Französischer Filmemacher Jean-Marie Straub ist gestorben

Seine Filme waren sperrig und anspruchsvoll, oft auch umstritten: Der französische Regisseur Jean-Marie Straub ist mit 89 Jahren gestorben.
Straub auf dem Filmfestival in Locarno 2017: Vielfach geehrt, oft umstritten

Straub auf dem Filmfestival in Locarno 2017: Vielfach geehrt, oft umstritten

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Urs Flueeler / dpa

Der französische Filmemacher Jean-Marie Straub ist am Sonntag im Alter von 89 Jahren in seiner Wahlheimat Rolle in der Schweiz gestorben. Das bestätigte Christophe Bolli vom nationalen Schweizer Filmarchiv Cinémathèque suisse. Straub galt in gewisser Hinsicht auch als Vater des neuen deutschen Films der Sechziger- und Siebzigerjahre. Fast alle Filme drehte er gemeinsam mit seiner 2006 verstorbenen Lebensgefährtin Danièle Huillet.

Straub wurde am 8. Januar 1933 in Metz geboren. Als junger Mann arbeitete er zunächst in einem Filmklub. Später ging er dann nach Paris, wo er mehrere der Nouvelle-Vague-Regisseure traf, darunter Jean-Luc Godard, Jacques Rivette, François Truffaut und Claude Chabrol. Im Jahr 1958 übersiedelte er nach Deutschland, um dem Militärdienst im Algerienkrieg zu entgehen.

Seine Markenzeichen als Regisseur waren Nonkonformismus, Minimalismus und Kargheit. Er und Huillet verzichteten auf professionelle Schauspieler, perfekte Rollenidentifikation und das große gestische Spiel der Darsteller. Stattdessen bevorzugten sie die Unverbrauchtheit von Laiendarstellern. Dadurch wirkten die Filme oft sperrig und schwerfällig, was ihnen den Vorwurf des Dilettantismus und der Emotionslosigkeit einbrachte. Sie setzten vorzugsweise literarische Vorlagen von Kafka, Böll, Malraux und Hölderlin um. Sie lehnten Kommerz und Konventionen ab, leisteten dem Mainstream-Kino, Hollywood und dem Starsystem Widerstand. Mit der »Chronik der Anna Magdalena Bach« von 1968, die Straub bereits zusammen mit Huillet drehte, gelang ihm einer seiner größten Erfolge.

Widmung an Holger Meins im Vorspann

Die beiden Böll-Adaptionen »Machorka-Muff« (1962) und »Nicht versöhnt oder Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht« (1965) – nach dem Roman »Billard um halbzehn« – ließen ihn zu einem Vorbild für den neuen deutschen Film werden, der Kritik an der Gesellschaft und der Politik übte und sich vom Unterhaltungsfilm abgrenzte.

Straub und Huillet drehten mehr als 50 Filme, von denen viele umstritten waren. Zu einer ersten großen Kontroverse kam es 1974 mit »Moses und Aron« nach der Oper von Arnold Schönberg, weil der Vorspann eine Widmung an den Kameramann und deutschen Terroristen Holger Meins enthielt.

Für einen Eklat sorgte das Paar bei den Filmfestspielen von Venedig im September 2006. Bei der Verleihung des Sonderpreises für »Erfindung filmischer Sprache in ihrem Werkganzen«, den Straub und Huillet für »Quei loro incontri« erhielten, las einer der Schauspieler in Vertretung des abwesenden Paars eine von Straub verfasste Botschaft vor, die schockierte. Solange es den amerikanischen, imperialistischen Kapitalismus gebe, könne es nie genug Terroristen in der Welt geben, hieß es darin.

fdi/dpa
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