100-Millionen-Film "Transcendence" Johnny, unser böser Computer-Gott

Seit wann darf das Kino nicht auch mal durchdrehen? In dem hysterischen, aber stilvollen Wissenschafts-Thriller "Transcendence" spielt Johnny Depp einen Experten für Künstliche Intelligenz, der selbst zu einem virtuellen Bewusstsein wird.
100-Millionen-Film "Transcendence": Johnny, unser böser Computer-Gott

100-Millionen-Film "Transcendence": Johnny, unser böser Computer-Gott

Foto: Tobis

In Superhelden-Storys und in Traumwelten ist nun einmal alles erlaubt. Wally Pfister hat für Christopher Nolan dessen "Batman"-Spektakel fotografiert, und er hat mit Nolan in "Inception" das Unterbewusste in gigantomanische, ineinander verschachtelte Bildwelten übersetzt. Was immer man von diesen Überwältigungsphantasien auch halten mochte: Mangelnder Realismus wurde ihnen jedenfalls nicht vorgeworfen.

Nun hat Pfister bei "Transcendence" zum ersten Mal selbst Regie geführt, das Drehbuch stammt von Jack Paglen, auch er ein Debütant - und die amerikanischen Kritiker raufen sich die Haare ob des angeblichen Unsinns, der ihnen da vorgesetzt wurde: "Altersschwache Klischees über die Übel der Technologie", fand das Branchenmagazin "Variety" , "übertrieben ehrgeizig", urteilte das "Wall Street Journal" , während "Entertainment Weekly" die Handlung "an der Grenze zur Lächerlichkeit"  verortete.

Kein Zweifel, Pfisters Begriff von Science-Fiction kann für Irritationen sorgen. Er beschreibt keine ferne, noch nicht einmal eine nahe Zukunft, sondern spinnt sich eine Phantasmagorie zusammen, die - zugegebenermaßen reichlich lose - die Möglichkeiten des Heute in einem hysterischen Morgen zuspitzt.

Eine zwangsanalogisierte Welt

Johnny Depp spielt Will Caster, einen Experten im Bereich der Künstlichen Intelligenz, der bei einem Attentat von einer antitechnologischen Terrorgruppe vergiftet wird und seinem biologischen Tod entgegensiecht. Doch in den Labors seiner Firma wurde ein radikales Experiment angeschoben, das seiner Frau Evelyn (Rebecca Hall) wie ein letzter Strohhalm scheint, die gemeinsame Arbeit fortzusetzen und ihren geliebten Partner am Leben zu erhalten: Wills Bewusstsein wird auf einen isolierten Server hochgeladen. Und der neue Will, oder wer immer das auch ist, würde gerne ins Netz, möchte dort sein Wissen teilen und vermehren und anwenden.

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"Transcendence": Grotesk geträumt

Foto: Tobis

Max (Paul Bettany), der gemeinsame Freund des Paares, ist skeptisch, doch Evelyn wirft ihn raus, bevor sie Wills Geist über die Welt verstreut. Die Rahmenhandlung, mit der Pfister und Paglen ihren Film beginnen, gibt jedoch Max recht: Da stapft er durch eine zwangsanalogisierte Welt von übermorgen, heruntergekommen, aber notdürftig funktional. Handys liegen achtlos weggeworfen in den staubigen Straßen, ein Laptop dient als Türstopper, und Max steuert zu auf einen kleinen, engen Garten und erzählt in der Vergangenheitsform von den Menschen, die er einmal kannte.

Es wird also etwas ganz furchtbar schiefgegangen sein im Übermorgen, das Pfister nicht in großflächigen Panoramen zeichnet, sondern konzentriert auf Details wie die Regentropfen, die sich leitmotivisch durch seine Geschichte ziehen. Dem bleibt er treu, egal, wie die Umtriebe des übermächtigen neuen Willens auch eskalieren mögen.

Das Unheil erwacht allmählich in einem Labyrinth aus langen, sterilen Korridoren, in Monitoren, über die Datenschwärme sausen, in einem leicht verpixelten Porträt des ehemaligen Menschen Will. Dessen Gefährtin Evelyn ist derweil alleine mit dem Code, den Robotern und ein paar Mitarbeitern im neu erbauten Hauptquartier unter einem Wüstenkaff. So sieht die große Weltphantasie von Wally Pfister aus.

Das ist von beachtlicher Eleganz, aber ohne jeden Bombast, den man so gerne mit dem Genre assoziiert - man sehe sich etwa die jüngste Auflage des "Star Trek"-Franchise an. Die abstrakten Themen, die Pfister behandelt - die Frage nach den Grundlagen unseres Menschseins, nach der Bedeutung von Gefühlen und nach unserem Begriff von Gott -, in spekulative Bildeffekte umzusetzen, hätte seine Arbeit nur noch größenwahnsinniger gemacht, als sie es ohnehin schon ist.

Anders ausgedrückt: Man sieht dem Film an, wie sorgfältig seine ästhetische Umsetzung durchdacht ist - und nicht unbedingt, dass 100 Millionen Dollar in dieser Umsetzung stecken sollen. Darin liegt auch die zweite produktive Irritation, die "Transcendence" aus vielen Zuschauern herauskitzeln wird. Als die Entität Will die Nanotechnologie für sich nutzbar macht, schlägt der Plot bald eine reichlich absurde Volte - eine, die den Film zum waschechten Paranoia-Thriller mutieren lässt und die man eher in Filmen vermuten würde, die nicht so viel Geld zu verlieren haben.

Zur Klarstellung: "Transcendence" ist weder Trash noch ein Kammerspiel. Was ihn bemerkenswert macht, ist, wie stilsicher er eine Scheinselbstverständlichkeit des Genres unterläuft - das Recht der Fiktion, sich in Einzelaspekten zu verlieren und maximal unwahrscheinliche Extremphantasien daraus zu spinnen, gewähren wir anscheinend nur da, wo entweder jede Seriosität gleich zu Beginn über Bord geworfen oder in Explosionen und Krawall erstickt wird.

Transcendence

USA, GB 2014

Regie: Wally Pfister

Buch: Jack Paglen

Darsteller: Johnny Depp, Rebecca Hall, Paul Bettany, Morgan Freeman, Kate Mara, Cillian Murphy, Clifton Collins Jr., Olivia Dudley

Produktion: Alcon Entertainment

Verleih: Tobis Film

Länge: 120 Minuten

Start: 24. April 2014

Transcendence: Offizielle Website zum Film 
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