Kontroverse um "Joker" Böse Leute auf beiden Seiten

Ist "Joker" ein Meisterwerk oder ein Machwerk, das zu Gewalt anstachelt? Wer den Superschurken-Blockbuster so diskutiert, geht seiner Marketingstrategie auf den Leim. Der Film ist vor allem: nichtssagend.
Joaquin Phoenix in "Joker"

Joaquin Phoenix in "Joker"

Foto: Warner Bros.

Von den vielen Diskussionen, die Todd Phillips' "Joker" ausgelöst hat, ist womöglich diejenige zielführend für das Verständnis des Films, die Martin Scorsese ausgelöst hat. Vor Kurzem hat Scorsese nämlich gesagt, Marvel-Filme (als pars pro toto für alle Superheldenfilme) seien für ihn kein Kino.

Was er damit gemeint haben könnte, lässt sich nun gut an "Joker" zeigen - dem Film,

  • der eigentlich den Beweis für die Qualität des Genres liefern soll,
  • der es als erster Superhelden-/Bösewichtfilm in den Wettbewerb eines der großen europäischen Festivals geschafft hat,
  • der den Goldenen Löwen in Venedig gewonnen hat,
  • dessen Hauptdarsteller als sicherer Oscarkandidat gilt.

Diese außergewöhnlich Resonanz liegt nicht zuletzt im Marketing von Warner begründet. Geschickt hat das Studio "Joker" als Abweichung von seinen sonstigen Comicverfilmungen positioniert, als "One-off" aus dem DC-Kino-Universum. Kein Comiclogo ziert die Plakate, stattdessen ist Charakterdarsteller Joaquin Phoenix in klassischem Charakterdarsteller-Close-up zu sehen.

Ungehemmt und ungebunden?

Diese Lässigkeit ist ermöglicht durch ein Scheitern: Hätte Warner ein glücklicheres Händchen mit seinen Superheldenfilmen gehabt, und hätte es aus Superman, Wonder Woman und der "Suicide Squad" eine ähnlich erfolgreiche Filmfamilie geschaffen wie Marvel mit seinen Avengers, gäbe es "Joker" nicht. Weil aber kein Markenkern zu verteidigen ist, kann Phoenix nun scheinbar ungebunden und ungehemmt durch Gotham City tanzen.

Frei macht sich der Film von den Erzählauflagen des Superheldenkinos allerdings nicht. Er ist eine klassische Origin-Story, und seine Spannung hängt maßgeblich von deren vorgegebener dramatischer Zuspitzung ab, nämlich der Geburt eines Oberschurken. Dabei macht sich Phillips den Kanon doppelt zunutze: Sein Joker verbreitet vor allem kleinmaßstäblich Schrecken, er tötet in seinem Nahbereich. Die intellektuellen Fähigkeiten, eine ganze Stadt im Chaos untergehen zu lassen, sind ihm offensichtlich nicht gegeben. Aber die Art von Horror verbreitet im kollektiven Kinobewusstsein eh schon Heath Ledger, weshalb der Nachhall von "Joker" nicht zuletzt das Echo von " The Dark Knight" ist. Man fürchtet, was da kommt, weil andere es schon erzählt haben.

Ähnlich instrumentalisiert "Joker" (Drehbuch: Todd Phillips, Scott Silver) Ereignisse der Zeitgeschichte. Er ist zwar ostentativ im Jahr 1981 angesiedelt, wie ein Schwenk auf eine Kinowerbung mit den Filmen "Blow Out" und "Zorro: The Gay Blade", die in eben diesem Jahr anliefen, verdeutlicht. Doch die Krisensymptome, mit denen "Joker" sein prärevolutionäres Gotham ausstattet, sind verschiedenen Dekaden der New Yorker Stadtgeschichte entnommen: Da sind der Müllabfuhrstreik von 1968, die Deinstitutionalisierung von Psychiatriepatienten, die in den Siebzigerjahren zunahm, sowie der weiße Attentäter Bernhard Goetz, der 1984 vier schwarze Teenager in der U-Bahn anschoss.

