"Jarhead"-Regisseur Mendes "Es gab zu viel Testosteron"

Ausgerechnet ein Brite ist der zurzeit gnadenloseste Analyst der amerikanischen Seele: "Jarhead"-Regisseur Sam Mendes sprach mit SPIEGEL ONLINE über die Dreharbeiten in der Wüste, das schwierige Genre des Kriegsfilms und die Renaissance des Polit-Thrillers.

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Mendes, was soll Ihr Film über das aktuelle US-Engagement im Irak aussagen?

Mendes: Wenn "Jarhead" eine direkte Aussagekraft zum Irak-Krieg unter George Bush beigemessen wird, war das nicht so von mir vorgesehen. Ich sehe den Wert des Films eher darin, dass gezeigt wird, wieso es Menschen immer wieder in den Krieg zieht. Ich habe keinen klassischen Kriegsfilm gedreht mit Kampfszenen, pompösen Materialschlachten, einer Katharsis und einer wichtigen Botschaft zum Finale. Was mich gereizt hat an Anthony Swoffords Buchvorlage, war die Frage, was Männer am Krieg so fasziniert, wie er ihnen beibringt zu töten und was mit ihnen geschieht, wenn sie dann nicht töten dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso haben Sie nicht persönlich Stellung zur aktuellen Situation im Irak bezogen?

Mendes: Das wäre für mich eine allzu eindeutige Sache gewesen. Ich hätte unmissverständlich dargelegt, wieso wir uns nicht in die Angelegenheiten des Iraks einmischen sollten und was noch alles schlecht läuft im Rahmen der US-Außenpolitik - das Porträt eines Desasters.

SPIEGEL ONLINE: Kein Mut zur eigenen Meinung?

Mendes: Ich halte es für ziemlich einfach, sich hinter einer Meinung zu verstecken. Deswegen wollte ich keine Polemik wie Michael Moore drehen, die ohnehin von nur wenig Interesse und nach einem Jahr schon wieder vergessen wäre. Hätte ich Swoffords Buch auf diese Weise interpretiert, hätte ich Verrat begangen. Er beschreibt einen Marine, der die Marines hasst, gleichzeitig aber weiß, dass sein Job ihm bei der Selbsterkenntnis und dem Verstehen der Welt geholfen hat. An meinen Film soll man sich noch in 20 Jahren erinnern.

SPIEGEL ONLINE: Wie an "Apocalypse Now" zum Beispiel?

Mendes: In meinem Film gibt es einige Reminiszenzen an große Vorbilder wie "Apocalypse Now", "Full Metal Jacket" oder "Die durch die Hölle gehen". Ich bin aber weit davon entfernt, mich auf ein Podest mit diesen Klassikern zu stellen. Ich halte es für bezeichnend, dass all diese Filme zu der Zeit, als sie ins Kino kamen, verschmäht wurden. Die Kritiker jener Zeit, vor allem die amerikanischen, bezeichneten "Apocalypse Now" als schlimmen Fehler, doch heute ist der Film für mich einer der wichtigsten und wahrhaftigsten Kommentare über den Vietnam-Krieg, gerade weil er den Zuschauer am Ende mit einem großen Fragezeichen allein lässt.

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Jarhead: Warten in der Wüste

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SPIEGEL ONLINE: Neben "Jarhead" laufen in den USA eine ganze Reihe politischer Dramen im Kino, darunter "Syriana", "Good Night, And Good Luck" oder Steven Spielbergs "Munich" - gibt es wieder einen Markt für Politfilme?

Mendes: Eine Auswirkung der öffentlichen Kontroverse über die außenpolitische Vorgehensweise der Bush-Regierung ist tatsächlich, dass Politik wieder Einzug in den Mainstream gefunden hat. Die Leute zeigen wieder Interesse an den politischen Entscheidungen und bilden sich eigene Meinungen. Eine positive Auswirkung ist auch, dass Politfilme wie "Der ewige Gärtner" oder eben auch "Jarhead" produziert werden können und Erfolge an der Kinokasse feiern. Das sind keine Arthouse-Filme, sondern Blockbuster von Spielberg-Format. Und die kosten Geld.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie "Jarhead" als Anti-Kriegsfilm bezeichnen?

Mendes: Es ist sehr schwierig für einen Film, in diese Schublade zu passen, wenn es keine Schlachtsequenzen gibt, die vom Schrecken des Krieges zeugen. Wie kann man also sonst die Zwecklosigkeit und Unsinnigkeit des Krieges möglichst deutlich hervorkehren? Ich habe versucht, dies mit dem Charakter-Porträt Swoffords hinzubekommen. Natürlich ist es ein Anti-Kriegsfilm, wobei ich eigentlich noch nie einen guten Pro-Kriegsfilm zu Gesicht bekommen habe. Wie soll man glaubhaft darstellen, dass man im Krieg erleuchtet wird oder eine positive Erfahrung macht, die nirgendwo anders möglich wäre?

SPIEGEL ONLINE: Sie sollen Probleme mit Francis Ford Coppola wegen der Verwendung von Ausschnitten aus "Apocalypse Now" gehabt haben. Was hatte er dagegen einzuwenden?

