Zum Tod des Regisseurs Joel Schumacher Der Mann, der Hollywood die Maske vom Gesicht riss

Er förderte Stars wie Julia Roberts, jagte Michael Douglas als Wutbürger durch L.A. und steckte Val Kilmer in ein Batman-Kostüm mit stilisierten Brustwarzen - nun ist der große Regisseur Joel Schumacher mit 80 Jahren gestorben.
Der Mann, dem die Stars vertrauen: Joel Schumacher 1991 mit Julia Roberts

Der Mann, dem die Stars vertrauen: Joel Schumacher 1991 mit Julia Roberts

Foto: 20th Century Fox/ Everett Collection/ imago images

Seine Interviews waren mindestens so spektakulär wie seine Filme. Er sprach darin genauso offen über die eigenen Fehler wie über die der Stars, mit denen er zusammenarbeitete. Detailliert legte er Report ab über die Batterien von Drinks, Pillen und Speed, die er seit seinen ersten Alkoholexzessen im Alter von angeblich neun Jahren konsumiert hatte. Genauso detailliert sprach er über die unangenehmen Seiten seiner Schauspieler. Tommy Lee Jones sei ein Arschloch, der allen anderen die Szene klaue, Val Kilmer ein psychotisches Wrack.

Joel Schumacher war der Mann, der Hollywood die Maske vom Gesicht riss. Gut möglich, dass ihm das so gut gelang, weil er bereits über 40 war, als er seine ersten großen Filme als Regisseur inszenierte. Er hatte schon zwei, drei Leben hinter sich, als er sich mit Filmen wie dem Teenagerdrama "St. Elmo's Fire" (1985) und dem Twentysomething-Horror "The Lost Boys" (1987) als Starmacher von Hollywood etablierte. Rob Lowe und Demi Moore, Kiefer Sutherland und Julia Roberts - sie alle spielten sich unter seiner Führung zu Starruhm.

In den Sechzigerjahren hatte Schumacher in Manhattan in der Modebranche gearbeitet, in den Siebzigern auf Kostümbildner umgesattelt und unter anderem mit Woody Allen für dessen Science-Fiction-Parodie "Der Schläfer" (1973) zusammengearbeitet. Schumacher war homosexuell, durch die Aids-Pandemie Anfang der Achtzigerjahre hatte er viele seiner Freunde sterben sehen. Vielleicht resultierte aus dieser Erfahrung sein unbedingter Wille, über Ängste und Abgründe offen zu sprechen. Vielen seiner jungen Darsteller bot er wohl auch deshalb Halt, weil er die Zumutungen, die in Hollywood auf sie zukamen, offen benannte.

Regisseur Schumacher mit Chris Rock und Anthony Hopkins bei den Dreharbeiten zur Actionkomödie "Bad Company"

Regisseur Schumacher mit Chris Rock und Anthony Hopkins bei den Dreharbeiten zur Actionkomödie "Bad Company"

Foto: Prod.DB/ imago images

Trotz seiner für das Establishment ungemütlichen und konfrontativen Art konnte Schumacher immer wieder Geld für die irrsten Projekte eintreiben und dafür auch die großen Stars der jeweiligen Zeit gewinnen. 1993 ließ er Michael Douglas in "Falling Down" als eine Art Prototyp des Wutbürgers durch Los Angeles Amok laufen. 1995 steckte er Val Kilmer in "Batman Forever" in ein Fledermauskostüm, bei dem vor allem die stilisierten Brustwarzen hervorstachen. Kleiner Gruß vom Mainstreamkino an die Gay Community - die Batman-Schöpfer sollen außer sich gewesen sein.

Wetterfester Sarkasmus

1999 schließlich spielte Robert DeNiro unter Schumachers Regie in "Makellos" einen sexistischen Cop-Frührentner, der sich gegen jede Wahrscheinlichkeit mit einem von Philip Seymour Hoffman verkörperten Travestiekünstler anfreundet. Das Genre der albernen machistischen Buddy-Comedy wurde hier rabiat ins nicht minder alberne Queere gewendet. Noch so eine Konfrontationstherapie à la Schumacher. Die Kritiken waren verheerend - wie zu so vielen seiner Filme. Der Regisseur schien an dieser Missgunst der schreibenden Zunft selten zu leiden, sein wetterfester Sarkasmus ermöglichte es ihm, meist selbst die besten Pointen zu seinen Flops zu formulieren. Und von denen gab es einige.

Das Böse im Menschen: Schumacher 1999 mit Nicolas Cage am Set von "8 MM"

Das Böse im Menschen: Schumacher 1999 mit Nicolas Cage am Set von "8 MM"

Foto: Mary Evans/ imago images

Dass Schumacher immer wieder Geld auftreiben konnte, lag wohl auch daran, dass er bei aller Lust zum subversiven und flamboyanten Witz ein wahnsinnig guter Handwerker und Oberflächenpolierer war. Mit den Grisham-Verfilmungen "Der Klient" (1994) und "Die Jury" (1996) lieferte er zwei so elegante wie punktgenaue Verschwörungsthriller, die das Genre bis für die Gegenwart ausformulierten.

Da passt es ins Bild, dass Schumacher im letzten Jahrzehnt, nach einer Reihe weiterer kommerzieller Fehlschläge, noch einmal im Auftrag von Netflix für ein paar Folgen von "House of Cards", dem formvollendeten Verschwörungsszenario unseres Fernsehzeitalters, hinter der Kamera Platz nahm.

Schumachers Arbeiten waren immer auch von einer großen Skepsis gegenüber der menschlichen Natur und den sozialen Systemen, die vor dieser Natur schützen sollen, geprägt. Einer seiner bizarrsten Werke in seiner an bizarren Werken langen Filmografie ist der Meta-Horrorthriller "8 mm", in dem Nicolas Cage 1999 als Privatdetektiv den Produzenten von Snuff-Videos hinterjagt, in denen Menschen real getötet werden. Es ist ein kleiner gemeiner Film über das Böse hinter der menschlichen Lust des Zuschauens, mit der Schumacher den Kinobetrieb und sein Publikum ordentlich durchrüttelt.

Am Montag erlag Joel Schumacher, Hollywoods großer Konfrontationstherapeut, im Alter von 80 Jahren in seiner Heimat New York den Folgen eines Krebsleidens.

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