"Italienisch für Anfänger" Das Prinzip Hoffnung

Der undogmatischste und erfolgreichste Dogma-Film stammt von einer Frau: Die dänische Regisseurin Lone Scherfig hat sich bei "Italienisch für Anfänger" von den starren Regeln gelöst und einen wunderbar leichten und melancholischen Film über die Liebe gedreht.

Von Carolin Ströbele


Die Friseuse und der Kneipenwirt: Eines der ungleichen Paare in Lone Scherfigs Film
Kinowelt

Die Friseuse und der Kneipenwirt: Eines der ungleichen Paare in Lone Scherfigs Film

Als der junge Pastor Andreas (Anders Berthelsen) den Dienst in seiner neuen Gemeinde antritt, ahnt er bereits, dass ihm eine schwierige Mission bevorsteht. Denn die Einzigen, die sich in der schmucklosen lutherischen Kirche sehen lassen, sind zwei alternde Chorknaben, eine Küsterin mit Drogenvergangenheit und sein randalierender Amtsvorgänger. In dem tristen Vorort von Kopenhagen scheint keiner mehr auf die Erlösung zu warten.

Zumindest nicht in der Kirche. Denn der Ort, zu dem die Menschen aus ihrem lichtlosen Alltag fliehen, ist ein Hörsaal in der Volkshochschule. Der ist zwar nicht minder trist und außerdem viel zu groß für die sechs Teilnehmer, die sich schüchtern in die Bänke drücken. Doch wenn Marcello (Carlo Barsotti) eintritt, ist der Raum ausgefüllt. Der Italienischlehrer mit den barocken Formen ist der eigentliche Seelsorger der Gemeinde. Er füttert die Damen in der ersten Reihe mit lang entbehrten Komplimenten und stellt von an Anfang klar: "Qui siamo in Italia" ("Hier sind wir in Italien").

Seine Schüler folgen ihm nur zu gerne. Denn das Leben hält nicht gerade viel bereit für die Raubeine, Eigenbrötler und Verlierer, die Lone Scherfigs Film bevölkern. Die lebenshungrige Friseuse Karen (Ann Eleonora Jorgensen) ist gezeichnet vom langjährigen Kampf mit ihrer schwer alkoholabhängigen Mutter, die verschüchterte Olympia (Anette Stovelbaek) lässt infolge einer seltsamen motorischen Störung alles fallen, was sie in der Hand hält, und der liebenswert-unbeholfene Hotelportier Jorgen Mortensen (Peter Gantzler) wird von seinem Chef überraschend dazu verdonnert, seinen besten Freund Hal-Finn (Lars Kaalund), den raubeinigen Betreiber der örtlichen Fußballkneipe, zu feuern.

Hilflos und verwirrt: Pastor Andreas hat ausnahmsweise einmal Besuch in seiner Kirche
Kinowelt

Hilflos und verwirrt: Pastor Andreas hat ausnahmsweise einmal Besuch in seiner Kirche

Mit großer Ruhe und weit entfernt vom Dogma-typischen Handkamera-Schwenk-Karussel geht Lone Scherfig ganz nah an ihre Schauspieler heran. Der Film spielt sich auf den Gesichtern der Protagonisten ab, Gesichter, die ungeschminkt sind und in denen Nikotin und Bitterkeit bereits tiefe Spuren hinterlassen haben. "Ich zeige die typischen schüchternen Skandinavier und behaupte nicht, dass jeder in seinem Leben glücklich sein kann", sagt die Regisseurin über ihren Film. "Das gilt hier nur für diese sechs."

Doch auch das mag man irgendwann nicht mehr glauben. Hilflos und verwirrt stolpern die Protagonisten aneinander vorbei - und als Lehrer Marcello auch noch von einem Herzinfarkt dahingerafft wird, scheint jede Hoffnung zu schwinden, dass auch nur eines der drei potenziellen Paare je zueinander finden wird.

Dennoch ist das Prinzip Hoffnung das einzige Dogma, an dem Lone Scherfig strikt festhält. Die anderen "Zehn Gebote" des filmischen Keuschheitsgelübdes "Dogma 95" (nur Handkameras, kein künstliches Licht, keine Filmmusik) befolgt die Regisseurin keineswegs sklavisch. So ist es sicher kein Zufall, wenn im Krankenhaus, wo Karen ihrer todkranken Mutter die Windeln wechselt, im Hintergrund leise die große Hoffnungs-Arie aus "Madama Butterfly" erklingt - "Un bel dì vedremo" ("Eines schönes Tages werden wir sehen...")

Die typischen schüchternen Skandinavier: Jorgen Mortensen (Peter Gantzler, r.) und Hal-Finn (Lars Kaalund)
Internationale Filmfestspiele Berlin

Die typischen schüchternen Skandinavier: Jorgen Mortensen (Peter Gantzler, r.) und Hal-Finn (Lars Kaalund)

Auf angenehm unaufdringliche, fast schon beiläufige Weise zeigt die Regisseurin, wie nahe Verzweiflung und Glück beieinander liegen können. Bis das Grüppchen schließlich über die Kanäle von Venedig schaukeln darf, müssen erst drei Menschen sterben, einige Lebenslügen aufgegeben werden und viele italienische Sätze auswendig gelernt werden.

Doch wenn der schüchterne Jorgen Mortensen sich endlich traut, seiner Angebeteten - der einzigen Frau im ganzen Film, die tatsächlich nur italienisch spricht - einen Heiratsantrag zu machen, bringt er die Worte nur auf Dänisch über die Lippen. Sie versteht ihn trotzdem.

"Italienisch für Anfänger" (Italiensk for Begyndere). Dänemark 2000. Regie und Buch: Lone Schefig. Darsteller: Anders Berthelsen, Peter Gantzler, Lars Kaalund, Ann Eleonora Jorgensen, Anette Stovelbaek. Produktion: Ib Tardini; Verleih: Kinowelt. Länge: 108 Minuten; Start: 17. Januar 2002.



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