Kino-Diva Isabelle Huppert "Kommen Sie, es ist eine Komödie!"

Sie ist die Grande Dame des europäischen Kinos - jetzt spielt Isabelle Huppert eine Arabischübersetzerin. Hier spricht sie über den Vorwurf der kulturellen Aneignung und das Subversive ihrer Filme.
Ein Interview von Andreas Borcholte
Schauspielerin Huppert: "Es ist nur eine Story, kein politisches Statement"

Schauspielerin Huppert: "Es ist nur eine Story, kein politisches Statement"

Foto: Alberto Pizzoli / AFP

SPIEGEL: Madame Huppert, wir waren ebenso erfreut wie erstaunt, dass Sie zu unserem Interview nach Berlin gereist sind. Hatten Sie gar keine Angst vor Corona?

Huppert: Tatsächlich habe ich gar nicht darüber nachgedacht. Nun war es aber auch nicht so, dass ich die Einzige im Flugzeug war, da waren eine ganze Menge Leute.

SPIEGEL: Waren Sie nicht besorgt, sich anzustecken?

Huppert: Besorgt? Nein, nein, nein. ich befolgte die Regeln, so wie jeder andere es auch tun sollte - und auf dem Flug auch tat.

SPIEGEL: Man sagt Ihnen nach, eine furchtlose Person zu sein.

Huppert: Ach was, man findet sich doch jeden Tag in so vielen Situationen wieder, in denen man gar nicht damit rechnet, plötzlich von viel zu vielen Menschen umgeben zu sein. Sogar zu Hause, in der eigenen Nachbarschaft, kann einem das passieren. Da macht es kaum einen Unterschied, in einem Flugzeug zu sitzen.

SPIEGEL: Sie nehmen sich also die Freiheit, trotz der Pandemie so normal wie möglich zu leben?

Huppert: Ich denke schon. So wie mehr und mehr andere Leute ja jetzt auch. (lacht)

SPIEGEL: Bleiben wir beim Mut. In Ihrem neuen Film "Eine Frau mit berauschenden Eigenschaften" spielen Sie Patience, eine Arabischübersetzerin der Pariser Polizei. Können Sie jetzt fließend Arabisch sprechen?

Huppert: Nein, ich habe einige Sätze gelernt, die ich in der Rolle sprechen musste. Allein diese paar Zeilen haben mich sehr viel Zeit und Mühe gekostet - und gleich nachdem ich sie aufgesagt hatte, hatte ich sie schon wieder vergessen.

SPIEGEL: Patience wird durch ihre Sprachkenntnisse eine Grenzgängerin: Sie kann sich in einem Teil der Gesellschaft verständigen, die ihren französischen Kolleginnen verborgen bleibt. Sollten wir alle mehr Arabisch oder, in Deutschland, Türkisch lernen?

Huppert: Ja, natürlich, das wäre sicher gut. Aber wenn wir alle Arabisch sprächen, könnte ich die Polizei im Film ja nicht an der Nase herumführen. Wahrscheinlich würde der ganze Film jetzt gar nicht existieren. Nicht auszudenken!

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Isabelle Huppert in "Eine Frau mit berauschenden Talenten"

Foto: Neue Visionen

SPIEGEL: In Frankreich gab es Kritik, dass Sie als Französin eine Araberin spielen und im Trailer mit einem Hidschab, einer traditionellen muslimischen Kopfbedeckung, zu sehen sind. Waren Sie sich des Risikos bewusst, mit dem Vorwurf der kulturellen Aneignung konfrontiert zu werden?

Huppert: Ach nein, überhaupt nicht. Kommen Sie, es ist eine Komödie! Es gibt darin nichts Beleidigendes, im Gegenteil. Jean-Paul Salomé, der Regisseur, und ich haben nicht im Traum daran gedacht, dass es ein Problem werden könnte, dieses preisgekrönte Buch zu verfilmen. Es ist nur eine Story, kein politisches Statement. Vielleicht haben wir uns geirrt, weil ja momentan alles irgendwie ein Problem zu sein scheint. Aber ich finde, diese Kontroversen sollten bleiben, wo sie wirklich angebracht und wertvoll sind.

SPIEGEL: Sie wirken verärgert.

Huppert: Ja, weil die Leute vielleicht erst einmal den Film anschauen sollten. Es gibt darin eine Szene, die man leicht übersehen kann, sie ist aber entscheidend: Patience erhält den Schal, den sie später als Kopfbedeckung trägt, ja als Geschenk von einer arabischen Frau. Es ist also wie eine Übergabe. Sie nimmt sich nichts weg, sondern sie bekommt es überreicht. Das ist ein Zeichen der Zuneigung und der Solidarität, nichts anderes. Die ganze Geschichte entwickelt sich aus der Freundschaft dieser beiden Frauen.

