"Jud Süß" auf der Berlinale Das Verführerprinzip

In seinem Berlinale-Wettbewerbsbeitrag "Jud Süß - Film ohne Gewissen" erzählt Regisseur Oskar Roehler, wie der berüchtigte Hetzfilm der Nazis entstand. Er zeigt den Süß-Darsteller Ferdinand Marian als tragische Figur und Joseph Goebbels als Charmeur - Lars-Olav Beier war bei den Dreharbeiten.

Im Blitzlichtgewitter treten die Schauspieler und der Regisseur auf den roten Teppich. Sie stehen am oberen Ende der Treppe, von unten stürmen Fotografen und Journalisten auf sie zu. Sie kommen gerade aus dem Kino, wurden dort vom Premierenpublikum frenetisch gefeiert. Sie sind die umjubelten Stars des Festivals - von Venedig. Anfang September 1940: Der antisemitische Hetzfilm "Jud Süß" wird auf der Mostra gezeigt.

Plötzlich windet sich einer von ihnen nach vorn, hindurch zwischen dem Regisseur Veit Harlan und den Hauptdarstellern Ferdinand Marian und Kristina Söderbaum, glatt wie ein Aal, zeigt er Zähne wie ein Barrakuda. Er spricht fließend italienisch zu den Journalisten, er gestikuliert wie ein Italiener, ja, er sieht mit seinen großen braunen Augen sogar wie ein Italiener aus. Es ist Joseph Goebbels, Propagandaminister des Dritten Reichs, gespielt von Moritz Bleibtreu. Bleibtreu als italophiler Goebbels? Nun ja.

Im Wiener Palais Coburg, einem klassizistischen Prachtbau aus dem 19. Jahrhundert, in dem die Venedig-Szene gedreht wird, steht Regisseur Oskar Roehler neben der Kamera und beobachtet Bleibtreu, wie er seinen Goebbels mit dem Instinkt der geborenen Rampensau in den Vordergrund spielt. Roehler hält die linke Hand an den Mund, das rechte Bein ist angewinkelt, das linke durchgedrückt, sein Körper vibriert vor Spannung, als wolle er zum ganz großen Sprung ansetzen.

Popstar Goebbels?

Roehler rekapituliert in "Jud Süß - Film ohne Gewissen" die Entstehungsgeschichte des wohl berühmtesten Hetzfilms der Nazis, der bis heute auf dem Index steht und nur mit historischer Einführung vorgeführt werden darf. Und er erzählt die Lebensgeschichte des aus Wien stammenden Hauptdarstellers Ferdinand Marian, der 1939 von Goebbels für die Titelrolle ausgewählt wurde und 1946 nahe München bei einem Autounfall ums Leben kam. "Dichter, viel dichter!", ruft Roehler den Komparsen zu. Sie sollen Goebbels von allen Seiten umzingeln wie einen Popstar, wie eine One-Man-Boy-Group.

Tatsächlich fühlte sich Goebbels Anfang September 1940, als "Jud Süß" in Venedig lief, wohl ziemlich gut. "40.000 to Übersee versenkt, 19.100 durch U Boote", notierte er in seinem Tagebuch. "Abschussziffern 46 : 16. Wir steigen allmählich empor und erringen auch über England die Luftherrschaft." Dann schreibt er, eher beiläufig: "'Jud Süß' hatte in Venedig den verdienten, geradezu sensationellen Erfolg." Doch dies waren Berichte aus zweiter Hand; Goebbels war am Tag der Premiere nicht in Venedig. Und sah auch nicht ganz so gut aus wie Moritz Bleibtreu.

Betreibt der Film also Geschichtsklitterung? Das wirft der Medienwissenschaftler Friedrich Knilli, auf dessen Marian-Biografie "Ich war Jud Süß" sich das Drehbuch von Klaus Richter stützt, den Filmemachern vor. Über die Nachrichtenagentur AP ließ er Anfang dieser Woche verlauten, Roehlers Wettbewerbsbeitrag sei ein "gewissenloser Film", der durch Ungenauigkeiten und Fälschungen zur "Legendenbildung" beitrage. Der Film sei keine Dokumentation und nehme sich die "Freiheit der künstlerischen Bearbeitung", erwiderten am Mittwoch die Produzenten Markus Zimmer und Franz Novotny.

"Bestimmt wird es Kritiker geben, die aufschreien: 'Wie könnt ihr das wagen?'", sagt Bleibtreu. "Denen erwidere ich: 'Wieso nicht? Was ist daran schlimm?' Wir haben mittlerweile das Recht, mit diesen Figuren zu spielen. Sie haben uns lange genug belastet. Tarantino erlauben wir fast alles, und der hat nichts mit der deutschen Geschichte zu tun. Wir müssen uns das jetzt auch trauen."

