Zum Tod von Jean-Paul Belmondo Der aufsässige Außenseiter

»Cartouche, der Bandit« machte ihn zu einem Superstar des Kinos der Sechzigerjahre. Seiner Rolle als sympathischer Draufgänger blieb Jean-Paul Belmondo während seiner ganzen Karriere treu.
Der junge Jean-Paul Belmondo – mit Zigarette als Markenzeichen

Der junge Jean-Paul Belmondo – mit Zigarette als Markenzeichen

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ddp images

Jean-Paul Belmondo gehörte zu den wenigen Schauspielern, die Heranwachsenden eine aufregende Idee davon geben konnten, was es bedeuten könnte, eines Tages ein Mann zu sein. Szene aller Szenen ist jene, in der Belmondo in »Außer Atem« ein Filmplakat mit Humphrey Bogart entdeckt, die Kippe aus dem Mund nimmt und sich mit dem Daumen über die vollen Lippen streicht: »Bogey«.

Selten ist ein Stabwechsel zwischen einem hergebrachten und einem modernen Männerbild so sehr auf den Punkt gebracht worden wie von Belmondo als Kleingangster in dieser Inkunabel der »Nouvelle Vague« – gedreht mit dynamischer Handkamera und einem Budget, das bei anderen Filmen der Zeit kaum für die Kostüme gereicht hätte.

»Außer Atem« von Jean-Luc Godard war der frühe Hit, auf dem der Ruhm des Schauspielers bis heute beruht. Der aufsässige Außenseiter, immer mit einem Bein im Gefängnis. Attraktiv, ohne im klassischen Sinne gut aussehend zu sein. Wenn es einen Großen gab, in dessen Fußspuren er trat, dann war das Jean Gabin. Und wenn es Große gab, denen er Fußspuren hinterließ, waren das Jack Nicholson oder Bruce Willis.

Verantwortlich dafür aber waren seine späteren Filme, »Cartouche, der Bandit«, »Die Millionen des Gehetzten« und, allen voran, »Abenteuer in Rio« – mit dem er sich als authentischer Actionstar etablierte, weil er seine Stunts selbst erledigte. Gegen diese gewaltigen Publikumserfolge wirkt »Außer Atem« wie ein Missverständnis.

Belmondo im Jahr 2016: Ein Naturtalent war er als Schauspieler nicht

Belmondo im Jahr 2016: Ein Naturtalent war er als Schauspieler nicht

Foto: Joel Saget/ AFP

Wegen seiner Physis wurde Belmondo von intellektuellen Regisseuren für die Rolle des »rebel without a cause« besetzt, wollte er selbst kein Intellektueller sein. Und das, obwohl es ihm gewissermaßen in die Wiege gelegt war. Als Sohn des Bildhauers Paul und der Tänzerin Madeleine Belmondo war es üblich, dass er Leute wie Albert Camus beim Abendessen traf. Früh weckte der Vater im Sohn das Interesse für Kultur. Und was machte der Sohn? Lernte Boxen, was ihm sein zerknautschtes Gesicht einbrachte.

Ein Naturtalent war er auch als Schauspieler nicht, er lernte das Handwerk am Pariser Konservatorium – nur um danach durch die Provinz zu tingeln. Er sah eben nicht aus, wie man auf der Leinwand als Mann aussehen musste. Erst kam Claude Chabrol (»Schritte ohne Spur«), wie Godard ein ehemaliger Filmkritiker bei den kritischen »Cahiers du cinéma«, dann, 1960: »Außer Atem«.

Anders als sein Weggefährte und ewiger Konkurrent Alain Delon blieb Belmondo nach ersten Erfolgen in Frankreich. Keine Ausflüge zu italienischen Filmkünstlern, kein echtes Interesse an Hollywood. Stattdessen prügelte, sprang, rannte und raste er durch einen Actionfilm nach dem anderen – und wurde dabei immer mehr zu dem Belmondo. Er konnte Komödie und Thriller, weich und hart. Er war der fröhliche Draufgänger, der faire Siegertyp.

