James Camerons "Avatar" Winnetou erlebt sein blaues Wunder

Das ist ein programmierter Blockbuster: James Camerons 3-D-Spektakel "Avatar", der teuerste Film der Kinogeschichte, ist ein Triumph der Technik und visuell beeindruckend. Den Plot aber hat der "Titanic"-Regisseur bei Karl May geklaut. Es wimmelt von edlen Wilden, bösen Kapitalisten und betörender Natur.
James Camerons "Avatar": Winnetou erlebt sein blaues Wunder

James Camerons "Avatar": Winnetou erlebt sein blaues Wunder

Foto: 20th Century Fox

Den Begriff "Indianer" darf man ja eigentlich nicht mehr verwenden. Zur Charakterisierung eines fast verschwundenen Genres aber ist er unentbehrlich. Und damit auch zur Beschreibung von James Camerons mit viel PR-Donner angekündigtem Weihnachts-Blockbuster - denn "Avatar" ist ein Indianerfilm.

Kein Western, denn in denen spielen immer die Männer mit den Hüten und den Revolvern die Hauptrolle. Sondern ein Indianerfilm, mit edlen, zutiefst naturverbundenen Wilden, schönen, unbeugsamen Squaws, stolzen Häuptlingen, weisen Schamaninnen, treuen Tieren, Pfeil und Bogen.

Nur dass die Indianer hier drei Meter groß und hellblau sind. Manche ihrer Reittiere können fliegen, und ihre Jagdgründe leuchten nachts wie ein belebtes Tiefsee-Riff in 3D.

"Avatar", Camerons erster Film seit seinem Rekorde brechenden Untergangsabenteuer "Titanic" (1997), sieht imposant aus, doch er ist von der erzählerischen Schlichtheit eines Karl-May-Films. Es gibt den skrupellosen Geschäftsmann, dem die schöne Natur egal ist (Giovanni Ribisi), seinen vorschriftsmäßig vernarbten Chefsöldner (Stephen Lang) und eine sturköpfige Dame, die lieber mit den Ureinwohnern reden will, als sie zu töten (Sigourney Weaver). Tatsächlich deckt sich der Plot über weite Strecken mit dem von "Winnetou I" . Nur dass es hier nicht um eine Eisenbahnstrecke durch die Jagdgründe der Apachen geht, sondern um einen wertvollen Rohstoffvorrat, auf dem unglücklicherweise der heilige Hausbaum eines Ureinwohnerstammes wächst.

Klettern, Bogenschießen, Drachenreiten mit dem USB-Zopf

Camerons Old Shatterhand heißt Jake Sully (Sam Worthington) und sitzt im Rollstuhl. Der Ex-Marine wird auf den fernen Planeten Pandora geflogen, um dort mit seinem Geist einen eigens gezüchteten Drei-Meter-Indianerkörper zu bemannen - den "Avatar" eben. Der Begriff ist ein Sanskrit-Wort und bezeichnet die fleischlichen Inkarnationen von Göttern. Als solche fühlen sich auch die Menschen auf Pandora, schließlich kommen sie in Raumschiffen aus dem All, die Ureinwohner aber laufen halbnackt herum und jagen noch mit Pfeil und Bogen. Eigentlich wollen die Menschen gar nicht verhandeln, aber ein bisschen kosmetische Diplomatie muss eben sein, aus PR-Gründen.

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James Cameron: Technologische Entwicklung vorantreiben

Foto: 20th Century Fox

Jake Sully ist für den Job des Avatar-Jockeys eigentlich zweite Wahl, er springt für seinen verstorbenen Zwillingsbruder ein. Der war Wissenschaftler und hätte viel mehr über Pandoras teils lebensgefährliche Flora und Fauna gewusst. Dafür weiß Jake, wie man kämpft, auch wenn die Beine seines Originalkörpers nicht mehr mitmachen. Natürlich erweist sich gerade dieser Umstand als Glücksfall. Denn natürlich muss in einem Indianerfilm weniger geforscht als gekämpft werden. Auch wenn sich Sully, wie Old Shatterhand, schließlich auf die Seite der Wilden schlägt. Nicht zuletzt deshalb weil er sich wie Old Shatterhand in eine von ihnen verliebt.