SPIEGEL: Später kommt auch noch eine Frau aus China hinzu. Es geht also um interkulturelle Verständigung: Das ist eine wichtige politische Botschaft für einen Film, der als leichte Komödie vermarktet wird.

Huppert: Es ist eine Komödie, ja, aber es ist auch mehr als das: ein teilweise sehr emotionaler und berührender Film, in dem es auch sehr lustig zugeht. Ich betrachte die Komödie aber auch nicht automatisch als Schutzschirm, unter dem man sich alles erlauben kann. Vorausgesetzt, man legt es darauf an.

SPIEGEL: Sie geben sich betont unpolitisch. In den letzten Jahren konnte man aber den Eindruck gewinnen, dass Sie sich zunehmend Rollen wie "Elle" oder jetzt die Patience in "Eine Frau mit berauschenden Eigenschaften" suchen, die einen subversiven Charakter haben.

Huppert: Ja, aber ohne, dass es mir bewusst ist. Und das ist eine gute Sache! Denn wenn es mir bewusst wäre, würde ich es wahrscheinlich nicht tun. Mir ist es aber lieber, ich tue es, verstehen Sie? Ich bin dabei aber nie allein: Ein Film besteht immer aus kollektiven Entscheidungen, es gibt den Regisseur, es gibt Produzenten, es gibt Bücher, auf denen die Filme basieren. Das ist übrigens interessant: Ein Buch, selbst wenn es ein Bestseller ist, scheucht die Leute nie so auf wie ein Film.

SPIEGEL: Vielleicht liegt es ja doch auch an Ihnen. Sie sagen, es geschieht vieles unterbewusst, wenn Sie eine Rolle spielen. Das heißt, Sie arbeiten Ihre oft komplexen Rollen nicht aus, bevor die Dreharbeiten beginnen?

Huppert: Nein, gar nicht. Natürlich habe ich eine vage Intuition, aber erst, wenn die Garderobe, das Kostüm, ins Spiel kommt, wird es konkreter und sehr viel realer für mich, wer diese Person ist, die ich spiele. Aber ich überlege mir im Vorhinein nichts. Alles passiert beim Filmen, es entsteht in dieser geheimen Sprache zwischen mir, dem Regisseur und der Kamera. Das ist der Moment, in dem ich zu der Rolle finde. Das ist ein sehr starkes Gefühl, zu spüren, dass es das jetzt ist. Dass es richtig ist.

SPIEGEL: Sie sind eine der am meisten beschäftigten Schauspielerinnen Europas...

Huppert: Das ein Märchen! Ich habe seit fast zwei Jahren keinen Film gedreht.

SPIEGEL: Aber dafür standen Sie zwischendurch für zwei Theaterinszenierungen auf der Bühne, eine in den USA und eine von Robert Wilson am Hamburger Thalia Theater. Zwei Gastauftritte in TV-Serien hatten Sie zwischendurch auch noch: Was macht Sie so unermüdlich?

Huppert: Zunächst mal hoffe ich, dass es um Qualität geht, bei dem, was ich mache, nicht um Masse. Es fällt mir zudem sehr leicht zu arbeiten, warum sollte ich also nicht viel machen? Die meiste Zeit tue ich es sogar mit Leuten, mit denen ich gern zusammenarbeite. Jedes Mal ist es ein kleines menschliches Abenteuer. Ich schätze mich sehr glücklich, etwas tun zu können, was ich wirklich liebe. Das können nicht viele von sich behaupten.

SPIEGEL: Gibt es eine zusammenfassende Erzählung, eine bestimmte Haltung, die Sie mit Ihrer Kunst vermitteln möchten?

Huppert: Ich will rein gar nichts vermitteln. Ich habe keine Mission, und ich glaube auch nicht, dass Kino eine Mission oder eine Botschaft haben sollte. Kino spielt auf einer anderen Ebene: Es zeigt die künstlerische Vision eines Regisseurs, und darin spiele ich eine Rolle. Ich bin da sehr bescheiden, wissen Sie? Ich bin einfach nur eine Schauspielerin, das ist alles.

SPIEGEL: Na gut. Hat es eigentlich Spaß gemacht, am Ende des Films mit diesem schönen alten Speedboat über einen See zu brausen?

Huppert: Oh, das war toll! Und wissen Sie was, ich habe überhaupt keinen Führerschein, ich bin nie Auto gefahren. Aber in diesem Boot fühlte ich mich plötzlich so gut - ich habe sogar immer mehr Gas gegeben, weil ich das Gefühl hatte, wir sind zu langsam. Und da ist noch etwas! Ich fühlte mich sehr wohl mit dem Hund in diesem Film. Ich bin eigentlich keine Hundeperson, aber er und ich haben eine Art Freundschaft geschlossen. Der Hund und das Boot, das war sehr schön für mich.

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