Was er durch Handkantenschläge nicht kleinbekam, das bezirzte er mit seinem Charme. Ursula Andress, mit der er von 1966 bis 1974 zusammen war, erinnerte sich, dass sie Belmondo nach einem Streit einmal aussperrte. Der Mann kletterte die Fassade hoch und kam über den Kamin wieder herein, wie im Film.

Es dominierten Actionfilme in seiner Karriere

Sein großer Erfolg mit Abenteuerklamotten wie »Der Windhund«, »Ein irrer Typ« oder »Der Außenseiter« gerade beim deutschen Publikum war vor allem den anarchischen Dialogen von Rainer Brandt geschuldet, der als Synchronsprecher auch die Filme von Terence Hill und Bud Spencer zu den komödiantischen Meisterwerken machte, die sie im Original nie waren.

Echte Meisterwerke waren ohnehin die Ausnahme – wie etwa »Borsalino« (1970) oder der eher elegische Film »Stavisky« von 1974 (Alain Resnais), in dem Belmondo seinen Charme in den Dienst des Hochstaplers stellte, den er spielte. In seinem Terminkalender und im Kino dominierten Actionfilme mit Belmondo als sportlichem Filou, mal dies-, mal jenseits des Gesetzes.

Der Erfolg des Publikumslieblings spiegelte sich längst in den Zuschauerzahlen. Mit dem Agententhriller »Der Profi« konnte er 1981 einen seiner größten kommerziellen Triumphe feiern. Da ging er aber schon auf die 50 zu und sollte allmählich, ähnlich wie Sean Connery, in der einen Rolle ein wenig fehlbesetzt wirken. Eine Stuntverletzung am Kopf setzte dem draufgängerischen Teil seiner Karriere bald darauf, mit 52 Jahren, ein Ende. »Ich hing schon über fast allen europäischen Städten am Helikopter«, sagte er 1989, nun wolle er wieder »andere Filme« machen. Und auf die Bühne.

Belmondo bei der Verleihung des französischen Filmpreises »César« im Jahr 2017

Belmondo bei der Verleihung des französischen Filmpreises »César« im Jahr 2017

Foto: Thibault Camus/ AP

Tatsächlich kaufte er ein altes Theater in Paris, möbelte es auf – und triumphierte dort unter anderem als »Cyrano de Bergerac«. Wieder Theater, wie ganz am Anfang, nur diesmal ganz oben. Als er 1989 für seine Altersrolle im Aussteigerdrama »Der Löwe« mit dem begehrten Filmpreis César ausgezeichnet werden soll, bleibt Belmondo der Verleihung fern – weil der Künstler der Skulptur sich abfällig über die Kunst seines Vaters geäußert hatte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Star bereits mehr erworben als nur eine Anerkennung der Branche: die ehrfürchtige Zuneigung eines Publikums, das ihn nicht mehr Belmondo nennt, sondern liebevoll »Bébel«.

2001 erleidet er auf Korsika einen schweren Schlaganfall, von dem er sich nur langsam erholt. Die Folgen sind noch 2008 sichtbar, als er in »Ein Mann und sein Hund« ein letztes Mal vor der Kamera steht.

Im Spätherbst seines Lebens widmete er sich wieder dessen Frühling – und richtete seinem Vater, Paul Belmondo, ein eigenes Museum ein, gefüllt mit Kunstwerken aus dessen Nachlass. In der Öffentlichkeit zeigte sich der Mann, den Quentin Tarantino einen »Gott« nannte, nur noch sehr selten. Wenn er es doch einmal tat, wie bei der Beerdigung des befreundeten Komikers Guy Bedos, wurde er gefeiert wie eine überirdische Erscheinung.

Am Montag ist Jean-Paul Belmondo gestorben. Er wurde 88 Jahre alt.

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