Terrorfilm "Wintermärchen" "Es geht nicht darum zu hassen"

Jan Bonnys "Wintermärchen" ist ein radikaler Gegenentwurf zu konventionellen Filmerzählungen über Rechtsextremismus. Warum er damit nicht den NSU erklären will und was Gewalt mit Narzissmus zu tun hat, sagt er hier.

W-film/ Heimatfilm

Ein Interview von Sven von Reden


Zur Person
  • EPA/ EFE
    Jan Bonny, geboren 1979 in Düsseldorf, hat Regie an der Kunsthochschule für Medien in Köln studiert. Sein Debütfilm "Gegenüber" lief 2007 in Cannes und wurde für den Europäischen Filmpreis nominiert. Seitdem dreht er vor allem fürs Fernsehen (u.a. "Polizeiruf 110: Der Tod macht Engel aus uns allen", "Über Barbarossaplatz"). Zudem stammt das prämierte Video zu Olli Schulz'"Boogieman" von Bonny. Sein zweiter Kinofilm "Wintermärchen" lief 2018 im Wettbewerb von Locarno und sorgte dort aufgrund seiner schonungslosen Darstellung von Gewalt und Sex in einer rechten Terrorgruppe für Diskussionen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bonny, Ihr Film "Wintermärchen" handelt von einer rechten Terrorzelle, die wahllos Migranten ermordet. Die Idee soll Ihnen bei einem Besuch des NSU-Prozesses in München gekommen sein. Wie hatte dieses Ereignis Einfluss auf das Drehbuch?

Bonny: Ich wollte mich rechten Terroristen erzählerisch annähern, weil sie zugespitzter Ausdruck unserer problematischen gesellschaftlichen Gegenwart sind. In diesem Kontext fanden meine Produzentin Bettina Brokemper, mein Co-Autor Jan Eichberg und ich Täterfiguren interessant, aber mir fehlte ein Zugang, der nicht in erster Linie einhegend oder didaktisch ist. Ich will mich nicht als Erklärer von außen dem "Fremden" annähere. Als ich beim NSU-Prozess war, fiel mir auf, dass die Geschichte auch ein Beziehungsdrama ist und dass das einen Zugang bietet zu solchen Figuren. Dazu kann ich mich verhalten, weil ich auf einem Gelände bin, das ich kenne. So kann ich den Zuschauer mitnehmen in Situationen, die er normalerweise von vornherein von sich weisen würde. Dann habe ich diese Konstellation anders belebt. Das ist eben nicht der NSU. Ich kann ja nicht den NSU erklären.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Film besteht die Zelle aus einer Frau und zwei Männern, die auch erotisch verwickelt sind. Die Parallelen zu Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sind evident. Man könnte meinen, dass Sie sich der Auseinandersetzung mit diesem realen Fall nicht stellen.

Bonny: In dieser Kritik steckt die an sich verständliche Hoffnung, Filme zu bekommen, die einem die Welt erläutern. Bei "Wintermärchen" geht es aber um einen Zugang zu fiktionalen Figuren und ihrer Binnendynamik, zu einer sehr subjektiven und eingeschränkten Sicht. Im besten Fall zu einem Erlebnis, das einem als Zuschauer dann eine andere Auseinandersetzung mit der Welt möglich macht, auch mit den Figuren des NSU und den komplexen Verflechtungen, die ihn möglich gemacht haben.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie linke und rechte Gewalt unterscheiden?

Bonny: Natürlich, aber in der Frage steckt auch die Idee, dass es eine bessere und schlechtere Gewalt geben kann. Die gibt es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Kann man nicht zwischen Gewalt mit emanzipatorischen und mit rassistischen Zielen unterscheiden?

Bonny: Ich glaube, dass in "Wintermärchen" und in vielen vergleichbaren realen Fällen Narzissmus und Ich-Bezogenheit die zentralen Motive sind: sich selbst Geltung zu verschaffen durch Gewalt, sich sichtbar zu machen - um jeden Preis. Das ist total narzisstisch. Und das verbindet linke, rechte und religiös motivierte Gewalt. Oft wird viel Aufwand getrieben, dem Ganzen höheren Sinn angedeihen zu lassen, aber der Kern ist häufig banal.

SPIEGEL ONLINE: "Wintermärchen" irritiert nicht zuletzt deshalb, weil Ihre Protagonisten sich fast nie politisch äußern.

Bonny: Die Figuren haben natürlich ein größeres Leben als das, was wir sehen. Und ihre Taten und Morde sind eindeutig politisch. Aber mich interessiert an den Figuren ihre monströse Banalität, ich finde sie erschreckend. Ich muss nicht sehen, wie die sich abends noch mit ihrem Heidegger-Bändchen zurückziehen und sich gegenseitig dazu gratulieren, sich in einem größeren gesellschaftlich-historischen Kontext etabliert zu haben. Bei Filmen über linke Täter gibt es eine Tradition der beinahe schon philosophischen Reflexion der Figuren über sich selbst und ihr Milieu. Aber das führt nur zu einer Überhöhung und damit zu einer Distanzierung. Die Figuren werden zu etwas Besonderem.

SPIEGEL ONLINE: Müssen die Täter ihre Taten nicht vor sich selber rechtfertigen, sich selber nobilitieren?

Bonny: Der Film arbeitet bewusst mit großen Leestellen, bei denen der Zuschauer gefordert ist, sie auszufüllen. Es tauchen ja auch einfach Figuren auf und verschwinden wieder. Wir sind gewohnt, völlig geschlossene, kausale Gebilde im Kino präsentiert zu bekommen - damit bricht "Wintermärchen". Es ist eine verrückte Hoffnung, die man als Zuschauer hat, dass bei Menschen, die so brutal, banal und kaputt sind, eine höhere Form der Reflexion stattfindet.

