Jodie Foster Ich war nie das putzige Hollywood-Püppchen

Mit sprödem Charme verführt Jodie Foster in "Anna und der König" den Herrscher von Siam. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht sie über zu eng geschnürte Korsette, die Absage an Hannibal Lecter und ihr Traumprojekt Leni Riefenstahl.

Von Elmar Biebl


Jodie Foster in "Anna und der König"

Jodie Foster in "Anna und der König"

SPIEGEL ONLINE:

Die Geschichte von Anna und ihrem König wurde schon in Filmen und Musicals abgefeiert. Fanden Sie das Thema nicht abgedroschen?

Foster: Nein, im Gegenteil. Als ich nach einer längeren Asienreise am Flughafen in L.A. ankam, beschloss ich, ein Projekt zu suchen, das Asien aus der Sicht der Asiaten beleuchtet. Auf keinen Fall wollte ich eine der üblichen Kolonial-Ladys spielen, die nur rumsitzen und Tee schlürfen.

SPIEGEL ONLINE: Das siamesische Königshaus existiert im heutigen Thailand noch immer. Aber die Reaktion auf Ihr Projekt war nicht gerade positiv.

Foster: Das ist richtig, für mich allerdings nicht ganz verständlich. Wie ich hörte, haben die Autoren von Anfang an jede Kritik und Anregung berücksichtigt. Bis zu Details, wie man etwa einen buddhistischen Tempel betritt. Dass die thailändischen Zensoren dennoch die Dreherlaubnis verweigerten, ist sehr schade.

SPIEGEL ONLINE: Deshalb wurde dann eine Kulissenstadt in Malaysia gebaut?

Foster: Ja, und zwar am Rande des Dschungels. Es war brutal heiß. Kaum ein Tag verging, an dem nicht jemand von der Crew umfiel - und ich eingepackt in ein Korsett und einem halben dutzend Unterröcken. Für mich ist es unbegreiflich, warum die Menschen früher solche Strapazen auf sich nahmen.

Jodie Foster "eingepackt in einem halben dutzend Unterröcken"

Jodie Foster "eingepackt in einem halben dutzend Unterröcken"

SPIEGEL ONLINE: Ihr Sohn Charles war mit dabei. Wie hat er denn die Hitze gemeistert?

Foster: Er hatte den ganzen Tag ein dickes, fettes Grinsen im Gesicht und hat sich offenbar pudelwohl gefühlt. Für mich war’s schön zu sehen, dass er eine ganz fremdartige Umgebung erleben konnte. Er soll von Anfang an lernen, dass andersartige Menschen und Kulturen auf dieser Welt existieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, dass er das in seinem Alter schon mitbekommen hat?

Foster: Er war sechs Monate alt, als wir ankamen, und zehn Monate alt, als wir abreisten. In diesem Alter kriegt man schon allerhand mit.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich denn Ihr Leben verändert, seit Sie einen Sohn haben?

Foster: Charles ist das Erfreulichste und Kreativste, was ich je in meinem Leben geschaffen habe. Er hält mich zwar fürchterlich auf Trab. Aber jeder Tag ist eine Entdeckungsreise für ihn, und das ist auch für mich aufregend.

SPIEGEL ONLINE: Lernen scheint in Ihrem Leben einen hohen Stellenwert zu haben.

Foster: Hat es auch. Wenn Hollywood eines Tages die Nase voll hat von mir, würde ich mein Brot als Lehrerin verdienen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben praktisch Ihr ganzes Leben vor Kameras verbracht. Und Sie haben als einer der ganz wenigen Kinderstars den Sprung zum erwachsenen Star geschafft.

Foster: Ich habe diesen Job zwar seit meinem dritten Lebensjahr, war aber glücklicherweise nie ein putziges Hollywood-Püppchen. Ich hatte immer Rollen von ganz normalen Kindern und Teenies. Und dann verschwand ich, während meiner Uni-Zeit, für drei Jahre von der Bildfläche. Als ich wieder auftauchte, war ich erwachsen.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten inzwischen auch als Regisseurin und Produzentin, wie derzeit an “Flora Plum” mit Claire Danes. War dieses Projekt so wichtig, dass Sie dafür “Hannibal”, das Sequel zu “Das Schweigen der Lämmer”, aufgaben?

Foster: Die Vorstellung, wieder in die Haut der (FBI-Agentin) Clarice Starling zu schlüpfen und mit Anthony Hopkins spielen zu können, ist wunderbar. Für mich ist Clarice wie eine vertraute Person, wie eine Schwester. Aber ich habe mich nun für ‘Flora Plum’ entschlossen. Mehr will ich darüber nicht sagen.

SPIEGEL ONLINE: Auch Ihr Film über Leni Riefenstahl ist Ihr eigenes Projekt, über das Sie selbst bestimmen können?

Foster: Ja. Ich habe sie vor einigen Jahren getroffen, als sie gerade in Papua-Neuguinea ihren Unterwasserfilm abgedreht hatte. Damals war sie schon um die 90 Jahre alt. Wir frühstückten zusammen, und ich blieb mit ihr im Kontakt. Sie ist wohl die genialste Regisseurin der Filmgeschichte. Und trotzdem setzte sie ihre Kunst für Nazi-Propaganda ein. Und damit verkörpert sie für mich ein fundamentales Dilemma des Künstlers: Der Konflikt zwischen künstlerischer Kreativität und moralischer Verantwortung.



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