Zuvor aber muss er das Klettern und das Bogenschießen lernen und ein Wildpferd, pardon, einen wilden Drachen zureiten. Am Ende des 161 Minuten langen Mammutwerkes steht erwartungsgemäß eine gewaltige Schlacht, kombiniert mit ein paar videospielgerechten Bossfights: Drache gegen Kampfhubschrauber, Urwald-Monster gegen Battle-Mech. Weil die Na'vi genannten Ureinwohner von Pandora sich mit einer Art USB-Zopf an die Tiere ihrer Welt ankoppeln können, werden auch die gewissermaßen zu Kampfmaschinen, sobald ein wütender blauer Wilder im Sattel sitzt.

All das versprach auch eine gute Spielumsetzung, das Videogame zum Film wurde als neuer Schritt in Richtung einer umfassenden, konvergenten Medienerfahrung gepriesen - aber es ist eine Enttäuschung. Es sieht nicht einmal besonders gut aus.

Zugekleistert mit einem Ethnoschmalzsoundtrack

Der Film dagegen ist optisch so beeindruckend wie kitschig. Camerons Computerkönner haben fliegende Felslandschaften, phantastische Tierarten und einen verzauberten, unterseeisch anmutenden Urwald geschaffen, komplett mit schwebenden Leuchtlebewesen und fluoreszierendem Moos.

Weniger gelungen sind die Na'vi selbst: Ihre Gesichtszüge wirken immer ein bisschen wie gelähmt, sie haben die gleiche Botox-Mimik wie alternde Hollywoodstars. Das wiederum passt zur Tiefe der Charakterzeichnung: Menschen und Alien-Indianer sind in diesem Film samt und sonders Pappkameraden ohne jede Tiefe. Einzig Sigourney Weaver gelingt es, die Rolle der streitbaren Wissenschaftlerin Grace mit so etwas wie Persönlichkeit auszustatten, und Zoe Saldana als Jakes Herzdame Neytiri schafft es mit viel offenkundiger Anstrengung, wenigstens ein bisschen Emotion durch die blaue Digitalmaske zu schmuggeln.

Aber darum geht es hier auch gar nicht. In "Avatar" ist der Plot stets nur eine Ausrede fürs nächste Spektakel, der Film ist letztlich als Jahrmarktsattraktion ausgelegt. Das ist zwischenzeitlich oft kurzweilig, am Ende aber einfach maßlos. Weil sich jede einzelne Wendung der Geschichte lange vorher absehen lässt, weil schon nach 20 Minuten klar ist, wie das Happy End wohl aussehen wird. Und weil Cameron, der das Drehbuch schrieb, die speziellen Kameras entwickelte und mitproduzierte, gerade zu dem Zeitpunkt, an dem man beginnt, die Geduld zu verlieren, den Öko-Kitsch noch einmal voll aufdreht: mit blauen Volksmassen, die sich vor der großen Schlacht im Takt eines allgegenwärtigen Ethnoschmalzsoundtracks hin- und herwiegen und der kein bisschen aufrüttelnden Ansprache ihres konvertierten Menschen-Führers lauschen. Eines retardierenden Momentes hätte diese ohnehin schon reichlich retardierte Geschichte nicht bedurft.

Am Ende aber, wenn gepanzerte Leiber in luftiger Höhe auf gepanzerte Flugmaschinen treffen, wenn es knallt und rumpelt und man jeden Aufprall durch den Kinositz spüren kann, ist man doch froh, bis zum Schluss geblieben zu sein, allein um der grandiosen Show willen, die James Cameron mit "Avatar" abliefert.

Wie viel der Film genau gekostet hat, verrät der Regisseur nicht, aber es waren wohl mindestens 250 bis 300 Millionen Dollar - Weltrekord, was sonst? 15 Jahre hat er daran gearbeitet. "Avatar" ist die teuerste, aufwendigste Achterbahn der Weltgeschichte - gepaart mit ein bisschen Winnetou.