Filmemacher, Künstler, Poet Jonas Mekas ist tot

Er war der Pate des amerikanischen Avantgardekinos: Jonas Mekas, Schlüsselfigur des New American Cinema, wurde bekannt für seine Arbeiten mit Andy Warhol und John Lennon. Mit 96 Jahren ist er nun gestorben.

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Er war Künstler und sorgte gleichzeitig dafür, dass die Kunst anderer gesehen und gehört wurde. Jona Mekas war Dichter und Filmemacher, Filmkritiker und Musiker, Weinliebhaber und eine laute Stimme für das unabhängige, künstlerische Kino. Jetzt ist er im Alter von 96 in seinem Appartement in New York verstorben.

Mekas kam als Kriegsflüchtling in die USA, geboren wurde er 1922 in Litauen. 1944 wurde er inhaftiert und verbrachte acht Monate in einem Arbeitslager in Elmshorn. In Mainz studierte Mekas nach Kriegsende zwei Jahre Philosophie, bevor er mit seinem Bruder Adolfas, später ebenfalls ein Filmemacher, in die USA auswanderte.

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Jonas Mekas: Der Geburtshelfer

New York wurde zu seiner zweiten Heimat, hier kaufte er sich kurz nach seiner Ankunft eine 16mm-Kamera und begann, seinen Alltag zu filmen. Später wurde daraus sein Markenzeichen: Tagebuchfilme, in denen er in Form poetischer Essays Momente seines Lebens festhielt, flüchtig, zart, verfremdet. "Walden" war 1966 der erste, weitere wie "Lost, Lost, Lost" und der vierstündige "As I Was Moving Ahead, Occasionally I Saw Brief Glimpses Of Beauty" folgten über die Jahrzehnte.

Mekas lebte seine Liebe für das Kino und den Film voll aus. In den Fünfzigerjahren gründete er die Zeitschrift "Film Culture", die bis 1996 Bestand hatte. Er schrieb zahllose Filmkritiken für das New Yorker Stadtmagazin "The Village Voice", in denen er sich für freiere Formen des filmischen Erzählens einsetzte, ohne den künstlerischen Film gegen die Hollywood-Erzählformel auszuspielen.

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1970 gründete Mekas schließlich die Anthology Film Archives, die noch heute die weltgrößte Sammlung von Avantgarde-Filmkunst beherbergt. Zu diesem Zeitpunkt war Mekas bereits der Spiritus Rector des unabhängigen amerikanischen Kinos, das mit Werken von John Cassavetes, Shirley Clarke und Robert Frank schon in den Sechzigerjahren einen Höhepunkt erlebt hatte.

Filme mit Warhol, Dalí, Lennon

Mekas inspirierte Andy Warhol dazu, Filme zu machen, er arbeitete mit ihm an seinem Acht-Stunden-Werk "Empire". Er filmte Salvador Dalí und John Lennon, wurde ein Freund von Jacqueline Kennedy und ließ die Band "The Velvet Underground" in seinem Appartement proben. Die Underground- und Popkultur der Sechziger- und Siebzigerjahre ist ohne den Einfluss von Jonas Mekas nicht denkbar.

Seine Kreativität suchte sich später neue Wege. 2007 veröffentlichte er etwa jeden Tag einen Film auf seiner Website, das Werk trägt den Titel "The 365 Day Project". In Litauen ist er ein bekannter Dichter, der mehrere Bände veröffentlichte. In Vilnius wurde 2007 das Jonas Mekas Visual Arts Center eröffnet.

Mekas war verheiratet und hinterlässt zwei Kinder. Über sich und seine Arbeit hat er gesagt: "Die Leute denken zu viel. Und sie nehmen sich zu ernst. Ich lebe ohne Plan. Mein größte Entdeckung war zu verstehen, dass ich nichts tun muss: Alles, was ich tun muss, ist zuzulassen, dass die Dinge passieren können. (...) Sich selbst ernst zu nehmen, sei es in der Kunst oder im Leben, ist unsinnig. Kunst oder Leben ohne Humor ist nicht lebenswert."

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