Mendes: Coppola war sehr zurückhaltend, weil Swofford im Buch sagt, es gebe keine Anti-Kriegsfilme, weil schon in dem Moment, in dem man eine Kampfszene oder nur einen einzigen Marine sieht, sich der Zuschauer insgeheim freut, ihn anfeuert und auf Siege hofft. Coppola fürchtete also, dass sein Film als Pro-Kriegsfilm dargestellt und damit missverstanden werden könnte. Ich versicherte ihm aber, dass für die meisten Zuschauer die Ironie der Szene deutlich spürbar wäre, weil der größte Anti-Kriegsfilm aller Zeiten darin zum Anheizen der Marines benutzt wird.

SPIEGEL ONLINE: Hollywoods Materialschlachten in Filmen mit Militärthematik werden häufig vom US-Militär in Form von kostenloser Bereitstellung von Flugzeugträgern oder Panzern unterstützt. Haben Sie ähnliche Hilfe erhalten?

Mendes: Wir haben beim Pentagon angefragt, aber glücklicherweise traf ich dort auf einen intelligenten Menschen, der ganz offen mit uns war: Wenn eine Kooperation zustande käme, wären wir auf jeden Fall um die eine oder andere Anpassung des Drehbuchs gebeten worden. Das hätte dann kein Ende genommen, bis der Film nicht mehr wiederzuerkennen gewesen wäre. Sein Rat war also: Versucht es allein, dann habt ihr weit weniger Schwierigkeiten als mit uns. Am Ende war ich froh darüber. Ich mag keine Aufpasser am Set. Außerdem hätten sie doch gar nicht gewusst, wo sie anfangen sollen: Zum Beispiel dürfen Marines offiziell niemals fluchen. Sie kennen den Film; es hätte ewig gedauert, die Dialoge zu ändern.

SPIEGEL ONLINE: Was war der Preis für diesen Verzicht?

Mendes: Das Budget wuchs dadurch natürlich etwas. Aber der Eindruck, dass wir viel Geld für die Kriegsausrüstung zahlen mussten, täuscht. Wir hatten nur einen Panzer und zwei Hubschrauber, mit denen wir andauernd im Kreis herumkurvten. Dabei könnte man bei der Ankunft der Soldaten in Saudi-Arabien meinen, es flögen mindestens zehn Helikopter herum. Das war ziemlich surreal, hat aber funktioniert. So haben wir gelernt, mit dem auszukommen, was wir hatten. Es würde mir auch Angst machen, immer all das zu haben, was ich brauche.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwierig war es, die durchweg männlichen Darsteller bei den Dreharbeiten in der Wüste zu motivieren?

Mendes: Die Arbeit mit den Schauspielern war der wahre Kampf. Im Film geht es um einen Haufen Männer, die sechs Monate in der Wüste darauf warten, in den Kampf ziehen zu können. Wir waren ebenso lang in der Wüste, und die Darsteller verloren mit der Zeit jeden Sinn dafür, woran sie überhaupt teilnahmen. Wenn Männer zu lange unter sich sind, kann das nicht gut ausgehen. Es gab viele Kämpfe, zu viel Wettbewerb, zu viel Machtgehabe, zu viel Testosteron. Ich habe dagegen aber nichts unternommen, sondern nur versucht, die Stimmung für den Film einzufangen.

SPIEGEL ONLINE: Was kam dabei heraus?

Mendes: "Jarhead" ist mein erster Film, dessen szenische Spannung vollkommen auf der Basis von Improvisation und Spontaneität entstanden ist. Bei "Road to Perdition" hatte ich den kompletten Film schon vorher in meinem Kopf - Szene für Szene. Die Dreharbeiten haben sich dafür umso zäher und anstrengender hingezogen. Der Film wirkt daher etwas blutleer. Diesmal trat ich daher innerlich die Rückkehr ins Theater an, verzichtete auf Storyboards, nahm mir zwei Handkameras und improvisierte ständig mit den Darstellern. Im Grunde experimentiere ich immer noch sehr viel herum, wenn ich einen Film drehe. Schließlich bin ich noch ein Anfänger. Nur weil "American Beauty" gut lief und ich einige Erfolge am Theater hatte, weiß ich noch längst nicht, wie man einen guten Film dreht. Es zeigt nur, dass ich einen guten Instinkt habe.

SPIEGEL ONLINE: Dieser Instinkt scheint besonders gut bei der Analyse der US-amerikanischen Gesellschaft zu funktionieren - weil Sie als Brite eine auswärtige Perspektive haben?

Mendes: Ich habe einen klaren, objektiven Blick von diesem Land, der notwendig ist, um das Wesen der US-Gesellschaft zu ergründen. Leider besteht dabei die Gefahr einer gewissen Kaltherzigkeit. Ich würde mir oftmals wünschen, emotionaler in diese Betrachtung einsteigen zu können. Doch da fehlt mir als Ausländer in den USA das Wissen über den richtigen Zugang zum Herz dieser Gesellschaft. Ich kenne die Leute, die ich porträtiere, nicht gut genug. Deswegen werde ich wohl als nächstes etwas ganz Anderes machen: vielleicht Fantasy oder einen europäischen Film, etwas, das meinem Zuhause näher ist.

Das Interview führte Leif Kramp

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