Männer-Schocker "Stereo" Das Schwein in mir

Fight Club in der deutschen Provinz: Für den Kinofilm "Stereo" liefern sich Moritz Bleibtreu und Jürgen Vogel ein grausames Duell. Ein Thriller über Wille und Trieb. Großes verschwitztes Testosteron-Theater.
Männer-Schocker "Stereo": Das Schwein in mir

Männer-Schocker "Stereo": Das Schwein in mir

Foto: Wild Bunch

Männer sind Feiglinge. Sie sehnen sich nach dem Exzess, haben dann aber meist doch nicht die Eier, sich das auch einzugestehen. Also suchen sie sich einen weniger zaghaften Freund, von dem sie sich zu Suff, Gewalt und sonstigen eher nicht so ruhmreichen Arten der Triebabfuhr überreden lassen. Schuld daran ist dann der andere. Und wenn ausbruchswillige Männer so einen Freund nicht haben, denken sie sich eben einen aus.

Dies ist die Prämisse, die dem deutschen Kinofilm "Stereo" zugrunde liegt. Sie mag ein bisschen küchenpsychologisch klingen, wird aber zu einem Psychokrimi entwickelt, der in seinem Form- und Entfesselungswillen bestechend ist. Es geht um einen sympathischen Motorradwerkstattbesitzer in der Provinz, der sich von einem unrasierten Kapuzenjackenträger in eine wahre Orgie der Gewalt treiben lässt. Niemand hält die beiden auf - schon weil der Rest der Menschheit den Kapuzenjackenträger gar nicht sehen kann.

Regisseur und Autor Maximilian Erlenwein hat sich nach eigenen Angaben vom alten Hollywoodklassiker "Mein Freund Harvey" (1950) inspirieren lassen, in dem James Stewart mit einem imaginierten menschengroßen Hasen spricht. In Erlenweins bis in die Tonspur kunstvoll durchkomponierten Kopfthriller kann man aber auch erhebliche Spuren von David Finchers jüngerem Hollywoodklassiker "Fight Club" (1999) finden, in dem Edward Norton gegen das eigene Ich in Gestalt von Brad Pitt kämpft.

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Gewalt-Thriller "Stereo": In der Triebhölle

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Ein Ego im Clinch mit sich selbst - das ist auch die Grundsituation von "Stereo": Auf einmal steht Henry (Moritz Bleibtreu) vor seiner Werkstatt herum, die Kapuze weit ins Gesicht, der Blick am Anfang provozierend ausdruckslos. Träumt Erik (Jürgen Vogel) bloß von ihm? Der andere drängt sich immer weiter in das Leben des Motorradschraubers, durchkreuzt Schäferstündchen mit der neuen Freundin Julia (Petra Schmidt-Schaller), indem er die zärtlichen Annäherungsversuche zwischen den beiden mit obszönen Gesten kommentiert. Die Freundin fordert Liebe, Henry Hiebe.

Mephisto im Hoodie

Ist Erik doch nicht gemacht für die zarte Zweisamkeit? Schlummert etwa tief in ihm drin eine Bestie? Und wer sind die zwielichtigen Gestalten, die in sein Dorf kommen und ihm von irgendwelchen Gangstergeschichten erzählen, in die er angeblich verwickelt ist? Regisseur Erlenwein, der schon mit seinem gefeierten Langfilmdebüt "Schwerkraft" die Entfesselung eines Spießers in Szene gesetzt hat, entwickelt aus dem provinziellen Idyll heraus einen verstörenden Ego-Twist: Um sich seinem bösem Ich zu stellen, muss Erik tief in die eigene Vergangenheit eintauchen.

Eine Erzählsituation, die über Strecken auch frappierend an David Cronenbergs metaphysische Gewaltstudie "A History of Violence" aus dem Jahr 2004 erinnert, in der der Kampf gegen das Böse durch einen Familienvater auch der Kampf gegen die eigene Biografie ist. Zu welchen Teilen ist Gewalt in uns angelegt? Zu welchen Teilen wird sie uns aufgezwungen? Und kann man sich dagegen wehren, sich diese Gewalt aufzwingen zu lassen? Das ist auch in "Stereo" die Frage, die sich in dem grausamen, zuweilen grausam komischen Duell zwischen Henry und Erik stellt. Ein Fest für Bleibtreu und Vogel, denen es gelingt, im großen verschweinten und verschwitzten Testosteron-Theater subtile Nuancen zu setzen.

Bleibtreu gibt gekonnt den Mephisto im Hoodie, den eigentlichen Kraftakt hat aber Vogel zu stemmen. Er spielt den charmanten Schrauber, bei dem auf einmal jeder Gewaltakt vorstellbar wird. Dabei verzichtet Vogel auf Aggro-Manierismus, das Biest in seiner Figur flackert oft nur kurz in einem Augenaufschlag auf. Er spielt Erik, den Schläger im Pausenmodus, mit der gleichen erschreckenden Alltäglichkeit wie den Triebtäter in Matthias Glasners kontrovers disktutiertem Vergewaltigerdrama "Der freie Wille", ein Auftritt, für den er 2006 mit dem Silbernen Bären geehrt wurde.

Schon der Titel des älteren Films griff die Idee auf, dass trotz psychologischer und sexueller Konditionierung in allem Handeln ein Rest Selbstbestimmung steckt. Eine Erkenntnis, die jetzt auch auf brillante Weise in "Stereo" umgesetzt wird. Wie inmitten der entfesselten Gewalt zwischenzeitlich der Wille über die Kreatur triumphiert, stellt einen der stärksten Kinomomente des laufenden Jahres dar.

Stereo

D 2014

Regie: Maximilian Erlenwein

Drehbuch: Maximilian Erlenwein

Darsteller: Jürgen Vogel, Moritz Bleibtreu, Petra Schmidt-Schaller, Georg Friedrich, Rainer Bock, Mark Zak, Jürgen Holtz

Produktion: Frisbeefilm

Verleih: Wild Bunch Germany

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 16 Jahren

Start: 15. Mai 2014

Stereo - Der Film 
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