Doch noch militant

Den rassistischen Hintergrund letzteren Verbrechens kehrt "Joker" um, die Opfer von Phoenix' Figur sind weiß. Dafür wird er anfangs von vier nichtweißen Kids gedemütigt und verprügelt. Am Ende randalieren Aufständische, die den Joker als Anti-Establishment-Kämpfer missverstehen, mit Clownsmasken in den Straßen - als hätte Occupy Wall Street über einen grünhaarigen Götzen doch noch zur Militanz gefunden.

Phillips' kruder Symboliken-Mashup ähnelt Donald Trumps Diktum von "Some very fine people on both sides", als er von einer Demo von Rechtsextremen sprach, bei der eine Gegendemonstrantin von einem Rassisten getötet wurde. "Some very bad people on both sides", bei Weißen und Schwarzen, Rechten und Linken, signalisiert nun "Joker" - und zieht sich zugleich auf den sicheren Stand zurück, dass er ja 1981 spielt, also nichts über die Gegenwart gesagt haben will.

Fotostrecke

Joaquin Phoenix als "Joker": Mit dem Clown kamen die Qualen

Foto: Warner Bros.

Auch ästhetisch sichert sich Phillips ab, wenn er Klassiker wie "Taxi Driver", "French Connection" und "The King of Comedy" extensiv zitiert: Eine größere cineastische Komfortzone als New Hollywood gibt es kaum - die Ära ist gewissermaßen Synonym für ein Kino, das populär und politisch zugleich ist. Gekonnt die Vintage-Griffigkeit dieses Kinos weiterführend (Kamera: Lawrence Sher) und mit Songklassikern von Frank Sinatra, Cream und Etta James unterlegt, verströmt "Joker" Vertrautheit - und zwar so viel, dass seine größte Inspiration fast vollständig überdeckt wird: Lynne Ramsays "A Beautiful Day" von 2017.

Richtig elender Witz

Wie jetzt bei "Joker" spielte Phoenix schon damals eine Variation von "Taxi Driver" Travis Bickle, schon damals mit einer Traumatisierung aus der Kindheit, schon damals mit oft bloßem Oberkörper, auf dass Phoenix' krampfhaft verdrehte rechte Schulter die inneren Verletzungen seiner Figur nach außen trage, und schon damals lebte sein pathologischer Einzelgänger noch bei seiner pflegebedürftigen Mutter.

Im Gegensatz zu Phillips stützte sich Ramsay aber nicht nur auf ihre filmhistorischen Referenzen, sondern spielte leichthändig mit ihnen: In einer Szene setzte ihre Phoenix-Figur dazu an, die Mutter pantomimisch zu erstechen - und ahmte dazu die kreischenden Streicher aus "Psycho" nach. Ein richtig elender und ein richtig guter Witz.

Im Video: Der Trailer zu "Joker"

Warner Bros.

"Joker" dagegen hat keinen Humor. Das muss kein Problem sein, Christopher Nolans Filme sind auch komplett humorlos. Todd Phillips hat es aber zu einem gemacht: woke culture, also die neue Sensibilität für Diskriminierung, habe Comedy unmöglich gemacht, so der Regisseur der "Hangover"-Trilogie, deshalb auch sein Schwenk ins ernsthafte Fach.

Marc Maron, einer der zurzeit tonangebenden Comedians in den USA und "Joker"-Nebendarsteller, hat Phillips bereits widersprochen. "Das einzige, was zurzeit kulturell vom Tisch ist - und selbst das noch nicht mal vollständig - ist es, schamlos nach unten zu treten, einfach aus Freude daran, andere zu verletzen", so Maron in seinem millionenfach geladenen Podcast "WTF" . "Wenn du was riskieren willst, kannst du immer noch was riskieren." Die Aussicht auf womöglich überzogene Kritik lässt Maron als Entschuldigung, es mit Comedy sein zu lassen, nicht gelten: Dieser Herausforderung müsse man sich schon stellen.

"Joker" stellt sich aber keiner Herausforderung - und erst recht nicht der zurzeit größten im Kino: nämlich der Überdominanz von Comicverfilmungen mit originären Stoffen und Ästhetiken zu widerstehen. Stattdessen arbeitet Phillips im Windschatten des Genres, zitiert sich seine vermeintliche cineastische Relevanz zusammen und lässt den Rest seinen Hauptdarsteller machen.

Ist das noch Kino? Zusammen mit Martin Scorsese können einem da ernsthaft Zweifel kommen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.