Thriller "Enemy" Mein Feind, das Spiegelbild

Ich und ich: Ein Professor erkennt in einem Schauspieler seinen Doppelgänger. Wie getrieben sucht er dessen Nähe. Mit "Enemy" feiert Denis Villeneuve ein schizophrenes Ringen um Identitäten - und um den Verstand.


Thriller können Spannung auf vielerlei Weise erzeugen. Etwa mittels unerwarteter Handlungswendungen, einer rasanten Eskalation der Ereignisse, oder - das beliebte Stichwort Suspense - durch ein Mehrwissen des Publikums bei gleichzeitiger Ahnungslosigkeit der Figuren. Ab und an gibt es jedoch Filme, die zunächst den etablierten Konventionen zu folgen scheinen - um sich im entscheidenden Moment Genregesetzen zu entziehen.

"Enemy" ist so ein Film, denn der frankokanadische Regisseur Denis Villeneuve folgt in seiner sehr freien Adaption von José Saramagos Roman "Der Doppelgänger" eigenen Regeln. Für Zuschauer mit besonders festgefügten Erwartungshaltungen mag das frustrierend sein. Wer sich hingegen auf Villeneuves forderndes wie faszinierendes Vexierspiel einlässt, wird mit einer lange nachhallenden Kinoerfahrung belohnt. Und ja, spannend ist sie außerdem.

Dies auch, weil "Enemy" unmittelbar vor Villeneuves zuletzt unisono gefeiertem Entführungsdrama "Prisoners" entstand. Chronologisch ist "Enemy" somit Villeneuves erster englischsprachiger Film, vor allem aber seine erste Zusammenarbeit mit dem späteren "Prisoners"-Hauptdarsteller Jake Gyllenhaal. Hier haben sich Regisseur und Schauspieler wirklich gefunden. Zumal sich Gyllenhaals intensive Darstellung des verschlossenen Polizisten Loki in "Prisoners" noch mal aufregend neu betrachten lässt, wenn man sein doppeltes Spiel in "Enemy" gesehen hat.

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Doppelgänger-Thriller: Alter Ego zwischen Häuserschluchten

Zunächst tritt er als Geschichtsprofessor Adam Bell auf. Der driftet in Toronto fast somnambul durch einen Alltag aus Vorlesungen und wortkargen Beischlaftreffen mit seiner Freundin Mary (Mélanie Laurent). Die monotone Lebensschleife reißt jedoch, als Adam in einem Spielfilm sich selbst zu entdecken glaubt. Oder aber einen Mann, der ihm vollkommen gleicht.

Existenzielles Ringen um Verstand und Identität

Unweigerlich auf das Ebenbild fixiert, ermittelt Adam den Namen und Wohnort des Schauspielers. Wie er erfährt, lebt Daniel Saint Claire alias Anthony Claire nicht einmal weit entfernt zusammen mit seiner schwangeren Frau Helen (Sarah Gadon). Getrieben sucht Adam die Nähe zu dem unheimlich bekannten Fremden, erst per Telefon, dann in einer persönlichen Begegnung. Ein fatales Verlangen, denn im Augenblick, da die beiden Männer der Existenz des jeweils anderen gewahr werden, beginnt ihr existenzielles Ringen um Verstand und Identität.

"Chaos is order yet undeciphered": Die These, dass Chaos nichts anderes als eine noch nicht entschlüsselte Ordnung ist, stellt Denis Villeneuve diesem suggestiven und mit beklemmender Präzision abgezirkelten Albtraum voran. Ohne vulgärpsychologische Allgemeinplätze mitzuliefern, lässt der Film sexuelle Obsessionen, narzisstische Ängste und quälende Selbstzweifel seiner Figur(en) erahnen. Dabei überschreitet er eine Grenze zwischen dräuender Wirklichkeit und surrealer Phantasmagorie.

Dazu gehört auch das Leitmotiv der Spinne, die Adam in wechselnder und immer monströser werdender Gestalt verfolgt, und die nicht von ungefähr an die berühmte "Maman"-Skulptur von Louise Bourgeois erinnert. Sie thront in dem Netz aus Verunsicherung und trügerischer Wahrnehmung - aus dem es auch nach der verblüffend schlüssigen Auflösung des Rätsels um den Doppelgänger kein Entkommen gibt.

Die Traumata seiner Generation

Nun, einfach hatten es die Protagonisten in den Filmen von Denis Villeneuve noch nie. "Villeneuves Arbeiten suchen stets nach gangbaren Wegen durch die Verwerfungen, Leiden und Schrecken des 21. Jahrhunderts", schrieb der Filmwissenschaftler Tom McSorley 2011 in einem Essay über das zeitgenössische kanadische Kino, und charakterisierte den Regisseur weiter mit den Worten: "Kein Filmemacher hat sich so intelligent und formal gewagt mit den Widersprüchen und Traumata seiner Generation auseinandergesetzt."

Vom traumwandlerisch sicheren Debüt "Un 32 août sur terre" ("Der 32. August auf Erden", 1998) über die wundervolle Parabel "Maelstrom"(2000) bis hin zu dem zutiefst erschütternden Oscar-nominierten Film "Incendies" ("Die Frau die singt", 2010) hat Villeneuves Karriere einen beeindruckenden Verlauf genommen. Dass er nach dem Erfolg von "Prisoners" demnächst mit Emily Blunt den Thriller "Sicario" drehen soll, ist natürlich ein erfreulicher Beleg für die Anerkennung, die Villeneuve nun auch in Hollywood erfährt.

Gleichwohl macht diese Entwicklung "Enemy" aus einem weiteren Grund besonders sehenswert, zeigt die Independent-Produktion doch Villeneuve noch einmal als dezidiert kanadischen Filmemacher mit all seiner Imaginationskraft.

So sahen Torontos Hochhausfassaden seit David Cronenbergs frühen Filmen nicht ähnlich bedrohlich aus wie hier, und das unwirtliche Glas- und Betonlabyrinth der Stadt ist ebenso verheert wie die Seelenlandschaften der Protagonisten. Kein Platz für Menschen, aber für fesselndes Kino. Und ein Ort, an dem am Ende nur der Feind vertraut ist.



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