Der Tarantino-Effekt

In "Inglourious Basterds" zeigte der Regisseur Quentin Tarantino, wie die Nazi-Beletage in einem Pariser Kino in die Luft gejagt wird. Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, leider. Doch es sprengte offenbar, auch für das deutsche Kino, die letzten Tabus. Wenn der Tarantino den Hitler in Paris erledigt, so die Devise, dann darf Goebbels in "Jud Süß" auch in Venedig Triumphe feiern. Und, schlimmer noch, größer sein als der Führer. Nämlich der Grövaz. Der größte Verführer aller Zeiten.

"Wir zeigen keine Fratzen aus dem Gruselkabinett der Vergangenheitsbewältigungsklischees, sondern charmante Nazis", sagt Novotny. "Die sind viel gefährlicher, mit denen kann das heutige Publikum aber auch mehr anfangen. Goebbels hat vermutlich viel weniger Druck gebraucht, um Frauen oder Künstler herumzubekommen, als die meisten Menschen glauben". Der Film soll das heutige Publikum die Verführungskraft der Nazis spüren lassen, der in den dreißiger Jahren Millionen Menschen erlagen.

Goebbels, so will Roehler in seinem Film zeigen, verführte mit allem, was er hatte. Mit seiner Intelligenz, seinem Charme, seiner Macht, seinen Filmen. Tatsächlich ist Harlans "Jud Süß", an dessen Drehbuch Goebbels maßgeblich mitwirkte, alles andere als ein platter, vielmehr ein besonders perfider Propagandafilm. Er zeigt seine Hauptfigur, den Juden Joseph Süß Oppenheimer, der 1733 zum Finanzrat des Herzogs von Württemberg aufstieg, bevor er fünf Jahre später hingerichtet wurde, zunächst als charismatischen Strippenzieher.

Marian, schreibt Knilli in seiner Biografie, "ist der erste Schauspieler, welcher für Juden, die sich ihrer Herkunft schämen, eine überzeugende Gestalt findet". In Harlans Film wirkt Marian als Süß eine Stunde lang wie ein Monument jüdischer Selbstbehauptung, umgeben von zaudernden Schwächlingen, die ihm nicht gewachsen sind. Doch dann fängt der Film an, seinen Titelhelden als Folterer, Vergewaltiger und Feigling zu verunglimpfen. Am Ende wird er gehängt.

Präventive Verdrängung

"Marian war überzeugt, den Juden Süß so menschlich wie möglich zu spielen. Das war aber eine einzige Autosuggestion", sagt Tobias Moretti, der Marian mit dem brüchigen Charme eines in die Jahre gekommenen Errol Flynn spielt. "Jeder von uns hat sich schon einmal etwas schön geredet, aber natürlich nicht in so extremer Form. Marian hatte solchen Hunger auf eine Filmkarriere, dass er sich das ganze hässliche Drumherum so lange garniert hat, bis er nichts mehr daran auszusetzen fand. Das war eine Art präventive Verdrängung - und eine totale Fehleinschätzung des Mediums."

So erzählt Roehlers "Jud Süß" die Geschichte eines Täters, der sich zunächst sogar für einen Wohltäter hält. Doch nach und nach wird er gezwungen, sich der Wirklichkeit zu stellen. Er wird so oft mit seiner Tat konfrontiert, bis er schließlich merkt, dass sie ein Verbrechen war. Bis nach Auschwitz führt Marian in Roehlers Film die PR-Tournee der Nazis. Dort wird ihm bewusst, dass sein Porträt eines Juden die KZ-Wächter zum Töten aufgeilt, dass er selbst einer der vielen Massenmörder ist.

"Marian ist ein naiver Held", sagt Roehler. "Das bedeutet eine ständige Gratwanderung." Auf einem verwilderten Gelände des ehemaligen Wiener Gaswerks Leopoldau dreht er eine Nachkriegsszene und verfolgt, wie Moretti als Marian mit seiner Geliebten tanzt, wie er ihr mit der einen Hand eine Flasche Alkohol entwindet und in der anderen seinen Rasierspiegel hält. Spiegel sind wichtig in diesem Film, wie in den Melodramen von Douglas Sirk reflektieren sie immer wieder die Zerrissenheit des Helden.

Wenige Minuten später, laut Drehbuch in der Schlussszene des Films, liegt Marian, der mit seinem Wagen auf einer Landstraße verunglückt ist, im Todeskampf. Zwei Polizisten erreichen den Unfallort. "Ich bin nur ... e armer Jud", stößt Marian mit letzter Kraft hervor. Doch der Schauspieler war kein Jude. "Ich hab 'Jud' verstanden", sagt der erste Polizist zweifelnd. Und der zweite entgegnet: "Gibt's denn noch Juden in Deutschland?"