"Joker"-Premiere in Venedig Gar nicht komisch, dieser Clown

Gesellschaftskritische "Taxi Driver"-Hommage mit einem sensationellen Joaquin Phoenix in der Hauptrolle: Beim Filmfestival in Venedig feierte "Joker" Premiere, die düstere Origin-Story des Batman-Gegenspielers.
Joaquin Phoenix als "Joker": Komödie und Tragödie in einer Clownsfigur verdichtet

Joaquin Phoenix als "Joker": Komödie und Tragödie in einer Clownsfigur verdichtet

Foto: Warner Bros

Ein Superheldenfilm im Wettbewerb eines großen Filmfestivals? Lachhaft, oder? Oder eben auch nicht. Mit Spannung wurde bei der Kino-Biennale in Venedig die Premiere von Todd Phillips' Comicadaption "Joker" erwartet. Der Film erzählt die sogenannte Origin-Story des notorischen Gegenspielers von Superdetektiv Batman, ein irrer, weiß geschminkter Horrorclown, der kichernd Anarchie stiftet, wo immer er auftaucht: Wie wurde dieser Typ zu einer grotesken Komikerkarikatur? Und welche Gesellschaft ließ es zu, dass es so weit mit ihm kommen konnte?

Diese Fragen verhandelt "Joker" auf spektakuläre Weise. Aber eben nicht spektakulär im Sinne von CGI-Schauwerten und rasant-bunten Materialschlachten, wie sie zumeist im Blockbusterkino des Superheldengenres vorherrschen. Schon früh kündigten Warner Bros. und DC Comics an, dass "Joker" abseits des Kino-Universums um Batman und die Justice League existieren würde, ein für sich stehender Film, der sich nicht in bestehende Handlungsstränge einfügt. Das ließ dem durch die "Hangover"-Trilogie bekannt gewordenen Regisseur Todd Phillips, der das Drehbuch zusammen mit Scott Silver ("The Fighter") schrieb, die Freiheit, eine meisterliche, sehr düstere und sozialkritische Charakterstudie zu inszenieren.

Ein echter Joker kam mit Hauptdarsteller Joaquin Phoenix dazu, der schon lange mit der Idee gespielt hatte, eine Comicfigur zu verkörpern, sich aber nicht für mehrere Filme binden wollte. Als "Joker"-Darsteller ist der Charakterdarsteller und Method Actor (unter anderem "The Master", "You Were Never Really Here") eine Sensation: Er schafft es, sogar die zur Ikone geronnene Darstellung des Batman-Bösewichts durch Heath Ledger in Christopher Nolans "The Dark Knight" verblassen zu lassen.

"Joker"-Hauptdarsteller Phoenix: Auf den Spuren von "Taxi Driver" Travis Bickle

"Joker"-Hauptdarsteller Phoenix: Auf den Spuren von "Taxi Driver" Travis Bickle

Foto: Warner Bros.

Ohnehin vergisst man bis ganz kurz vor Schluss, dass man einen Comicfilm schaut. Das Skript basiert zwar angeblich lose auf dem Batman-Klassiker "The Killing Joke" von Alan Moore, aber die eigentliche DNA dieses Jokers ist Martin Scorseses Kino der Siebzigerjahre und frühen Achtziger. "The King of Comedy" und vor allem "Taxi Driver" dienen als Blaupause für eine Hommage, die ihre Vorbilder jedoch nie aufdringlich zitiert, sondern in einem ruhigen Fluss konzentrierter Szenen und Bilder liebevoll zelebriert.

"Joker" spielt im Jahre 1981, an einer Kino-Marquee werden der politische Thriller "Blow Out" und die Comedy-Farce "Zorro: The Gay Blade" annonciert. Es ist also der Beginn der Reagan-Jahre mit ihren kapitalistischen Härten und Welfare-Kürzungen, symbolisiert durch den Großindustriellen Bürgermeisterkandidaten Thomas Wayne. Kenner wissen: Das ist Batmans Vater, aber er wird hier nicht als Wohltäter und Mäzen verklärt wie oft in den Comics, sondern als skrupelloser und empathieloser Tycoon, in dem sich auch Trump widerspiegelt. Während die Börse boomt, geht es der fiktiven Gotham City, die natürlich New York ist, so schlecht wie nie: Der Müll liegt auf den Straßen, die Nachrichten berichten über eine Plage von "Superratten", auf den Straßen regieren Rücksichtslosigkeit und Gewalt.

Kein Geld für Psychotherapie

"Haben Sie auch das Gefühl, dass es immer verrückter wird da draußen", fragt denn auch Arthur Fleck seine desinteressierte Sozialarbeiterin, bei der er eine Art Psychotherapie absolviert - bis ihr die öffentlichen Mittel gestrichen werden und damit auch Flecks Medikamente nicht nachgefüllt werden. Der sensible Außenseiter lebt bei seiner Mutter in einem schäbigen Apartment und arbeitet als Partyclown. Gleich in der ersten Szene wird er von Straßenkids zusammengeschlagen, später noch einmal von übergriffigen Yuppie-Bankern. Es ist der Punkt, an dem er mit Gewalt aufbegehrt.

Fleck träumt eigentlich von einer Karriere als Stand-up-Komiker, sein großes Vorbild ist der TV-Talkshow-Host Murray Franklin (Robert De Niro), in dem er eine Art Vaterfigur sieht. Seit seiner Kindheit leidet Fleck daran, dass er selbst in unpassendsten Situationen anfängt, laut zu lachen, auch dann, wenn eigentlich alles nur zum Heulen ist. Seine würgenden Versuche, das unkontrollierbare Gelächter im eigenen Halse zu ersticken, sind herzzerbrechend.

Joaquin Phoenix gelingt es, das ganze Elend der conditio humana in dieser sich quälenden Grimasse zu verdichten: Hysterisches Lachen und haltloses Schluchzen über den Irrsinn der Welt liegen in seinem Gesicht übereinander wie die Theatermasken Tragödie und Komödie. In manchen Szenen tänzelt dieser "Joker" so würdevoll und behände wie in einem makabren Mörderballett, in anderen schrumpelt er zu einem von Einsamkeit und Schicksal gramgebeugten Loser mit erloschenem Blick zusammen. Es ist brillant und besorgniserregend zugleich.

Zu viel vom Plot des Films sei hier nicht verraten, nur so viel: Am Ende hat Fleck in Murrays Talkshow seinen großen Auftritt in vollem Joker-Ornat mit blutrotem Grinsemund, während draußen ein wütender Mob mit Clownsmasken beginnt, die Stadt zu plündern und anzuzünden - aus Protest gegen die Verhöhnung und Marginalisierung der Armen durch Politiker-Magnaten wie Wayne. In einer Einstellung sieht die weiße Plastikmaske fast aus wie die Guy-Fawkes-Verkleidung der Anonymous-Demonstranten. Ein Narr, wer hier nicht die Parallelen zu ökonomischen und sozialen Spaltung unserer Gegenwart zieht.