Oscar-Kandidat "Jojo Rabbit" Hitlers kleinster größter Fan

Nach dem Erfolg seines durchgeknallten "Thor"-Films geht der neuseeländische Regisseur Taika Waititi nun mit einer Tragikomödie über einen Hitlerjungen ins Oscar-Rennen: "Jojo Rabbit".
Mit einem imaginären Hitler an der Seite versucht Jojo (Roman Griffin Davis), dem Druck im HJ-Lager Stand zu halten.

Mit einem imaginären Hitler an der Seite versucht Jojo (Roman Griffin Davis), dem Druck im HJ-Lager Stand zu halten.

Foto: 20th Century Fox

Gleich zu Beginn sieht der Zuschauer Massen von Menschen, die ihre Hände zum Hitlergruß in die Höhe recken. Es sind Dokumentaraufnahmen aus der Nazi-Zeit. Dazu ertönt ein Song, der sehr vertraut und zugleich sehr seltsam klingt: "Komm, gib mir deine Hand", die deutsche Version des Beatles-Hits "I Want to Hold Your Hand", von der Band radebrechend zum Besten gegeben. Regisseur Taika Waititi macht in seinem für sechs Oscars nominierten Film "Jojo Rabbit" sofort klar, dass er von einem Pop-Phänomen erzählen will

Seine Hauptfigur Johannes "Jojo" Betzler (Roman Griffin Davis) ist der kleinste größte Fan einer One-Man-Boygroup namens Hitler. Jojo ist zehn Jahre alt und wächst in den Vierzigerjahren in einer deutschen Kleinstadt auf. Der Vater ist im Krieg, die Mutter Rosie (Scarlett Johansson) kämpft sich mutig durch den Alltag. Der Junge hat sein Zimmer mit Nazi-Emblemen geschmückt und trägt stolz die Uniform des Jungvolks. Er freut sich auf ein Boot Camp, in dem aus Jungen Männer gemacht werden sollen. Ab und zu führt er Zwiegespräche mit Hitler.

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"Jojo Rabbit"

Foto: 20th Century Fox

Diesen imaginären Spielkameraden, den nur der Held sehen und hören kann, spielt der Regisseur selbst, als aufgeblasenen Popanz, eine Mischung aus Charlie Chaplins Hitler-Parodie in "Der große Diktator" (1940) und den Nazi-Knallchargen in Mel Brooks' Komödie "The Producers" (1968). Es ist gewöhnungsbedürftig und im Lauf des Films sogar etwas nervig, diesen Pappkameraden, der dem Jungen immer wieder Zigaretten anbietet, obwohl Hitler ein Feind des Tabaks war, durch die Szenen zappeln zu sehen.

Doch mit dieser überzeichneten Figur und dem klamottigen Humor führt der Film seine Zuschauer bewusst auf die falsche Fährte, lockt ihn hinein in die Geschichte eines Jungen, der fast alles verliert, nicht zuletzt die Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen. Es fängt damit an, dass Jojo in dem so sehnlich erwarteten Boot Camp, das Waititi wie eine dunkelbraune Variante des Pfadfinderlagers in Wes Andersons Komödie "Moonrise Kingdom" (2012) inszeniert, eigenhändig ein Kaninchen töten soll. Weil er das nicht schafft, gilt er fortan als "Hasenfuß".

Filminfo "Jojo Rabbit"

USA 2019
Buch und Regie: Taika Waititi
Darstellende: Roman Griffin Davis, Thomasin McKenzie, Scarlett Johansson, Taika Waititi, Sam Rockwell, Rebel Wilson
Produktion: TSG Entertainment, Piki Films et al.
Verleih: Walt Disney Studios
Freigeben: ab 12 Jahren
Länge: 108 Minuten
Start: 23. Januar 2020

Dann stellt er fest, dass auch zu Hause manches nicht stimmt. Er hört Geräusche aus dem oberen Stock und entdeckt hinter einer Wand ein Mädchen, die 15-jährige Jüdin Elsa (Tomasin McKenzie aus "Leave No Trace"), die seine Mutter dort vor den Nazis versteckt. In Jojos Vorstellungswelt sind Juden Blutsauger. Waititi inszeniert die erste Begegnung zwischen dem Helden und Elsa daher wie die Szene eines Horrorfilms. Wie bitte? Anne Frank meets Monster Movies? Man kann die Dreistigkeit, mit der Waititi zusammenbringt, was vermeintlich nicht zusammengehört, auch geschmacklos finden.

Aber genau dieses fröhliche Pfeifen auf Tabus verleiht dem Film Leichtigkeit. Natürlich läge es nahe, die Begeisterung des Jungen für Hitler auch mit der Abwesenheit des eigenen Vaters zu erklären. Stattdessen lässt Waititi Johansson in einer wunderbaren Szene aus der Rolle der Mutter immer wieder in die des Vaters wechseln. Die Schauspielerin macht daraus ein Duett und Duell mit einem imaginären Partner und führt ihrem Sohn auf diese Weise die Klischees vor Augen, die er von Männlichkeit hat.

"Jojo Rabbit" beruht auf dem 2008 erschienenen Roman "Caging Skies". Die in den USA geborene und in Neuseeland lebende Schriftstellerin Christine Leunens erzählt darin von der jahrelangen Beziehung zwischen einem Hitlerjungen und einer Jüdin. Waititi hat das Werk mit der gleichen Kraft und der gleichen irrwitzigen Fantasie transformiert, mit der er in dem Marvel-Film "Thor: Tag der Entscheidung" (2017) den tumben Titelhelden auf Touren brachte.   

Waititi macht aus "Caging Skies" eine Coming-of-Age-Geschichte über einen verblendeten Jungen, der sehen lernt. Nach und nach freundet sich Jojo mit Elsa an und begreift dabei, dass Juden ganz anders sind, als er dachte. Hass, so die Quintessenz des Films, beruht oft auf Unkenntnis. Wie die beiden viele kleine Scharmützel austragen und sich dabei immer näher kommen, wie sie lernen, einander zu respektieren, beschreibt der Film mit ebenso viel Feingefühl wie Humor.     

Der Tod kommt in "Jojo Rabbit" schnell, wer überleben will, darf nicht lange trauern. Der Film legt es nicht darauf an, seine Zuschauer zu Tränen zu rühren wie etwa Roberto Benignis "Das Leben ist schön" (1997). Von den Grausamkeiten der Nazis erzählt er beiläufig und dennoch eindringlich. Die Düsternis ist allerdings immer nur von kurzer Dauer. Einige Kritiker warfen Waititi vor, sich in Niedlichkeiten zu flüchten. Am Ende des Films tanzen einige der Figuren zur deutschen Version von David Bowies Hit "Heroes". Waititi will seine Zuschauer geradezu beschwingt aus dem Kino entlassen. Das ist zugleich provokant, verstörend und berührend.