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"Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer": Und Gabalier knödelt

Foto: Warner Bros.

"Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" Lummerland ist abgebrannt

Den Faden verloren: "Jim Knopf" führt das Erbe des Marionettenklassikers nicht würdig fort, sondern sieht aus wie die x-te Fortsetzung von "Fluch der Karibik": effektreich, aber fantasiefrei.

Manche Ohrwürmer sind hartnäckiger als andere. Sie verhaken sich dermaßen fest im Hirn, dass keine Gegenmaßnahme (anderes Lied singen, lautes Selbstgespräch) hilft. Das ist jetzt hart, aber hier ist einer dieser Songs. Die ersten fünf Wörter der ersten Strophe sollten genügen: "Eine Insel mit zwei Bergen...". Na, läuft die Platte schon?

Nun wird das "Lummerlandlied" hier nicht etwa erwähnt, um ahnungslose Leser zu quälen. Nein, Hermann Ammans trotz allem liebenswerter Song gehört nun einmal so untrennbar zu Michael Endes Kinderbuchklassiker "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" wie die Verfilmung der Augsburger Puppenkiste von 1976, wo er als Titelmelodie fungierte.

Unendlich neugieriges Werk

Und wie die Macher der Neuverfilmung das Lied modernisieren, verrät einiges über ihren Umgang mit der noch immer heiß geliebten Vorlage. Sie heuerten Andreas Gabalier an, um sich durch die vier Strophen zu knödeln. Ein selbst ernannter "Volks-Rock'n'Roller", der gern von Heimat und dem angestammten Platz der Frau schwadroniert.

Ausgerechnet ein Musiker also, der jenseits von Geschmacksurteilen oft mit nationalistischen Positionen in Verbindung gebracht wird, singt bei einer Michael-Ende-Verfilmung. Was für ein Widerspruch zum freien, auf die Welt unendlich neugierigen Werk des großen Autors. Aber Gabalier verspricht eben kommerziellen Erfolg.

Dass der deutsche Ableger des Warner-Studios mit seiner "Jim Knopf"-Neuverfilmung darauf schielt, ist nicht per se verwerflich. Filme sind teuer und müssen ihr Budget wieder einspielen. Aber gerade hier wird wieder einmal deutlich, dass Kinderfilme in Deutschland ihr Publikum selten ernst nehmen. Und dass in erster Linie Bücher verfilmt werden, deren Figuren seit Jahrzehnten bekannt sind. Nicht etwa weil sie uns noch immer viel zu sagen haben. Sondern weil sie ganz von selbst ein großes Publikum anziehen.

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"Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer": Und Gabalier knödelt

Foto: Warner Bros.

Dabei haben Jim Knopf, sein Freund Lukas, Herr Ärmel, Frau Waas, der Scheinriese Herr Tur Tur und der Drache Nepomuk aus dem Roman von 1960 nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Noch immer lädt der Schmöker zu einer ungeheuren Fantasiereise ein, wenn der kleine Waisenjunge Jim und Lukas mit ihrer Dampflok Emma die kleine Insel Lummerland verlassen und in Mandala und dem Land der Tausend Vulkane Abenteuer erleben.

Ausschluss von Fantasie

Nur bleibt davon bei der Übersetzung in die Neuverfilmung kaum etwas übrig. Was daran liegt, dass aus der Grenzen überwindenden Fantasiereise des Romans ein generisch fabriziertes Fantasyabenteuer wird, das sich an den internationalen Standards des Genres orientiert. Und dabei die Originalität - und schlimmer noch: das Herz - des Buches verliert.

Das spürt man schon in den ersten Minuten des Films. Kamerafahrten zeigen ein Piratenschiff auf hoher See, und schon ist man sich nicht mehr sicher, ob man nicht doch versehentlich in die nächste Fortsetzung von "Fluch der Karibik" geraten ist, so sehr ähnelt sich die ständig um die Aufmerksamkeit des Zuschauers buhlende Optik.


"Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer"
Deutschland 2018
Regie: Dennis Gansel
Drehbuch: Andrew Birkin, Dirk Ahner, Sebastian Niemann, basierend auf Michael Ende
Darsteller: Solomon Gordon, Henning Baum, Annette Frier, Christoph Maria Herbst, Uwe Ochsenknecht, Milan Peschel
Produktion: Rat Pack Filmproduktion, Malao Film, Studio Babelsberg
Verleih: Warner Bros.
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
Kinostart: 29. März 2018


Lustlos arbeitet Regisseur Dennis Gansel, der zuletzt in Hollywood die ebenso lustlose Fortsetzung des Actionfilms "The Mechanic" mit Jason Statham verantwortete, dann das Geschehen auf Lummerland ab. Uwe Ochsenknecht darf als verspulter König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte für Lacher sorgen, dann geht's schon auf die große Reise, ohne dass einem eine der Figuren nähergekommen wäre.

Jetzt muss es erst recht schnell gehen, schließlich ist noch Stoff abzuhaken. Die Suche von Jim und Lukas nach Prinzessin Li Si findet nie einen Rhythmus, die Bilder rauschen vorbei, und ob der Zuschauer nun gerade lachen oder weinen soll, gibt der nie versiegende Klangteppich der Filmmusik vor. Echtes Interesse für die schöne Fremdartigkeit der Landschaften und Wesen auf dem Weg, eigenes Imaginieren sind nicht vorgesehen.

Mit Computereffekten vollgestopft

Dabei bildet genau das den Kern von Michael Endes poetischer Welt. Über die Erfindung von "Jim Knopf" hat er gesagt: "Ich setzte mich also an meine Schreibmaschine und schrieb: 'Das Land, in dem Lukas der Lokomotivführer lebte, hieß Lummerland und war nur sehr klein'. Das war der erste Satz, und ich hatte nicht die geringste Vorstellung, wie der zweite heißen würde. Ich hatte keinerlei Plan zu einer Geschichte und keine Idee. Ich ließ mich einfach ganz absichtslos von einem Satz zum anderen, von einem Einfall zum nächsten führen."

Die Adaption der Augsburger Puppenkiste ließ dieses freie Fabulieren spüren. Sie hatte den Vorteil, dass sie durch ihren hohen Grad an Abstraktion auch der Vorstellungskraft des Zuschauers viel Raum ließ. Gansels mit Computereffekten vollgestopfte Version dagegen schließt die Fantasie aus. Und damit auch das Glück, das es bedeutet, ganz und gar in andere Welten abzutauchen - und dort sich selbst zu begegnen.

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