das ist ungewohnt, das ist – im Kleinen – womöglich die Neuerfindung der Demokraten. Keine 24 Stunden später ist Gary unterwegs nach Deerlaken, Wisconsin, um den Oberst davon zu überzeugen, für die Demokraten bei den nächsten Bürgermeisterwahlen anzutreten.

Die Erotik der Macht

Vor Ort stellt sich Gary zunächst reichlich ungeschickt an. In der Kneipe bestellt er Burger und Budweiser, offensichtlich in der Überzeugung, dass der Mittlere Westen nur Fast Food und Flaschenbier zu bieten habe. Die Zapfhähne der Kneipe und das Augenrollen der anderen Gäste übersieht Gary. Hauptsache, er hat mit seinem Anliegen Erfolg bei Oberst Jack Hastings (Chris Cooper).

Und tatsächlich: Der Veteran lässt sich darauf ein, gegen den langjährigen Amtsinhaber der Republikaner anzutreten, und ist auch einverstanden, als die Parteispitze aus Washington, D. C., so viel Wahlkampfmaterial und Personal schickt, dass damit genauso gut eine Gouverneurswahl bestritten werden könnte.

Allerdings ruft das den Gegner auf den Plan. Faith Brewster (Rose Byrne), Kampagnenprofi der Republikaner, schlägt in Deerlaken auf und beginnt, jeden Schritt der Demokraten mit eigenen Spendenaktionen und TV-Auftritten zu kontern.

Sind Wahlkämpfe nur noch Streitereien über mediale Deutungshoheit, hyperinszenierte Scheingefechte, bei denen es nicht mehr um die Bürger geht? Ist die Erotik der Macht stärker als jede politische Überzeugung?

Was Jon Stewart hier nahelegt, ist alles andere als neu. Filme wie "Wag the Dog" von 1997 waren mit ähnlichen Diagnosen früher dran, Comedyserien wie "Veep" haben sie schärfer formuliert. Trotzdem macht der Film einen wichtigen Punkt. Denn im Unterschied zu vielen anderen liefert "Irresistible" den Gegenentwurf zu dieser Misere.

Alte Liebe USA

Erst beiläufig, dann immer emphatischer erzählt Stewart von einer Gesellschaft der Bürgerinnen und Bürger, die sich unbehelligt von Parteien und Medien durchaus darauf einigen können, was gut für alle ist.

Es ist eine herrlich versöhnliche Sicht auf die USA, der sich Stewart da hingibt, abgesehen vielleicht von den grobschlächtigen Witzen über Milliardäre und das WLAN auf dem Land. Aber natürlich ist seine Perspektive auch verkürzt: Dass sich die Menschen nicht mehr über Grenzzäune und Abtreibung, Polizeigewalt und Krankenversicherung streiten, sobald Fox News den Ton mäßigt, mag das Wunschdenken sein, mit dem man als Liberaler vier Jahre Trump-Regierung übersteht. Als Gesellschaftsanalyse kann man es vergessen.

Eigentlich hätte man als Zuschauer von Beginn an vor Stewarts Nachsichtigkeit gewarnt sein müssen: "Still the Same" von Bob Seger  erklingt im Vorspann. In der melancholisch grundierten Midtempo-Nummer singt Seger von einer alten Liebe, einer Spielernatur, die mit ihren Tricksereien immer wieder durchkommt und sich allen Widerständen zum Trotz nicht unterkriegen lässt.

Im Film ziehen dazu Bilder von US-Präsidenten und Präsidentschaftsanwärtern vorbei, angefangen mit John F. Kennedy bis zu Donald J. Trump. Stewarts alte Liebe, das macht "Irresistible" sofort klar, sind die USA - verschlagen, verlebt und trotzdem mit festem Platz in seinem Herzen.

Das Problem mit alten Lieben ist nur: Manchmal hängt man Vorstellungen von ihnen nach, die schon lang nichts mehr mit der Realität zu tun haben. Und in diesem Fall vielleicht noch nie hatten.

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