SPIEGEL ONLINE: Noch einmal nachgehakt: Bedeutet es nicht eine Verharmlosung der Figuren, wenn man ihr Handeln vor allem auf ihren Narzissmus zurückführt?

Bonny: Das macht der Film nicht. Jedes Ende einer Diskussion wäre verharmlosend, aber der Film öffnet ja den Raum für eine Diskussion. Wenn man sagt, man darf nur dann einen Film über rechte Figuren machen, wenn man gleichzeitig einen Vorschlag macht, wie man das Problem löst, kann man es sofort bleiben lassen. Mit dem Begriff Rechtsextremismus gibt es vielleicht auch folgendes Problem: Ganz lange ist etwas in Ordnung, dann wird es extrem, und das ist dann fremd. Das ist das "Andere", mit dem wir nichts zu tun haben wollen. Es gibt die Sehnsucht, dass Figuren mindestens eine Hakenkreuzfahne im Wohnzimmer hängen haben müssen, damit sie eindeutig anders sind als wir. Aber im Film sind die Figuren gar nicht so fremd, sondern banal und nah - und das macht das Widerliche aus.

SPIEGEL ONLINE: Beeindruckend ist, wie der Film einen gefangen nimmt. Man will nicht hingucken, kann aber auch nicht weggucken.

Bonny: Man ist mit Figuren zusammen, die man ablehnt. Dennoch kann man ihnen auf der Ebene der Beziehungsdynamik folgen. Es wird Momente geben, in denen man vielleicht mit einer Figur Mitleid hat - und wird das kurz darauf wieder vollkommen von sich weisen. Auch ein rechter Zuschauer wird die Figuren erbärmlich finden. Weil das erbärmliche Leben sind. Außerdem ist "Wintermärchen" als physischer Film angelegt, es ist eine Körpererzählung - auch deswegen hält es einen drin.

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"Wintermärchen": Endlich morden

SPIEGEL ONLINE: Kann man sagen, der Film hasst zurück?

Bonny: Es geht mir nicht darum zu hassen. Aber der Film ist Ausdruck meiner Wut, auch der Wut meiner Produzentin. Daher ist er auch ungezügelt. Man macht Filme immer aus Ärger, aus Liebe, aus Wut. Hier geht es uns um weitere Kreise, um größere Phänomene, etwa um den städtischen Raum als Ausdruck unserer Gesellschaft, in der sich die Figuren bewegen. Die Beschissenheit des öffentlichen Raums ist ja ursächlich verbunden mit ihrer Armseligkeit.

SPIEGEL ONLINE: "Wintermärchen" sticht aus dem Gros deutscher Produktionen heraus, weil er nicht den üblichen "mittleren Realismus" bedient, der sich weder traut, wirklich realistisch zu sein, noch wirklich unrealistisch.

Bonny: Ich bedaure sehr, dass in Deutschland alles auf eine Art Fernsehrealismus hinausläuft. Alles ist gewöhnlich so sauber, nie soll etwas kollidieren. "Wintermärchen" arbeitet mit Physis, dadurch hat er vielleicht einen anderen Ton. Es geht mehr ums Erleben als ums Gezeigt-bekommen. Im deutschen Film gilt hingegen, dass man immer alles korrekt machen muss - als ob es einen Preis dafür gäbe, ein geschlossenes Produkt abzuliefern.

SPIEGEL ONLINE: Es ist eine Ästhetik der Angst.

Bonny: Ja, weil es um Fehlermeidung geht. Da würde ich mich ja gar nicht ausschließen: Ganz oft geht es darum, Fehler zu vermeiden. Das ist aber lähmend. Das muss man immer wieder versuchen zu durchbrechen. Sonst passiert nichts. In der Beziehung ist der Unterschied zwischen Kino und Fernsehen und Streaming auch gar nicht so groß. Im Fernsehen arbeitet man natürlich oft in einem erzählerisch engeren Rahmen. Aber das ist nicht immer schlimm, man kann ja gegen ihn arbeiten. Das geht im Fernsehen durchaus auch mal. Im Kino ist es nicht unbedingt einfacher.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie dann nicht versucht, Fernsehgelder für "Wintermärchen" zu bekommen?

Bonny: Das hätte viel zu lange gedauert. Der Film lebt im Guten wie im Schlechten von einem hohen Tempo auch in der Herstellung. Zwischen der Entscheidung, das Drehbuch zu schreiben, und dem fertigen Film hat es nur anderthalb Jahre gedauert. Schon die Diskussionen in einer Senderredaktion hätte den Film verändert, weil dann der Impuls verpufft wäre. Das wollten wir nicht. Wir wollten schnell sein. Damit ist der Film auch viel mehr ein emotionaler Ausdruck, viel mehr, als wenn wir fünf Jahre damit verbracht hätten.

Im Video: Filmtrailer zu "Wintermärchen"

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insgesamt 2 Beiträge
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Kampfgeist 21.03.2019
1. Banal
Klingt wie der banale hiesige Sozialpädagogismus, der in diesem Genre üblich ist. Und deswegen hat es der deutsche Film schwer, im internationalen Kontext. Entweder schlechter Amiklon mit Theatersprech oder verbissener Erziehungswunsch. Beides am Zuschauer vorbei.
Leser161 21.03.2019
2. Wow
Da hat sich jemand (der Herr Bonny) Gedanken gemacht die viel weiter gehen als die üblichen einfachen Erklärungen. Ein Lob auch an SPON, nur durch die kritischen Nachfragen hatte Herr Bonny die Möglichkeit seine Gedanken hier so detailliert darzustellen.
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